Tarifpolitik Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Klein, aber oho

Kleine Gewerkschaft, großer Effekt – immer wieder kommt es vor allem im Verkehrssektor zu Arbeitskämpfen kleiner Spartengewerkschaften, die das öffentliche Leben stark beeinflussen. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat einen Ansatz entwickelt, mit dem die Konfliktintensität gemessen werden kann. Er zeigt: In Branchen mit mehreren Gewerkschaften ist die Konfliktintensität besonders hoch.

Kernaussagen in Kürze:
  • Kleine Gewerkschaft, großer Effekt – immer wieder kommt es vor allem im Verkehrssektor zu Arbeitskämpfen kleiner Spartengewerkschaften, die das öffentliche Leben stark beeinflussen.
  • In Branchen mit mehreren Gewerkschaften ist die Konfliktintensität besonders hoch.
  • Die Branchengewerkschaften geben sich friedfertiger als die meisten Spartengewerkschaften.
Zur detaillierten Fassung

Wenn 200 Lotsen den Frankfurter Flughafen und damit einen beträchtlichen Teil des europäischen Flug-verkehrs lahmlegen, sorgt das für viele verärgerte Reisende und lange Schlangen vor den Bahn- und Mietwagenschaltern. Aber in der amtlichen Streikstatistik schlägt sich dieses Chaos kaum nieder. Denn im Vergleich zu einem Warnstreik von Zehntausenden Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist der Streik der Gewerkschaft der Flugsicherung mit 3.800 Mitgliedern ein Klacks, produziert er doch kaum Ausfalltage.

Zudem zählt die amtliche Statistik nur tatsächliche Handlungen wie Warnstreiks und Arbeitskämpfe, nicht aber auch Aufrufe zum Streik. Im Verkehrssektor reicht schon die Androhung eines Streiks aus, damit Passagiere zum Umbuchen bewegt werden und so dem Verhandlungsgegner geschadet wird.

Das IW Köln hat eine Methode zur Messung von Tarifkonflikten entwickelt, die auch Drohungen, Verhandlungsabbrüche oder Streikaufrufe berücksichtigt. Dazu werden den verschiedenen Konflikthandlungen sieben Eskalationsstufen zugeordnet.

Die Drohung zu streiken, ist die Eskalationsstufe 1, ein Warnstreik fällt in die Stufe 4, mit dem Arbeitskampf ist die Maximalstufe 7 erreicht (Grafik). Anhand dieser Abstufung hat das IW Köln insgesamt 123 Tarifkonflikte ausgewertet, die in einer Datenbank systematisch erfasst wurden. Die Auswahl beruht darauf, wie gut die einzelnen Tarifkonflikte auf Basis von Pressemitteilungen, Berichten und Experteninterviews dokumentiert wurden.

Die Studie umfasst zwei Ansätze: Zuerst wurde untersucht, welche Eskalationsstufe in einem Tarifkonflikt erreicht wurde. Dabei zeigt sich, dass vier der fünf Spartengewerkschaften im Durchschnitt aller ausgewerteten Konflikte auf 4,6 bis 4,7 von 7 möglichen Punkten kommen. Die Konflikte dieser Gewerkschaften führen also oft zu einem Warnstreik oder die Verhandlungen scheitern.

Die Branchengewerkschaften geben sich friedfertiger als die meisten Spartengewerkschaften: Die IG Metall, die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und die IG Bauen-Agrar-Umwelt erreichen 4,0 bis 4,2 Punkte.

Der zweite Ansatz misst, wie oft sich eine Eskalation im Laufe eines Konflikts wiederholt (Grafik). Kommt es während einer Tarifrunde je dreimal zu einer Streikdrohung, einem Streikaufruf und einem Warnstreik, beträgt die Konfliktintensität insgesamt 24 Punkte (3x1+3x3+3x4). Auch hier zeigt sich, dass die Spartengewerkschaften vergleichsweise oft auf Konfrontationskurs gehen.

Ein besonderes Problem besteht bei Tarifpluralität, wenn also ein Unternehmen in seiner Branche mit mehreren Gewerkschaften verhandeln muss. Berechnungen der Konfliktintensität zeigen, dass die Häufigkeit von Tarifverhandlungen und die Konfliktintensität einer Branche voneinander abhängen. In Branchen mit mehreren Gewerkschaften liegt die Konfliktintensität zwischen 40 und 64 Punkten. Branchen ohne Gewerkschaftswettbewerb – wie die Metall- und Elektroindustrie oder das Bauhauptgewerbe – kommen auf einen deutlich niedrigeren Wert.

Im Extremfall gerät ein Unternehmen wie die Lufthansa in der Luftfahrtbranche mit mehreren Gewerkschaften von einem Tarifkonflikt in den nächsten. Diese Entwertung der tarifvertraglichen Friedenspflicht kann der Gesetzgeber vermeiden, indem er die Tarifeinheit – ein Betrieb, eine Gewerkschaft – wiederherstellt. Diese hatte die Rechtsprechung 2010 fallen gelassen.

Hagen Lesch

Die Konfliktintensität von Tarifverhandlungen

IW Trends 3/2013

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de