Vermögensverteilung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Keine eindeutige Wahrheit

Wie viel genau besitzen die reichsten 10 Prozent der Bundesbürger? Weil es auf diese Frage nicht nur eine, sondern viele Antworten gibt, ist letztlich keine davon genau. Je nachdem, wie man Vermögen bemisst, kommen ganz unterschiedliche Zahlen heraus. Sicher scheint nur eins: Entgegen der landläufigen Meinung sind die Reichen in den vergangenen zehn Jahren keineswegs reicher geworden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wie hoch ist der Vermögensanteil der reichsten 10 Prozent der Bundesbürger
  • Die Antwort hängt stark davon ab, wie man Vermögen definiert
  • Entgegen der landläufigen Meinung sind die Reichen nicht reicher geworden
Zur detaillierten Fassung

Der 5. Armuts- und Reichtumsbericht (ARB) der Bundesregierung wird zwar erst im Laufe dieses Jahres veröffentlicht, doch wenn die mediale Berichterstattung genauso läuft wie beim 4. ARB im Jahr 2013, steht der Tenor schon jetzt fest: Die vermögensstärksten 10 Prozent der Bundesbürger verfügen über mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens in Deutschland – und ihr Anteil steigt und steigt und steigt.

Im Jahr 2008 – das war der aktuellste Wert im 4. ARB – besaßen diese Haushalte 52,9 Prozent des gesamten Vermögens (Grafik). Das waren fast 8 Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor – Grund genug, heftig und häufig über die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland zu debattieren.

Dabei sind die knapp 53 Prozent Vermögensanteil noch relativ wenig, gemessen an den Ergebnissen, zu denen andere Studien kommen:

59 Prozent Anteil am Gesamtvermögen hat das oberste Vermögenszehntel in Deutschland laut dem aktuellen Ungleichheitsbericht der OECD. Diese Schätzung basiert auf der Vermögensbefragung der Euroländer durch die Europäische Zentralbank (EZB).

63 Prozent sind es laut Credit Suisse. Der Finanzdienstleister verwendet in seinem Vermögensreport zwar ebenfalls die Daten der Europäischen Zentralbank, schätzt aber die Vermögen der Superreichen mittels der Forbes-Reichenliste und schreibt diese fort.

Zwischen 63 und 74 Prozent Vermögensanteil hat das oberste Dezil nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Berliner Forscher rechnen ebenfalls die – geschätzten – Top-Vermögen hinzu, verweisen dabei jedoch auf „große statistische Unsicherheiten“.

Vermögen zu erfassen, ist aber nicht nur bei den oberen Zehntausend äußerst schwierig, sondern generell. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Wer kennt schon den aktuellen Verkaufswert seiner Immobilie oder den Wert seiner betrieblichen Altersvorsorge?

Aufgrund dieser Bewertungsprobleme ist es unabhängig von der Datengrundlage sehr schwierig, das Ausmaß der Vermögensungleichheit exakt zu beziffern. Akzeptiert man aber diese Probleme, dann lässt sich zumindest ein aussagekräftiges Urteil über die Entwicklung der Vermögensungleichheit fällen.

Denn die für Untersuchungen auf diesem Themengebiet relevanten Kernindikatoren werden laufend fortgeschrieben – und liefern ein Bild, das viele überraschen dürfte. Gemäß den Vermögensdaten des Sozio-oekonomischen Panels – welche ebenfalls regelmäßig für den Armuts- und Reichtumsbericht ausgewertet werden – ist der Vermögensanteil der oberen 10 Prozent der Haushalte nämlich von annähernd 57 Prozent im Jahr 2007 auf nur noch rund 53 Prozent 2012 gesunken und liegt damit unter dem Wert des Jahres 2002.

Europäische Vergleiche der Vermögensungleichheit sind noch schwieriger als nationale. Denn die Vermögensbildung und -verteilung wird stark beeinflusst von geschichtlichen Einflüssen, der Eigentumsquote und den sozialen Sicherungssystemen – alles Faktoren, die von Land zu Land stark variieren. Das DIW hat zum Beispiel einmal ausgerechnet, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland – die nach Aussagen der EZB im Vergleich der Euroländer besonders hoch ist – um rund 20 Prozent sinken würde, wenn man die gesetzlichen Rentenansprüche berücksichtigen würde.

Interessant ist auch, dass die skandinavischen Länder – die häufig als Vorbilder für Egalität und soziale Absicherung gelten – im Ranking der Credit Suisse gar nicht so gut abschneiden (Grafik):

In Schweden und Dänemark ist der Vermögensanteil der oberen 10 Prozent der Bevölkerung mit 72 beziehungsweise 67 Prozent um 9 beziehungsweise 4 Prozentpunkte höher als in Deutschland.

Gleichwohl steht fest, dass die Vermögen in Deutschland deutlich ungleicher verteilt sind als die Einkommen. Das liegt – neben dem nicht berücksichtigten Alterssicherungsvermögen – vor allem an jenen Effekten, die etwas mit dem Alter und dem jeweiligen Lebenszyklus zu tun haben.

Vermögensaufbau erfordert logischerweise eine gewisse Ansparzeit, ergo hatte die Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen im Jahr 2012 ein fast 30-mal so großes Durchschnittsvermögen wie die Altersgruppe der unter 25-Jährigen (Grafik). Beim Einkommen beträgt der Unterschied zwischen beiden Gruppen nur knapp 30 Prozent.

Die typischen Lebenszyklus­effekte zeigen sich nicht nur beim Niveau des Vermögens, sondern auch bei dessen Entwicklung:

  1. Die Gruppe der Personen mit den niedrigsten Vermögen (erstes Vermögensdezil) war im Jahr 2002 im Durchschnitt rund 17 Jahre jünger als die Personen mit den höchsten Vermögen.
  2. Die gleiche Gruppe, also jene, die 2002 im untersten Dezil war, konnte ihr Vermögen bis 2012 um durchschnittlich 29.000 Euro steigern und damit den Bereich der negativen Vermögen (Verschuldung) verlassen. Im gleichen Zeitraum mussten die beiden obersten Vermögenszehntel des Jahres 2002 nach Berechnungen des DIW einen Verlust von 22 beziehungsweise 7 Prozent hinnehmen (Grafik).

Da diese beiden Dezile überwiegend aus älteren Menschen bestehen, dürften zu den Verlusten auch Schenkungen an jüngere Generationen und vererbtes Vermögen eine Rolle gespielt haben.

Dass Erbschaften nicht nur in der finanziellen Oberschicht ins Gewicht fallen, zeigt eine Studie der FU Berlin (Grafik ). Demnach ist der Anteil der Erbschaften am Gesamtvermögen in der oberen Vermögensmittelschicht (7. bis 9. Dezil) mit rund 35 bis 40 Prozent am höchsten. Das ist mehr als im obersten Vermögenszehntel (33 Prozent) und sogar mehr als bei jenen Bundesbürgern, die das vermögensreichste 1 Prozent der Haushalte bilden (27 Prozent).

Auch wenn die Schätzungen für das oberste Prozent mit viel Unsicherheit behaftet sind, kommen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass die ausgeprägte Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland nicht durch eine Dominanz von „leistungslosen Vermögen“ zu erklären ist.

Mit anderen Worten: Der Großteil des Vermögens der Superreichen wurde nicht – wie viele glauben – geerbt, sondern erarbeitet.

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