Beruf und Familie Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Karriere ist nicht alles

Viele Arbeitnehmer wollen keine Karriere machen, vermutlich weil ihnen Führungspositionen zu wenig Zeit für die Familie lassen – denn die Familie hat für die meisten Deutschen Priorität.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln möchte nur jede dritte Frau Karriere machen – aber fast jeder zweite Mann
  • Der Karrierewunsch ist zudem eine Frage des Alters: Von den unter 30-jährigen Frauen streben 67 Prozent und von den Männern 80 Prozent einen Chefsessel an – jeweils gut 20 Prozentpunkte mehr als bei den 31- bis 40-Jährigen.
  • Ein Grund dafür ist, dass Beruf und Familie in zeitlicher Konkurrenz zueinander stehen – im Alter zwischen 30 und 40 Jahren steht bei vielen Menschen die Gründung einer Familie an.
Zur detaillierten Fassung

Morgens halb sieben in Deutschland: Die dreijährige Lena Schmidt will trotz Minusgraden nur in ihrem Sommerkleid in den Kindergarten und der siebenjährige Mika sucht noch die Sporttasche. Frau Schmidt ist auf einer dreitägigen Fortbildung, deshalb fährt Papa die Kleinen in die Kita bzw. Schule. Und gut, dass es Freisprechanlagen im Auto gibt, so kann er sich schon auf der Autobahn in die Telefonkonferenz der Firma einwählen.

Lena geht in die Nachmittagsbetreuung des Kindergartens, aber Mika hat keinen Platz in einer Ganztagsschule bekommen. Ein Glück, dass die Großeltern gleich nebenan wohnen. Doch seit einiger Zeit sind auch sie aus gesundheitlichen Gründen auf Hilfe angewiesen.

Solche großen und kleinen Probleme gehören für die meisten Paare zum Alltag – jedenfalls möchten sie deshalb nicht auf ihren Beruf verzichten. Für sie heißt es daher, Beruf und Familie miteinander zu verzahnen. Viele Unternehmen in Deutschland gehen diesen Weg mit und 
setzen vor allem auf flexible Arbeitszeiten. Damit kommen sie den Bedürfnissen jener Beschäftigten entgegen, die Zeit mit der Familie verbringen wollen, Kinder und Angehörige pflegen müssen oder einfach mehr Freizeit haben möchten.

Dass sich das Arbeits- und das Privatleben sehr wohl in Einklang bringen lassen, zeigt auch der bemerkenswerte Anstieg der Frauen­erwerbstätigkeit:

Zwischen 1992 und 2012 ist die Quote der erwerbstätigen Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren von 56 Prozent auf 68 Prozent gestiegen.

Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind oft Kompromisse nötig. Frauen stecken häufig beruflich zugunsten der Familie zurück: Knapp jede zweite arbeitet nicht Vollzeit, in Führungspositionen sind sie weiterhin unterrepräsentiert.

Hat also die Karriere für Frauen einen anderen Stellenwert als für Männer? Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die auf einer Befragung von Erwerbstätigen durch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) sowie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) basiert, lässt das vermuten (Grafik). Demnach möchte nur jede dritte Frau Karriere machen – aber fast jeder zweite Mann.

Dabei räumen Jüngere ihrem beruflichen Aufstieg einen deutlich höheren Stellenwert ein als Ältere (Grafik):

Von den unter 30-Jährigen streben bei den Frauen 67 Prozent und bei den Männern 80 Prozent einen Chefsessel an – jeweils gut 20 Prozentpunkte mehr als bei den 31- bis 40-Jährigen.

Eine mögliche Erklärung hierfür liegt in dem, was die Deutschen über alles schätzen: die Zeit mit ihrer Familie. So wünschen sich mehr als neun von zehn Angestellten und Arbeitern genügend Zeit für Angehörige, die Kinder und den Partner.

Beruf und Familie stehen allerdings in zeitlicher Konkurrenz zueinander – vor allem im Alter zwischen 30 und 40, wenn die Gründung einer Familie ansteht. Viele Erwerbstätige – nach wie vor besonders Frauen – reduzieren daher zugunsten der Familie ihre Wochenarbeitszeit und pausieren auch länger.

Damit stellen sie ihre beruflichen Ambitionen bewusst in dem Wissen zurück, dass von Führungskräften meist ein hohes zeitliches Engagement gefordert wird. Es geht dabei weniger um Präsenzzeiten im Büro als vielmehr um die Bereitschaft, in wichtigen Projektphasen mehr zu arbeiten und für Mitarbeiter und Kunden erreichbar zu sein. Chefs in Teilzeit sind immer noch selten.

Gerade die phasenweise hohe zeitliche Beanspruchung macht familienorientierten Beschäftigten aber Probleme. Betreuungsangebote von Schulen und Kindergärten bieten ihnen oft nicht die nötige Flexibilität, wenn zum Beispiel das Meeting einmal länger dauert.

Bereits für den Führungskräfte­nachwuchs spielt das zeitliche Engagement neben den erforderlichen Qualifikationen eine wichtige Rolle. Karriereorientierte Beschäftigte sind bereit, mehr in ihren Job zu investieren, um sich für anstehende Beförderungen durch gute Leistung im Job zu empfehlen. Sie arbeiten daher meistens in Vollzeit, halten die Familienpausen kurz und machen mehr Überstunden als ihre Kollegen ohne Karriereambitionen.

Beschäftigte, denen ihre berufliche Karriere (sehr) wichtig ist, bekleiden auch häufiger eine Führungsposition: Während 33 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer mit Karriereambitionen einen oder mehrere Mitarbeiter führen, haben unter allen Beschäftigten nur 26 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer eine Position mit Führungsverantwortung.

Der Verzicht auf die Karriere wird von den Beschäftigten nicht zwingend als Nachteil empfunden:

Neun von zehn Frauen sind sowohl mit als auch ohne Karriereambitionen mit ihrem Job zufrieden – Gleiches gilt für die Männer.

Was im Job wichtig ist, beurteilen Beschäftigte sehr unterschiedlich. Während karriereorientierte Beschäftigte ein hohes Einkommen und die disziplinarische Führungsverantwortung schätzen, legen familienorientierte Beschäftigte großen Wert auf eine gewisse Selbstbestimmung bei der zeitlichen Gestaltung ihrer Arbeitszeiten. Fehlt der Karrie­rewunsch, ist weniger der berufliche Status einer Führungsposition relevant als vielmehr die Möglichkeit, sich fachlich einzubringen.

Der zeitliche Konflikt zwischen Familie und Karriere lässt sich nicht auflösen. Der Wunsch, beides zu verbinden, kann jedoch von der Politik und den Unternehmen durch Betreuungsangebote und flexible Arbeitszeiten unterstützt werden. Dadurch lässt sich der Anteil weiblicher Führungskräfte sicherlich steigern. Letztlich trifft aber jede und jeder einzelne Beschäftigte die Entscheidung für sich, ob sie oder er das (zeitliche) Engagement für die 
Karriere aufbringen möchte.

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