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Außenhandel Lesezeit 4 Min.

Kampf um kanadische Rohstoffe

Die EU ist aufgrund geringer eigener Vorkommen auf den Import vieler Rohstoffe angewiesen. Dafür braucht sie strategische Partnerschaften und Freihandelsabkommen mit anderen rohstoffreichen Ländern. Ein vielversprechender Kandidat ist Kanada – doch auch die USA und China mischen in Nordamerika mit.

Kernaussagen in Kürze:
  • Fast 60 Prozent der kanadischen Exporte von kritischen Rohstoffen entfielen 2023 auf die USA. Dahinter folgten China und Brasilien, den größten Anteil unter den EU-Ländern hatten die Niederlande und Deutschland mit jeweils etwa 3 Prozent.
  • Kanada verfügt über große unerschlossene Reserven an kritischen Rohstoffen, ist aber auf Direktinvestitionen aus dem Ausland angewiesen, um diese zu heben. Seit 2021 ist China der mit Abstand größte Investor im kanadischen Bergbau.
  • Um sich unabhängiger von den Großmächten USA und China zu machen, ist es im Interesse der EU, aber auch von Kanada, ihre Partnerschaft zu intensivieren.
Zur detaillierten Fassung

Die USA sind unbestritten wirtschaftlich und vor allem sicherheitspolitisch ein unverzichtbarer Partner für die EU. Der Zollkonflikt und die generell unberechenbare Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump haben aber gezeigt, dass sich die Staatengemeinschaft stärker bemühen sollte, sich ein Stück weit von den USA zu lösen. Helfen kann dabei eine engere Kooperation zwischen der EU und Kanada.

Der US-Nachbar besitzt reiche Vorkommen wichtiger Rohstoffe. Ein Fünftel der kanadischen Exporte entfiel im Jahr 2024 auf Mineralien und Metalle, darunter viele, die die Europäische Kommission als kritisch einstuft. Dazu gehören Rohstoffe, die unverzichtbar für Schlüsselbereiche wie die Digitalisierung und die Energiewende und somit von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind. Die Versorgung mit diesen Rohstoffen ist aber gleichzeitig hohen Risiken ausgesetzt – zum Beispiel durch Lieferengpässe, geopolitische Unsicherheiten oder eine geringe Verfügbarkeit von Ersatzstoffen.

Um sich unabhängiger von den Großmächten USA und China zu machen, ist es im Interesse der EU, aber auch von Kanada, ihre Partnerschaft zu intensivieren.

Doch gerade bei diesen kritischen Rohstoffen ist das Handelsvolumen zwischen Kanada und der EU noch klein. Größter Abnehmer der kanadischen Produkte sind die USA. Gemeinsam mit Mexiko haben diese beiden Länder seit vielen Jahren ein Freihandelsabkommen – zwischen 1994 und 2020 zunächst das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA, seitdem das von Trump ausgehandelte USMCA-Abkommen. Dadurch sind erhebliche wirtschaftliche Verflechtungen zwischen den drei Volkswirtschaften entstanden. So legt ein Großteil der kritischen Rohstoffe aus Kanada nur einen kurzen Weg zurück (Grafik):

Fast 60 Prozent der kanadischen Exporte von kritischen Rohstoffen entfielen 2023 auf die USA.

So viel Prozent der kanadischen Exporte von kritischen Rohstoffen gingen 2023 in diese Länder Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Dahinter folgen China und Brasilien, an die Kanada 2023 rund 7 beziehungsweise 5 Prozent der Exporte dieser Produkte lieferte. Den größten Anteil unter den EU-Ländern hatten die Niederlande und Deutschland mit jeweils etwa 3 Prozent.

China kontrolliert kanadischen Markt für seltene Erden

Ein genauerer Blick auf einzelne Materialien bestätigt das Bild des ausbaufähigen Handels zwischen Kanada und der EU. So liegt der Anteil Kanadas an den europäischen Importen zwar für einige wenige kritische Rohstoffe wie Uran oder Nickel höher als der jeweilige Weltexportanteil der Nordamerikaner, für einige aber auch deutlich darunter – zum Beispiel für Grafit, einen wesentlichen Bestandteil von E-Batterien. Besonders eklatant ist die Differenz in der Rohstoffgruppe „Andere Erze und Konzentrate“ (Grafik):

Während auf Kanada hierbei rund ein Viertel der weltweiten Exporte entfällt, gehen nur 0,1 Prozent davon nach Europa.

So viel Prozent der europäischen Importe dieser kritischen Rohstoffe kamen 2024 aus Kanada Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Bemerkenswert dabei: In diese Kategorie fallen auch die seltenen Erden, die für Elektromotoren, Generatoren oder Windkraftanlagen gebraucht werden und bei denen Europa bislang vollständig auf den Import aus China angewiesen ist (siehe “Seltene Erden: Chinesisches Druckmittel”). Und obwohl die Vorkommen in ihrem Land liegen, sind auch die Kanadier nicht unabhängig vom Reich der Mitte. Denn China ist an den größten kanadischen Minenkonzernen mehrheitlich beteiligt und kontrolliert mehr als 90 Prozent der Weiterverarbeitungstechnologien für seltene Erden im Land.

Damit liegt auch die Kontrolle über die Lieferketten größtenteils bei China – als Folge gehen 99 Prozent der Exporte Kanadas in der Rohstoffgruppe, zu der die seltenen Erden gehören, ins Reich der Mitte.

Das Beispiel Kanada zeigt, wie China seine Dominanz auf Schlüsselmärkten festigt. So verfügen die Kanadier nach wie vor über große unerschlossene Reserven an kritischen Rohstoffen, sind aber auf Direktinvestitionen aus dem Ausland angewiesen, um diese zu heben. China hat das Potenzial längst erkannt und ist seit 2021 der mit Abstand größte Investor im kanadischen Bergbau. Im vergangenen Jahr stammte rund die Hälfte aller neuen ausländischen Direktinvestitionen in diesem Sektor aus dem Reich der Mitte, auf die USA entfielen 30 Prozent – und nur 13 Prozent auf Europa.

EU-Staaten sollten CETA-Freihandelsabkommen zügig ratifizieren

Um sich unabhängiger von den Großmächten USA und China zu machen, ist es im Interesse der EU, aber auch von Kanada, ihre Partnerschaft zu intensivieren. Zwar besteht zwischen beiden seit 2017 das Freihandelsabkommen CETA, dies ist allerdings immer noch nicht von allen EU-Staaten ratifiziert und somit nur in Teilen in Kraft. Die Staatengemeinschaft muss bereit sein, hier Zugeständnisse zu machen und ihre Bedenken hinsichtlich Umwelt-, Verbraucher- und Arbeitnehmerrechten unterzuordnen – nur so kann sie ihre nach wie vor große Abhängigkeit von China und den USA verringern.

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