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Kleine Insel, riesiger Finanzmarkt

Die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Zypern steht unter keinem guten Stern. Der überdimensionierte Bankensektor des Landes ist durch die Krise in Griechenland ins Trudeln geraten und benötigt nun Finanzhilfen der anderen Eurostaaten. Auch die Defizite im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz machen Sorgen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Zypern steht unter keinem guten Stern.
  • Die Aktiva des Bankensektors machen etwa das 7,5-Fache des Bruttoinlandsprodukts(BIP) aus, das 2011 rund 17,8 Milliarden Euro betrug.
  • Zypriotische Banken haben durch den Schuldenschnitt für den griechischen Staat bereits mehr als 3 Milliarden Euro verloren.
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Zypern wird am 1. Juli die halbjährlich wechselnde Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union (EU) übernehmen. Die Freude über dieses Ereignis dürfte allerdings sehr verhalten ausfallen – denn vor wenigen Tagen musste das Land nun doch unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen.

Zypern ist vor allem wegen seines – im Vergleich zur realen Wirtschaft – überdimensionierten Finanzsektors in die Bredouille geraten:

Die Aktiva des Bankensektors machen etwa das 7,5-Fache des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, das 2011 rund 17,8 Milliarden Euro betrug.

Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Eurozone ist es das 3,6-Fache. Wackeln also die Banken, wackelt ganz Zypern. Und genau das ist inzwischen eingetreten, denn die Geldhäuser der Insel sind stark in Griechenland engagiert, ein großer Teil ihrer Forderungen besteht gegenüber Schuldnern aus dem europäischen Sorgenstaat.

Zypriotische Banken haben durch den Schuldenschnitt für den griechischen Staat bereits mehr als 3 Milliarden Euro verloren.

Hinzu kommen noch ausstehende Forderungen von rund 25 Milliarden Euro – das entspricht mehr als 140 Prozent des zypriotischen BIP.

Die vordringlichste Aufgabe ist es derzeit, die zweitgrößte Bank Zyperns zu rekapitalisieren. Dafür sind 1,8 Milliarden Euro frisches Kapital nötig, das der Staat aber nicht selbst aufbringen kann. Denn er leidet unter einem hohen Haushaltsdefizit und der schlechten Bewertung durch die Rating-Agenturen – nach Moody’s und Standard & Poor’s hat kürzlich auch noch Fitch die zypriotischen Staatsanleihen auf Ramschniveau herabgestuft. Da dürfte die Regierung in Nikosia wehmütig auf das Jahresende 2011 zurückblicken, als sie sich noch selbst Luft verschaffen konnte – durch einen relativ billigen Kredit Russlands über 2,5 Milliarden Euro.

Doch nicht nur die Banken und die staatlichen Finanzen machen Probleme, sondern auch die Arbeitslosigkeit, die sich innerhalb von vier Jahren auf 7,8 Prozent verdoppelt hat (Grafik). Auf massive Ungleichgewichte deutet zudem das hohe Leistungsbilanzdefizit hin: 2011 lag es bei gut 10 Prozent des BIP.

In den vergangenen Jahren bereitete die Finanzierung dieses Leis­tungsbilanzdefizits keine Sorgen: Es kamen viele Direktinvestitionen und anderes Kapital ins Land. Doch diese Quellen dürften umso schneller versiegen, je niedriger Zyperns Bonität und je trüber seine Wachstumsaussichten sind. Daher hatten die Zyprioten kaum noch eine andere Wahl, als um Hilfen aus dem Rettungsfonds zu bitten, auch wenn die rund 800.000 Einwohner nun ein Sparprogramm akzeptieren müssen.

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