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Klassenkampf hilft nicht

„Immer mehr Niedriglohn-Beschäftigte“, „Vielen droht Altersarmut“, „Die Gesellschaft fällt auseinander“ – so oder ähnlich lauteten viele Schlagzeilen der letzten Wochen. Kurzum: Das Land scheint von sozialer Spaltung bedroht. Doch stimmt das? Und: führen wir eigentlich die richtigen Debatten?

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Land scheint von sozialer Spaltung bedroht.
  • Die Mittelschicht, um deren Bestand sich viele Publizisten seit Jahren große Sorgen machen, ist stabiler als vielfach angenommen
  • Nicht der Mangel an Geld ist das größte Problem, sondern die Armut an Bildung und damit an Chancen auf einen sozialen Aufstieg.
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Ursula von der Leyen zufolge werden viele Menschen zukünftig keine ausreichende Rente mehr bekommen. Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes kommen jedoch mehr als 97 Prozent der Ruheständler ohne staatlich gewährte Grundsicherungsleistungen aus. Und obwohl ein gewisses Maß an verschämter Altersarmut existiert, weisen die Armutsforscher landauf, landab auf die nur geringe Armutsgefährdung der Rentner hin.

Außen vor gelassen wird in all der Aufregung nämlich oft, dass neben der staatlich organisierten Säule der Altersvorsorge noch eine private und betriebliche Säule existieren. Zudem steuert häufig noch der Ehepartner etwas zum Haushaltseinkommen bei. Gerade bei Themen, die mit Gerechtigkeitsfragen zu tun haben, wird häufig unsachlich argumentiert; in den Medien werden oft krasse Einzelfälle zum Modell erhoben.

Natürlich kann niemand bestreiten, dass es Menschen gibt, die nicht genug verdienen oder eine zu geringe Rente bekommen, um davon leben zu können – die Regel sind diese Fälle glücklicherweise heute gleichwohl nicht.

Auch die Mittelschicht, um deren Bestand sich viele Publizisten seit Jahren große Sorgen machen, ist stabiler als vielfach angenommen: Einer Untersuchung des IW Köln zufolge hat daran nicht einmal die schwere Wirtschaftskrise 2008 und 2009 etwas geändert. Nach wie vor zählt etwa die Hälfte der Bevölkerung zur Mitte.

Und selbst wenn mit zunehmendem Einkommen die Vermögen verhältnismäßig stärker steigen, heißt das nicht, dass die Mittelschicht nicht ebenfalls über ein respektables Vermögen verfügt. Die Formel „Je besser es den einen geht, umso schlechter muss es den anderen ergehen“, stimmt schlichtweg nicht – der Reichtum der einen macht die anderen bestenfalls relativ ärmer, in keinem Fall aber substantiell arm.

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass die Angst vor sozialem Abstieg bei den allermeisten Bundesbürgern unbegründet ist. Seit 1991 schwankt der Anteil derjenigen, die aus der Mittelschicht „nach unten absteigen“, in engen Grenzen um rund 2 Prozent. Außerdem schaffte etwa die Hälfte von ihnen bereits nach einem Jahr den Aufstieg zurück in die Mitte.

Tatsache ist genauso, dass die Zunahme von Teilzeit- und Minijobs, Leiharbeit und befristete Stellen nicht zu Lasten der Normalarbeitsverhältnisse gegangen ist. Vielmehr eröffnen diese sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse oftmals Menschen, die vorher keine Arbeit hatten, die Perspektive auf eine dauerhafte Beschäftigung.

Kümmern müssen wir uns vor allem um den untersten Rand der sozialen Skala. Doch hier ist vielleicht nicht einmal der Mangel an Geld das größte Problem, sondern die Armut an Bildung und damit an Chancen auf einen sozialen Aufstieg. Denn so sehr in vielen Debatten mit oftmals tragischen Einzelfällen argumentiert wird – es ist und bleibt richtig, dass nichts so sehr vor Armut schützt wie eine gute Ausbildung. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit, die allerdings in mancher Diskussion verdrängt wird. Denn nach den Ursachen für geringe Einkommen zu fragen, ist nicht schicklich.

Viel einfacher ist es, nach Umverteilung zu rufen – die wird es schon richten. Dass die wirklich großen Vermögen bei uns jedoch zumeist Betriebskapital sind, also in Unternehmen stecken, nicht immer eindeutig zu beziffern sind, gleichwohl aber bei gewinnbringendem Einsatz für sichere Arbeitsplätze sorgen, wird gern unterschlagen. Es scheint ja auch viel einfacher so. Der Antwort, wie sich gesellschaftlicher Zusammenhalt auf Dauer sichern lässt, kommen wir auf diese Weise aber nicht näher. Und ein Rückfall in die Zeit des Klassenkampfs hilft ebenso wenig.

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