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Klischees auf dem Prüfstand

Derzeit ist aus dem Ausland verstärkt der Vorwurf zu hören, Deutschland wirtschafte zunehmend auf Kosten seiner europäischen Nachbarn und tue nichts für die Binnennachfrage – die Fakten aber sehen anders aus.

Kernaussagen in Kürze:
  • Derzeit wird Deutschland vorgeworfen, es wirtschafte zunehmend auf Kosten seiner europäischen Nachbarn und tue nichts für die Binnennachfrage.
  • Steigen die deutschen Exporte um 10 Prozent, nehmen die Vorleistungsausfuhren der EU-Partner nach Deutschland um rund 9 Prozent zu.
  • Im ersten Halbjahr 2013 betrug der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den Euroländern nur noch 26 Milliarden Euro – vor der Krise, waren es 58 Milliarden Euro.
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Erst Ende Oktober haben die USA Deutschland angeklagt, es behindere mit seiner Exportabhängigkeit und seiner blutarmen Binnennachfrage die Gesundung der Europartner. Mitte November hat die EU-Kommission nachgelegt und Deutschland auf die rote Liste der Länder mit möglicherweise zu hohen Leistungsbilanzsalden gesetzt. Die Leistungsbilanz erfasst die grenz­überschreitenden Ströme von Waren und Dienstleistungen, Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie Übertragungen (z. B. Heimatüberweisungen von Ausländern).

Meist tadelte die EU bisher einen Staat, wenn dessen Importe die Exporte deutlich übertrafen. Im Fall von Deutschland ist es jedoch umgekehrt – hier übersteigen die Ausfuhren die Einfuhren. Und weil der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 2013 erneut bei mehr als 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen wird – also oberhalb der von der EU-Kommission festgelegten Warnschwelle –, war Brüssel gezwungen, die Reißleine zu ziehen.

Vorgesehen ist nun, die Gründe für den hohen deutschen Überschuss genau zu untersuchen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass die EU-Kommission Deutschland am Ende vorschreibt, seine Exporte zu reduzieren oder seine Wettbewerbsfähigkeit – etwa in Form kräftiger Lohnsteigerungen – zu verschlechtern. Zumal darunter auch Deutschlands Nachbarn leiden würden. Denn diese profitieren über Zulieferungen nahezu im Gleichklang von den wachsenden Exporten Deutschlands ins außereuropäische Ausland:

Steigen die deutschen Exporte um 10 Prozent, nehmen die Vorleistungsausfuhren der EU-Partner nach Deutschland um rund 9 Prozent zu.

Also wird die Kommission höchstwahrscheinlich fordern, dass Deutschland sein Importdefizit behebt. Bei diesem Thema ist die Bundesrepublik ohnehin bereits auf einem guten Weg:

  • Nachbarn holen auf. Der deutsche Leistungsbilanzsaldo ist nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zwar auf rund 7 Prozent gestiegen. Allerdings haben sich die Leis­tungsbilanzüberschüsse regional verlagert – weg von der Eurozone, hin zu Amerika und Asien (Grafik):

Im ersten Halbjahr 2013 betrug der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den Euroländern nur noch 26 Milliarden Euro – im ersten Halbjahr 2008, vor der Krise, waren es 58 Milliarden Euro.

Besonders stark ist der Überschuss gegenüber Spanien und Italien geschrumpft. Dieser Rückgang hat den Krisenländern geholfen. Dahinter steht, dass einige dieser Länder mehr nach Deutschland exportieren – offenbar beginnen die Strukturreformen zu wirken (vgl. iwd 44/2013).

Dass der deutsche Exportmotor keineswegs zulasten der europäischen Nachbarn beschleunigt, zeigen auch andere Zahlen: Schon in diesem Jahr werden die preisbereinig­ten Exporte mehr oder weniger stagnieren. Und für das kommende Jahr erwarten die Unternehmen gemäß der aktuellen Herbstumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln allenfalls eine leichte Aufhellung ihrer Exportperspektiven (vgl. iwd 47/2013).

Gleichzeitig sind die realen deutschen Importe in den ersten drei Monaten dieses Jahres um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, die realen Exporte gaben dagegen um 0,3 Prozent nach.

Im kommenden Jahr dürfte das Wachstum der Importe etwas stärker ausfallen als das der Exporte. Damit wird Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss 2014 nach Schätzungen der OECD auf 6 Prozent sinken.

  • Binnennachfrage zieht an. Der Vorwurf, Deutschland tue zu wenig für die heimische Nachfrage, geht ebenfalls ins Leere. So wird die Inlandsnachfrage laut Sachverständigenrat 2014 kräftig zulegen.

Im Jahr 2014 dürften 1,8 Prozentpunkte des BIP-Zuwachses auf die Binnennachfrage entfallen.

Vor allem der private Konsum wächst, denn die Bundesbürger haben aufgrund des Job-Booms und der kräftigen Lohnsteigerungen – je 2,7 Prozent in den Jahren 2013 und 2014 – mehr Geld im Portemonnaie.

Auch in früheren Jahren war der Beitrag des Außenhandels zum Wachstum des realen BIP niedriger als oft vermutet (Grafik). Von 2006 bis 2012 belief er sich auf durchschnittlich 0,4 Prozentpunkte pro Jahr – der Wachstumsimpuls der Inlandsnachfrage betrug dagegen im Schnitt 1,1 Prozentpunkte.

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