Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

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Interview: „Wir sind weiterhin ein wohlhabendes Land“

In Deutschland geben die Menschen im Vergleich zu anderen EU-Staaten mehr Geld für Autos und Freizeitaktivitäten aus. Dafür spielen Nahrungsmittel und Wohnkosten hierzulande eine vergleichsweise geringe finanzielle Rolle. Warum sich die EU-Bürger so in ihren Konsumausgaben unterscheiden, erklärt Galina Kolev-Schaefer, Senior Economist für Handelspolitik und Auslandskonjunktur im IW.

Kernaussagen in Kürze:
  • „Die Menschen können sich hierzulande mehr leisten und fragen mehr Luxusgüter nach als beispielsweise in Bulgarien oder Rumänien“, sagt Galina Kolev-Schaefer, Senior Economist für Handelspolitik und Auslandskonjunktur im IW.
  • Man müsse anerkennen, dass die Bundesrepublik weiterhin ein Land mit einem sehr hohen Wohlstand ist. Das könne man gut an den Freizeitausgaben erkennen.
  • „Das sind Einkäufe, die man sich nicht leisten kann, wenn das ganze Geld für die Grundbedürfnisse gebraucht wird“, so Kolev-Schaefer.
Zur detaillierten Fassung

Die stark gestiegenen Nahrungsmittelpreise sind für viele Bundesbürger ein großes Thema, dabei wenden die Menschen in Rumänien und Bulgarien im Vergleich gut das Doppelte ihres Budgets für Lebensmittel auf. Wie kann das sein?

Das liegt am unterschiedlichen Entwicklungsstand der Länder. Deutschland hat ein deutlich höheres Pro-Kopf-Einkommen, die Menschen können sich deshalb hierzulande mehr leisten und fragen mehr Luxusgüter nach. Die Bulgaren und Rumänen müssen dagegen erst mal schauen, dass sie ihre Grundbedürfnisse befriedigen – und dazu gehören nun mal Lebensmittel, die dann einen größeren Anteil an den Ausgaben ausmachen.

Dann überraschen die Ausgaben für Kleidung und Schuhe: Ausgerechnet das wohlhabende Designerland Frankreich weist dafür mit knapp 3 Prozent EU-weit den geringsten Wert auf. Kaufen die Franzosen nur Fast Fashion?

Galina Kolev-Schaefer ist Senior Economist für Handelspolitik und Auslandskonjunktur im Institut der deutschen Wirtschaft; Foto: IW Medien Frankreich ist nicht dafür bekannt, dass man dort günstig shoppen gehen kann. Und die Preise für Kleidung und Schuhe sind dort in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sodass diese Zahl auch für mich eine der überraschendsten der Studie ist.

Rumänen investieren dagegen fast 8 Prozent ihrer Konsumausgaben in Textilien. Gibt es dafür einen Grund?

Zu einem wesentlichen Teil liegt das an der Preisentwicklung für diese Produkte, gerade in Rumänien beobachten wir hier einen deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahren. Das hat dazu geführt, dass sich der Anteil für Bekleidung an den Konsumausgaben vergrößert hat.

Bei den Verkehrsausgaben entfällt der größte Anteil in Deutschland auf den Kauf und das Betreiben von Fahrzeugen.

Die Bundesbürger geben relativ viel Geld für den Verkehrssektor aus. Könnte man sie nicht entlasten, indem man das ursprüngliche Deutschlandticket wieder einführt oder wie in der Slowakei das Bahnfahren für junge und alte Menschen kostenlos macht?

Bei den Verkehrsausgaben entfällt der größte Anteil in Deutschland auf den Kauf und das Betreiben von Fahrzeugen. Bei den Personenverkehrsdienstleistungen gehören wir nicht unbedingt zu den Ländern mit den höchsten Anteilen an den Konsumausgaben.

Also kaufen sich die Deutschen einfach gerne mehr Autos als Slowaken?

Oder teurere. In Deutschland kann man es sich auf jeden Fall eher leisten, hochwertigere Autos zu kaufen, als das in der Slowakei oder in anderen osteuropäischen Ländern der Fall ist.

Solange die deutschen Verbraucher bei den Ausgabenanteilen für Freizeitbeschäftigungen an der Spitze stehen, ist doch hierzulande alles in Butter, oder nicht?

Es gibt viele berechtigte Gründe, über Deutschland zu meckern: die Bürokratie, der Digitalisierungsrückstand, teilweise das Schulsystem oder die Infrastruktur insgesamt mit ihren zahlreichen Baustellen. Wir müssen aber anerkennen, dass wir weiterhin ein Land mit einem sehr hohen Wohlstand sind. Das kann man gut an den Freizeitausgaben erkennen. So geben die Deutschen beispielsweise relativ viel Geld für Gartenpflanzen aus, was sich seit der Coronapandemie sogar noch verstärkt hat. Das sind Einkäufe, die man sich nicht leisten kann, wenn das ganze Geld für die Grundbedürfnisse gebraucht wird.

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