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Außenhandel Lesezeit 2 Min.

Kommentar: „Alle müssen nach denselben Regeln spielen“

Der Handel mit China ist für Deutschland unter den aktuellen Bedingungen keine Win-win-Situation mehr. Da Peking seine Wirtschaft stark subventioniert, sollten die künstlichen Preisvorteile chinesischer Exportwaren, die die deutsche Industrie bedrohen, mithilfe von Ausgleichszöllen kompensiert werden, sagt Jürgen Matthes, Außenhandelsexperte im IW.

Kernaussagen in Kürze:
  • „Die deutschen Importe aus China nehmen immer weiter zu“, sagt IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes. „Das Problem dabei ist, dass die chinesischen Anbieter oft mit extremen Niedrigpreisen operieren.“
  • Diese extremen Niedrigpreise würden insbesondere durch sehr hohe Subventionen des chinesischen Staates ermöglicht. Zudem sei der Yuan gegenüber dem Euro deutlich und künstlich unterbewertet, was zu weiteren erheblichen Preisvorteilen Chinas beitrage.
  • Matthes:„Es braucht deshalb überall dort umfassende Ausgleichszölle, wo chinesische Wettbewerbsverzerrungen nachweisbar sind und europäische Produktion durch chinesische Niedrigpreise bedroht ist.“
Zur detaillierten Fassung

Die deutschen Importe aus China nehmen immer weiter zu. Von einem De-Risking Deutschlands kann also kaum die Rede sein. Der steigende Anteil Chinas an den deutschen Einfuhren verschärft nicht nur bestehende Importabhängigkeiten, sondern setzt auch die Branchen unter Druck, in denen diese Abhängigkeiten bisher nicht bestehen, die aber als Kernbereiche der heimischen Industrie gelten und in denen viele Beschäftigte viel produzieren.

Da chinesische Exporteure wegen der US-Zollpolitik weniger in den Vereinigten Staaten verkaufen können, drängen sie nun noch stärker auf den deutschen Markt. Auch deshalb dürfte das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China in diesem Jahr auf ein neues Rekordniveau steigen.

Jürgen Matthes ist Leiter des Themenclusters Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte im IW; Foto: IW Das Problem dabei ist, dass die chinesischen Anbieter oft mit extremen Niedrigpreisen operieren. Das ist eine gravierende Belastung für das industriell geprägte deutsche Geschäftsmodell. Schon im Frühjahr 2024 zeigte eine IW-Umfrage, dass die Hälfte der befragten heimischen Industrieunternehmen, die auf ihren Absatzmärkten mit China konkurrierten, Schwierigkeiten hatte, da China seine Waren um mehr als 30 Prozent günstiger anbot als sie selbst. Einzelne deutsche Firmen berichten immer wieder, dass selbst Preisunterbietungen von 40, 50 und mehr Prozent an der Tagesordnung sind. Zuweilen bieten chinesische Unternehmen ihre Güter sogar deutlich unterhalb der Kosten deutscher Betriebe an. Das kann schlichtweg nicht mit rechten Dingen zugehen.

Unfaire chinesische Wettbewerbsverzerrungen spielen eine große Rolle bei der Preisgestaltung

Zwar sind chinesische Anbieter leistungsfähiger geworden und haben den technologischen Rückstand zu den klassischen Industrieländern verringert, hier und da haben sie diese sogar schon überholt. Doch genauso ist empirisch belegt, dass unfaire chinesische Wettbewerbsverzerrungen eine große Rolle bei der Preisgestaltung spielen. So werden die extremen Niedrigpreise insbesondere durch sehr hohe Subventionen des chinesischen Staates ermöglicht. Zudem ist der Yuan gegenüber dem Euro deutlich und künstlich unterbewertet, was zu weiteren erheblichen Preisvorteilen Chinas beiträgt.

Diese Konstellation führt dazu, dass die deutschen Exporte nach China seit einigen Jahren immer stärker zurückgehen, während die Importe aus der Volksrepublik zunehmen. Die Situation wird zudem durch Umlenkungseffekte verstärkt, wie wir in einer aktuellen Studie zeigen können: Da chinesische Exporteure wegen der US-Zollpolitik weniger in den Vereinigten Staaten verkaufen können, drängen sie nun noch stärker auf den deutschen Markt.

Der Handel mit China in dieser Form stellt keine Win-win-Situation mehr dar

Auch aufgrund dieser Entwicklung dürfte das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China in diesem Jahr auf ein neues Rekordniveau steigen. Hinzu kommen die verschärften Exportkontrollen Chinas für seltene Erden, die uns unsere Naivität bei kritischen Importabhängigkeiten vor Augen führen. Daher ist inzwischen stark zu bezweifeln, dass der Handel mit China in dieser Form noch eine Win-win-Situation ist, wie Peking immer behauptet.

Es braucht deshalb überall dort umfassende Ausgleichszölle, wo chinesische Wettbewerbsverzerrungen nachweisbar sind und europäische Produktion durch chinesische Niedrigpreise bedroht ist. Es geht hier nicht um Protektionismus, sondern um die Herstellung eines fairen Wettbewerbs und ein „level playing field“, also schlichte Chancengleichheit.

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