Jugendliche mit Behinderung Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Kein Handicap für die Ausbildung

Viele junge Leute mit Handicap absolvieren ihre Ausbildung in einem Berufsbildungswerk oder einer anderen geförderten Einrichtung. Dabei stehen viele Unternehmen einer betrieblichen Ausbildung von Menschen mit Behinderung durchaus offen gegenüber. Doch oft mangelt es schlicht an Kontakten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Während die Inklusion an den Schulen gut vorankommt, hinkt die Berufsausbildung hinterher.
  • Unternehmen, die bereits behinderte Jugendliche beschäftigen, schätzen die unterstützenden Angebote der Jugendhilfe-Träger und der Berufsbildungswerke.
  • Es mangelt noch an regionalen Netzwerken, die direkte Kontakte zwischen ausbildungswilligen Betrieben und ausbildungsplatzsuchenden Jugendlichen herstellen könnten.
Zur detaillierten Fassung

Was heißt eigentlich „behindert“? Wer das Downsyndrom hat, ist für jeden erkennbar ein Mensch mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen. Aber was ist mit Schwerhörigen oder Asperger-Autisten? Als behindert gilt, wessen körperliche Funktionen, geistige Fähigkeiten oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem typischen Zustand abweichen, den Gleichaltrige üblicherweise aufweisen – so lautet die offizielle Definition.

Für Menschen mit Behinderung ist es häufig nicht leicht, einen Job oder eine qualifizierte Ausbildung zu finden. Wie groß die Unterschiede diesbezüglich zwischen Menschen mit und ohne Behinderung tatsächlich sind, zeigt ein Blick auf die Erwerbstätigkeit:

In Deutschland gingen 2013 fast 84 Prozent der 24- bis 44-Jährigen einer Berufstätigkeit nach – aber nur 58 Prozent der Gleichaltrigen mit Behinderung hatten einen Job.

Während die Inklusion an Schulen intensiv diskutiert wird, ist diese Debatte in der Berufsausbildung noch nicht so recht angekommen. So streben viele Jugendliche mit Behinderung nach der Schule in den geförderten und geschützten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, statt sich für einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen zu bewerben. In der Praxis erfolgt die berufliche Qualifizierung von Behinderten also zu häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung und in Berufsbildungswerken, ohne dass vorab betriebliche Alternativen geprüft würden – auch wenn die Berufsbildungswerke inzwischen intensiv mit Unternehmen kooperieren und sich dabei als fachkundiger Partner für die Praxis erweisen.

Jugendliche mit Behinderung werden zu oft in speziellen Werkstätten ausgebildet – und zu selten in Unternehmen.

Solche Partnerschaften sind angesichts der Inklusionsbestrebungen der Bundesregierung weiter zu intensivieren. Dies würde sich auch für die Unternehmen lohnen. Denn wenn Betriebe angesichts des Fachkräftemangels künftig verstärkt Menschen mit Behinderung beschäftigen wollen, bilden sie diese auch am besten selbst aus – schließlich verringern sie so die Unsicherheiten bezüglich deren Fähigkeiten und steigern die Bildungsrendite.

Inklusion in der betrieblichen Ausbildung: So stehen die Unternehmen dazu

Zur betrieblichen Ausbildung von Menschen mit Behinderung gibt es in Deutschland keine amtlichen Daten. Deshalb hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Rahmen des IW-Personalpanels die Betriebe zu ihrem Engagement befragt – mit folgenden Ergebnissen (Grafik):

Im Jahr 2015 bildeten 12 Prozent der ausbildungsaktiven Unternehmen Jugendliche mit Behinderung aus – betrachtet man einen Zeitraum von fünf Jahren, ist der Anteil sogar doppelt so groß.

Dass große Unternehmen häufiger behinderte Jugendliche ausbilden, ist nicht verwunderlich – letztlich nimmt in Konzernen und Großunternehmen mit vielen Azubis einfach die Wahrscheinlichkeit zu, dass darunter jemand ist, der eine physische oder psychische Behinderung aufweist. So hat jeder zweite Betrieb mit mindestens 250 Mitarbeitern innerhalb von fünf Jahren Jugendliche mit Behinderung ausgebildet.

Die Unternehmen können für ihr Engagement öffentliche Förderung erhalten – zum Beispiel Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung oder technische Hilfen, um Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Institutionen, die ausbildenden Betrieben und den Azubis helfen – sei es in Form von fachlicher Nachhilfe oder Unterstützung beim Ausfüllen von Förderanträgen (Grafik):

Jene Unternehmen, die behinderte Jugendliche beschäftigen, schätzen vor allem die Angebote der Träger der Jugendhilfe und der Berufsbildungswerke.

Allerdings macht es für die Bewertung externer Unterstützungsangebote einen Unterschied, welche Art der Behinderung die Jugendlichen haben (Grafik). Unternehmen, die ausschließlich Menschen mit psychischen Behinderungen ausbilden, vermissen häufiger externe Hilfen als Betriebe, die Jugendliche mit physischen Behinderungen beschäftigen.

Über die vorhandenen Unterstützungsmaßnahmen fühlen sich die meisten Betriebe gut informiert. Was sie aber beklagen, ist das mangelhafte Zusammenspiel der Beteiligten. So fänden es die Firmen hilfreich, wenn es eine zentrale Anlaufstelle mit einem festen Ansprechpartner für alle Informationen bezüglich der Ausbildung eines behinderten Jugendlichen über die gesamte Ausbildungsdauer gäbe. Diese Person könnte bei den Verbänden, Kammern oder privaten Bildungsanbietern angesiedelt sein.

Es mangelt an regionalen Netzwerken, die direkte Kontakte zwischen Betrieben und Jugendlichen mit Behinderung herstellen.

Nachholbedarf gibt es außerdem hinsichtlich der Kontaktmöglichkeiten: Es mangelt noch an regionalen Netzwerken zwischen Schulen, außerbetrieblichen Bildungsstätten, Berufsbildungswerken und Integrationsämtern, die direkte Kontakte zwischen Betrieben und Jugendlichen herstellen. Dies würde auch helfen, den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft weiter zu stärken.

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