Vollbeschäftigung Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Kein eindeutiger Begriff

Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, begründet seine Forderung nach höheren Löhnen in Deutschland mit der Feststellung, es gäbe in einer Reihe von Branchen und Regionen praktisch Vollbeschäftigung. Doch was ist Vollbeschäftigung überhaupt?

Kernaussagen in Kürze:
  • Arbeitsmarktforscher sprechen von Vollbeschäftigung mitunter schon dann, wenn die Arbeitslosenquote 5 Prozent beträgt.
  • Darüber hinaus hat Deutschland nach wie vor auch eine sehr hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. Viele Menschen, die nicht qualifiziert sind oder den „falschen“ Beruf gelernt haben, bekommen selbst in prosperierenden Regionen keinen Job – Vollbeschäftigung hin oder her.
  • Angesichts des demografiebedingt schrumpfenden Arbeitskräftepotenzials ist jedoch die Chance groß, dass sich die strukturelle Arbeitslosigkeit in absehbarer Zeit deutlich verringert.
Zur detaillierten Fassung

Arbeitsmarktforscher sprechen von Vollbeschäftigung mitunter schon dann, wenn die Arbeitslosenquote 5 Prozent beträgt. Die Latte liegt deshalb so hoch, weil es Formen der Arbeitslosigkeit gibt, die volkswirtschaftlich sinnvoll sind – wenn etwa ein qualifizierter Arbeitnehmer, der seinen Job verloren hat, nicht gleich das erstbeste Angebot annimmt, sondern in Ruhe nach einer passenden Stelle sucht (Kasten).

Wie hoch allein diese Sucharbeits­losigkeit sein kann, macht ein Rechenbeispiel deutlich: Im Jahr 2013 wurden in Deutschland 7,8 Millionen Menschen arbeitslos – manche auch mehrmals. Wenn jeder Betroffene nur vier Wochen nach einer neuen Stelle sucht, dann liegt die Arbeitslosenquote ohne Altfälle bei 1,4 Prozent. Wenn aber jeder Arbeitslose zwölf Wochen braucht, um einen neuen Job zu finden, beträgt allein die Sucharbeitslosigkeit schon 4,2 Prozent.

Daran gemessen herrscht in einigen Regionen Deutschlands tatsächlich Vollbeschäftigung. So kommt Bayern auf eine Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent, Baden-Württemberg auf 4,1 Prozent. Anders sieht es im Norden und Osten aus. In Berlin und Bremen zum Beispiel beträgt die Arbeitslosenquote jeweils mehr als 11 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern gut 10 Prozent.

Weil Tarifabschlüsse aber oftmals über Landesgrenzen hinaus für ganze Branchen verbindlich sind, kann der Verweis auf Vollbeschäftigung in einer Region als Begründung für hohe Lohnforderungen nicht gelten.

Darüber hinaus hat Deutschland nach wie vor auch eine sehr hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. Viele Menschen, die nicht qualifiziert sind oder den „falschen“ Beruf gelernt haben, bekommen selbst in prosperierenden Regionen keinen Job – Vollbeschäftigung hin oder her.

Wie groß dieses Problem in einzelnen Berufsgruppen ist, zeigen drei Beispiele. So beträgt die Arbeitslosenquote der Gartenbauer 31 Prozent. In den Bewachungsberufen beläuft sich die Quote auf 24 Prozent und bei den Geisteswissenschaftlern auf 27 Prozent.

Angesichts des demografiebedingt schrumpfenden Arbeitskräftepotenzials ist jedoch die Chance groß, dass sich die strukturelle Arbeitslosigkeit in absehbarer Zeit deutlich verringert. Dann dürften, sofern die Konjunktur mitspielt, auch bundesweit Arbeitslosenquoten von weniger als 5 Prozent möglich sein. Von Quoten wie in Wirtschaftswunderzeiten ist man dann allerdings noch immer weit entfernt (Grafik).

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