Bankenkrise 08.08.2016 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Italienisches Banken-Dilemma

Die italienische Regierung will die Regeln der EU-Bankenunion verwässern und staatliche Gelder zur Rettung der maroden Finanzinstitute einsetzen. Ansonsten müssten die italienischen Kleinanleger die Bankenrettung finanzieren – und könnten sich dafür an der Wahlurne rächen. Sogar der Ixit – die italienische Variante des Brexit – wäre dann nicht mehr ausgeschlossen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Fast ein Drittel aller notleidenden Kredite in der Eurozone entfallen auf Italien.
  • Regierungschef Matteo Renzi steht vor dem Dilemma, das Bankenproblem gemäß den EU-Regeln lösen zu müssen, ohne die italienischen Wähler in die Arme der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung zu treiben.
  • Letztlich ist eine Bankenrettung ohne Steuergelder kaum möglich.
Zur detaillierten Fassung

Das Ausmaß der italienischen Bankenkrise ist enorm: Allein die 15 größten und systemrelevanten Banken haben mittlerweile zusammen 236 Milliarden Euro an faulen Krediten in ihren Büchern. Das heißt:

Das Verhältnis von notleidenden Krediten zum italienischen Bruttoinlandsprodukt ist von 9,3 Prozent im Jahr 2009 auf 14,4 Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Damit entfällt fast ein Drittel aller faulen Kredite der Eurozone auf Italien.

Anders als in Spanien und Irland sind die italienischen Banken nicht durch eine Preis- und Kreditblase an den Immobilienmärkten in die Bredouille geraten, sondern infolge der scharfen Rezession im Jahr 2009. Die Wirtschaftskrise traf Italien nicht nur härter als den Rest der Eurozone, das Land hat sich davon bis heute auch kaum erholt – nicht zuletzt, weil die Regierungen in Rom praktisch keine einzige der notwendigen Reformen umgesetzt haben.

Fast ein Drittel aller notleidenden Kredite in der Eurozone entfällt auf Italien.

Jetzt steht die Regierung Matteo Renzi vor einem Dilemma: Hält sie sich an die Regeln der Bankenabwicklungsrichtlinie der EU, müssten die Anteilseigner und Kunden der maroden Banken zunächst Verluste von mindestens 8 Prozent der Verbindlichkeiten tragen, bevor staatliche Hilfen gewährt werden dürfen.

Erst Brexit , dann Ixit?

Dieses Bail-in ist für Italien besonders heikel, weil dort rund ein Drittel der Verbindlichkeiten nicht bei institutionellen Anlegern liegt, sondern bei privaten Haushalten – und diese bluten zu lassen, ist politisch nicht durchsetzbar. Zumal es im Oktober auch noch ein Referendum gibt: Darin geht es zwar um innenpolitische Fragen, das italienische Volk könnte die Abstimmung aber zu einem Anti-Renzi-Votum ummünzen und der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung an die Macht helfen – und die hat den Italienern ein Referendum über den Verbleib in der EU versprochen.

Deshalb will Regierungschef Renzi den schwer angeschlagenen Banken auf einem anderen Weg helfen: Es soll eine Bad Bank gegründet werden, die den Geschäftsbanken notleidende Kredite im Wert von 50 Milliarden Euro Kredite mit einem Abschlag von 80 Prozent abnimmt.

Die Banken hätten also einen Verlust von 40 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Zudem würden nach diesem Deal noch zehn der 15 Banken zusätzliche staatliche Hilfe von fast 22 Milliarden Euro brauchen, weil ihre Eigenkapitalbasis verglichen mit dem Eurozonen-Durchschnitt zu niedrig ist. Zusammen mit den 10 Milliarden Euro, mit denen die Bad Bank die 50 Milliarden Euro fauler Kredite ablöst, müssten die italienischen Steuerzahler in dieser Variante also fast 32 Milliarden Euro in die Banken stecken.

Italienische Steuerzahler müssen Milliarden aufbringen

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat zwei Alternativen zu diesem Szenario berechnet:

Variante 1. Wenn der Abschlag, mit dem die Bad Bank die faulen Kredite übernimmt, nicht 80 Prozent beträgt, sondern nur 50 Prozent, müsste entsprechend mehr Geld in die Bad Bank fließen, nämlich 25 statt 10 Milliarden Euro. Dafür würden die Kosten der Rekapitalisierung von 22 auf rund 11 Milliarden Euro sinken. In diesem Szenario würden die Anteilseigner und Gläubiger der Banken zwar geschont, für die Steuerzahler wäre es aber die teuerste Lösung. Denn sie müssten insgesamt gut 36 statt 32 Milliarden Euro aufbringen.

Variante 2. Übernimmt die Bad Bank die faulen Kredite mit 100 Prozent Abschlag, erleiden die Banken einen Totalverlust ihrer notleidenden Kredite und müssten deshalb sogar mit 30 Milliarden Euro rekapitalisiert werden – für die Steuerzahler wäre das jedoch die günstigste Lösung.

Das italienische Dilemma zeigt: Eine Bankenrettung ohne Steuergelder ist kaum möglich. Denn die Wunschvorstellung, dass Eigentümer und Gläubiger alle Verluste tragen, funktioniert nur, wenn es sich dabei ausschließlich um professionelle Investoren handelt.

IW-Kurzbericht 46/2016

Markus Demary: Italy's Banking Crisis – Creditor Bail-in Is No Panacea

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