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Jeder Job zählt

Länder wie Deutschland und Großbritannien haben einen relativ großen Niedriglohnsektor – und nicht zuletzt deshalb weniger Arbeitslose als andere Staaten. Im Umkehrschluss heißt das: Wer den Niedriglohnsektor zurückdrängt, riskiert Arbeitsplatzverluste.

Kernaussagen in Kürze:
  • Länder wie Deutschland und Großbritannien haben einen relativ großen Niedriglohnsektor – und nicht zuletzt deshalb weniger Arbeitslose als andere Staaten.
  • Insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren 1,4 Millionen neue Jobs entstanden; seit dem Beschäftigungstiefpunkt im Jahr 2005 hat die Zahl der Stellen um 2,7 Millionen zugelegt.
  • Von 1999 bis 2009 ist der Anteil der Geringverdiener an der Erwerbsbevölkerung von 10 auf 14 Prozent angestiegen.
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Auch im vergangenen Jahr hat sich der deutsche Arbeitsmarkt positiv entwickelt – trotz eines nur mäßigen Wirtschaftswachstums:

1. Die Zahl der Arbeitslosen sank 2012 auf 2,9 Millionen, das ist der niedrigste Stand seit 1991.

  • In den neuen Bundesländern sind heute weniger Menschen arbeitslos als unmittelbar nach der Wende – seinerzeit mussten viele ehemalige Kombinate dichtmachen, weil sie sich nicht rentierten. Von 1991 bis zum Höchststand im Jahr 2003 war die Zahl der Arbeitslosen von 800.000 auf 1,3 Millionen gestiegen. Heute indes sind weniger als 700.000 Ostdeutsche ohne Job.
  • In Westdeutschland war – mit wenigen Ausnahmen – die Arbeitslosigkeit zuletzt im Jahr 1982 deutlich niedriger als heute.

2. Die Zahl der Erwerbstätigen hat 2012 ein Allzeithoch erreicht. Mit 41,6 Millionen hatten noch nie so viele Menschen einen Job wie im vergangenen Jahr. Dabei wuchs vor allem die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, die fast wieder den Stand von 1992 erreichte.

Insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren 1,4 Millionen neue Jobs entstanden; seit dem Beschäftigungs­tiefpunkt im Jahr 2005 hat die Zahl der Stellen um 2,7 Millionen zugelegt.

Von dieser Entwicklung haben auch Geringqualifizierte profitiert. Sie hatten es in den vergangenen Jahren besonders schwer, eine Anstellung zu finden, weil der technische Fortschritt manchen Arbeitsplatz gekostet hat und Unternehmen einfache Arbeiten zum Beispiel nach China oder Indien ausgelagert haben. Trotzdem gingen im Jahr 2011 rund 57 Prozent der 25- bis 64-Jährigen ohne Berufsausbildung arbeiten – zehn Jahre vorher waren es nur 53 Prozent.

Die verbesserten Berufschancen für Unqualifizierte, die größte Problemgruppe des Arbeitsmarktes, spiegeln sich auch in den Statistiken der Jobcenter wider. Seit 2006 geht die Zahl der erwerbsfähigen Empfänger von Arbeitslosengeld II zurück (Grafik).

Vollbeschäftigung ist in Deutschland trotz aller Erfolge aber noch längst nicht erreicht. Denn dafür müsste die Arbeitslosenquote bei rund 4 Prozent liegen.

Um die Quote von derzeit 6,8 Prozent auf 4 Prozent zu senken, müsste mindestens eine weitere Million Arbeitslose einen Job finden.

Das ist nicht ganz einfach, denn zwei Drittel aller Arbeitslosen sind Arbeitslosengeld-II-Bezieher. Zwar ist nicht jeder Hartz-IV-Empfänger geringqualifiziert. Aber der Anteil der Menschen ohne Berufsausbildung ist in dieser Personengruppe mit 52 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den anderen Arbeitslosen. Zudem gibt es in dieser Gruppe besonders viele Langzeitarbeitslose. Somit sind fehlende oder im Laufe langer Arbeitslosigkeit verloren gegangene Qualifikationen das Haupt­hindernis für die Wiedereingliederung in den Beruf.

Die naheliegende Konsequenz ist, durch Aus- und Weiterbildung die Qualifikationen zu verbessern. Das wird auch getan. Bei manchen Kandidaten nutzt aber selbst das nichts – sie schaffen einfach keinen Berufsabschluss. Ein gesunder Arbeitsmarkt muss daher auch Beschäftigungschancen für Geringqualifizierte, also einfache Tätigkeiten, bereithalten.

Meist werden Arbeitskräfte, die keine oder die „falsche“ Ausbildung haben, jedoch schlecht bezahlt. Viele Politiker und Gewerkschaften wollen deshalb Mindeststandards für einfache und gering entlohnte Tätigkeiten setzen, etwa gesetzliche Mindestlöhne. Solche Maßnahmen mögen gut gemeint sein, würden aber das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn gerade die niedrig bezahlten Jobs machten zuletzt einen erheblichen Teil des arbeitsmarktpolitischen Erfolgs aus.

Von 1999 bis 2009 ist der Anteil der Geringverdiener an der Erwerbsbevölkerung von 10 auf 14 Prozent angestiegen.

Die Expansion des Niedriglohnsektors ging aber nicht zulasten der Normalverdiener. Deren Anteil an allen Beschäftigten ist von 1999 bis 2009 sogar von 46 auf 48 Prozent gestiegen. Gering entlohnte Arbeitsplätze sind vielmehr neue Arbeitsplätze – und zwar für Menschen, die zuvor kaum Aussicht auf einen Job hatten. Rückläufig war deshalb nicht die Zahl der normalen Jobs, sondern der Anteil der Inaktiven:

Arbeitslose, Frührentner und Nichterwerbstätige machen heute nur noch 26 Prozent der 15- bis 64-Jährigen aus, 1999 betrug ihr Anteil immerhin 32 Prozent.

Dass Jobs mit kleinem Salär helfen, die Arbeitslosigkeit in Schach zu halten, zeigt auch ein internationaler Vergleich. In Deutschland und Großbritannien z. B. trifft ein hoher Anteil an Niedriglohnbeschäftigten auf einen kleinen Anteil an Nichtbeschäftigten (Grafik). In den süd­europäischen Krisenländern ist der Niedriglohnsektor kleiner – aber diejenigen, die dort nicht beschäftigt sind, finden sich überwiegend im Kreis der Arbeitslosen wieder.

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