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Branchenporträt Lesezeit 3 Min.

Kautschukindustrie: Elastisch, aber angespannt

Die Hersteller von Gummiprodukten sind wichtiger Bestandteil der deutschen Industrie – und das nicht nur als Zulieferer für die Automobilbranche. Die stagnierende Wirtschaft und die geopolitischen Spannungen in der Welt machen den hiesigen Kautschukunternehmen allerdings zusehends zu schaffen. Mit gezielter Standortpolitik ließe sich die Lage verbessern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Kautschukindustrie ist ein relevanter Wirtschaftsfaktor Deutschlands. Im Jahr 2024 erzielten die Unternehmen der Branche einen Umsatz von annähernd 11,4 Milliarden Euro.
  • Allerdings trifft die Industriekrise die Branche hart: Mehr als 10.000 Arbeitsplätze gingen in den vergangenen fünf Jahren verloren. Und auch die Kapazitätsauslastung im Jahr 2024 gibt wenig Anlass zur Hoffnung.
  • Trotz der schwierigen Lage investiert die deutsche Kautschukindustrie weiterhin stark in die eigene Zukunft. Sie braucht dabei Unterstützung von der Politik, etwa durch wettbewerbsfähige Energiekosten und niedrigere Unternehmensteuern.
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Wenn von Gummiproduktion die Rede ist, kommt vielen sofort der Autoreifen in den Sinn. Doch der elastische Stoff ist in noch viel mehr Dingen des Alltags zu finden: in Schuhsohlen, der Yogamatte, als Dichtung in Maschinen, Fenstern und Türen oder in Schnullern und Zahnbürsten. Gummiprodukte sind oftmals ein unscheinbarer bis unsichtbarer Teil des täglichen Lebens – und dennoch oder gerade deswegen sehr wichtig.

Zudem ist die Kautschukindustrie ein relevanter Wirtschaftsfaktor. In Deutschland beschäftigte sie im vergangenen Jahr etwa 63.000 Menschen. Insgesamt verarbeiteten die in der Bundesrepublik angesiedelten Betriebe im Jahr 2024 rund 520.000 Tonnen Kautschuk zu Gummi – gut 43 Prozent des Kautschukeinsatzes wurden benötigt, um Reifen herzustellen. Der Umsatz der Branche ist beträchtlich (Grafik):

Im Jahr 2024 erzielten die Unternehmen der deutschen Kautschukindustrie einen Umsatz von annähernd 11,4 Milliarden Euro.

Kennzahlen zur Kautschukindustrie in Deutschland im Jahr 2024 Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Doch der Blick zurück auf die mittelfristige Entwicklung zeigt: Der Branche geht es schlecht. Strukturwandel, Kostendruck und geringere Nachfrage haben dazu geführt, dass die Unternehmen innerhalb von fünf Jahren mehr als 10.000 Arbeitsplätze abbauen mussten. Die Industriekrise trifft die Branche mit Wucht.

Trotz der schwierigen Lage investiert die deutsche Kautschukindustrie weiterhin stark in die eigene Zukunft und hebt sich damit vom allgemeinen Trend in der Industrie ab.

Vor allem die schwächelnde Autoindustrie macht den Kautschukunternehmen in ihrer Rolle als Zulieferer zu schaffen. Zum einen werden weniger Autos gebaut und damit weniger Reifen benötigt. Dazu verlagern Autobauer Produktionen von Zuliefererkomponenten zum Teil „inhouse“, weil sie wegen Beschäftigungsgarantien für ihre Belegschaft die eigene Auslastung wieder verbessern wollen.

Apropos Auslastung:

Die Reifenhersteller in Deutschland hatten im vergangenen Jahr eine Kapazitätsauslastung von weniger als 80 Prozent.

Unterhalb dieser Marke wird es für die Betriebe extrem schwierig, wirtschaftlich zu arbeiten. Historisch gesehen ist eine Auslastung von mehr als 90 Prozent üblich.

Genauso schlecht sieht es an den Fertigungsstandorten für technische Gummiprodukte aus. Im Jahr 2024 waren die Anlagen der überwiegend mittelständischen Unternehmen in Deutschland nicht einmal zu 74 Prozent ausgelastet.

Wenn es im Inland schlecht läuft, wandert der Blick auf der Suche nach neuen Absatzmärkten zwangsläufig zu den internationalen Handelspartnern. Ein Land sticht dabei hervor:

Der deutsche Export von Gummiprodukten nach Indien ist 2024 um 122 Prozent gestiegen.

Auch in den osteuropäischen Staaten wie Polen, Tschechien und Rumänien stieg die Nachfrage, besser liefen die Geschäfte zuletzt zudem mit der Türkei.

Die Gegenbuchung ist allerdings, dass die Ausfuhren ins Nachbarland Frankreich, ins Vereinigte Königreich und in die USA im Jahr 2024 deutlich gesunken sind. Ein zunehmendes Problem für die deutsche Kautschukindustrie ist außerdem China. Die Volksrepublik war im vergangenen Jahr im Bereich der technischen Gummiprodukte der größte Exporteur von Konkurrenzprodukten nach Deutschland.

Die Kautschukindustrie braucht wettbewerbsfähige Energiekosten und niedrigere Unternehmensteuern

Trotz der schwierigen Lage investiert die deutsche Kautschukindustrie weiterhin stark in die eigene Zukunft und hebt sich damit vom allgemeinen Trend in der Industrie ab (Grafik):

Im Jahr 2024 tätigten die Unternehmen der deutschen Kautschukbranche Investitionen in Höhe von 740 Millionen Euro, das waren 10 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor.

Umsatz und Investitionen der Unternehmen der Kautschukindustrie in Millionen Euro Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Besonders hoch sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE), sie betrugen zuletzt 6 Prozent des Branchenumsatzes. Zum Vergleich: In Deutschland lag der FuE-Anteil gemessen am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2023 – das sind die neuesten verfügbaren Daten – bei 3,1 Prozent. Im Fokus der Forschungsvorhaben der Kautschukunternehmen stehen Produkt- und Prozessentwicklung.

Den Willen der deutschen Kautschukindustrie, weiterhin hochwertige Produkte am Standort Deutschland zu produzieren und damit Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern, sollte die Politik dringend unterstützen. Denn nur mit passenden Rahmenbedingungen lässt sich das Vorhaben auch in der Praxis umsetzen.

So brauchen die Unternehmen wettbewerbsfähige Energiekosten. Auch niedrigere Unternehmensteuern und eine stärkere Förderung der Kreislaufwirtschaft würden sich positiv auswirken. Eine große Baustelle ist zudem die überbordende Bürokratie. Ein Abbau sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene ist zwingend nötig, um die Unternehmen zu entlasten.

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