Verhaltensökonomik Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Keine Entscheidung ist auch eine

Warum abonnieren wir Zeitschriften, die wir nicht lesen, oder kaufen Reiserücktrittsversicherungen, die wir eigentlich gar nicht wollen? Und warum spenden die Ungarn und Österreicher häufiger Organe als die Deutschen? Statt nüchtern zu berechnen, was einem mehr nutzen könnte, entscheidet der Mensch oft ziemlich irrational – nämlich gar nicht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Mensch entscheidet oft ziemlich irrational – nämlich gar nicht.
  • Unser Konsum- und Sparverhalten hängt erstaunlich oft von sogenannten Defaults ab, das bedeutet „Vorgaben“ oder „Voreinstellungen“.
  • In Dänemark sind nur 4 Prozent der Menschen als Organspender registriert, in Ungarn dagegen ist es fast jeder Bürger.
Zur detaillierten Fassung

Unser Konsum- und Sparverhalten hängt erstaunlich oft von sogenannten Defaults ab, das bedeutet „Vorgaben“ oder „Voreinstellungen“. Im Alltag begegnen uns diese Defaults vor allem bei der Installation von Computer-Software – in Form von kleinen Häkchen, mit denen wir voreingestellte Standardwerte übernehmen. Aber auch andere Branchen und der Staat arbeiten mit Voreinstellungen. Man kann sie annehmen oder ablehnen – doch oft sind sie uns gar nicht bewusst.

Wir entscheiden uns zum Beispiel häufiger für Ledersitze oder andere Extras im neuen Auto, wenn das Häkchen in der Auswahlliste bereits gesetzt ist. Auch die automatische Verlängerung von Zeitungsabos wird vom Käufer oft übernommen.

Ein weiterer Fall ist die private Altersvorsorge: Sie wird eher abgeschlossen, wenn der Arbeitsvertrag schon vorsieht, dass die vermögenswirksamen Leistungen automatisch in die Vorsorge fließen – im Unterschied zu Verträgen, bei denen der Arbeitnehmer das entsprechende Kästchen selbst ankreuzen muss.

Defaults können sogar Leben retten. In vielen Ländern sind mehr Menschen auf eine Organspende angewiesen als Spenderorgane zur Verfügung stehen. In Deutschland warten pro Jahr 10.000 Menschen auf eine Spende, denn lediglich 12 Prozent der Bürger sind eingetragene Organspender (Grafik).

In Dänemark sind nur 4 Prozent der Menschen als Organspender registriert, in Ungarn dagegen ist es fast jeder Bürger.

Dies liegt – neben den unterschiedlichen Religionen und Kulturen – vor allem an der Rechtsprechung: In Österreich, Ungarn und Schweden etwa ist jeder von Geburt an automatisch auch Organspender – in Deutschland gibt es diese gesetzliche Voreinstellung nicht. Hier muss man sich explizit als Organspender registrieren lassen. Seit November 2012 sind die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, ihre Versicherten regelmäßig über Organspende-Möglichkeiten zu informieren.

Dass Defaults eine so starke Auswirkung auf unsere Entscheidungen haben, liegt an der Natur des Menschen. Zum einen neigen wir dazu, Entscheidungen aufzuschieben, und behalten gerne den Status quo bei. Die Menschen sind oft schlichtweg zu bequem, etwas zu ändern, oder unsicher, welche Folgen eine bestimmte Entscheidung haben könnte. Zum anderen sind viele Menschen von der Informationsflut überfordert und bleiben einfach bei ihren Gewohnheiten – oder überlassen anderen die Entscheidung.

Die Forschungsergebnisse der Verhaltensökonomen um Armin Falk von der Universität Bonn zeigen, dass man Voreinstellungen eher übernimmt, wenn die Entscheidung komplex ist und man dem „Default-Setzer“ – dem Staat, der Versicherung, dem Autoverkäufer – vertraut.

Der Staat sichert die Bürger mit Defaults in vielen Bereichen ab – und schützt sie so vor einer Flut von Rechtsstreitigkeiten: Wenn zum Beispiel der Arbeitgeber oder der Vermieter keine näheren Angaben macht, dann übernimmt das Gesetz. Das Mietrecht etwa schreibt vor, wer die Wohnung renovieren muss, und das Arbeitsrecht legt fest, wie viele Urlaubstage einem Arbeitnehmer mindestens zustehen.

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