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Künstliche Intelligenz Lesezeit 4 Min.

Interview: „Wir dürfen nicht zum Zaungast der KI-Revolution werden“

Künstliche Intelligenz bietet der deutschen Wirtschaft enorme Chancen, doch bisher schöpft ein großer Teil der Firmen dieses Potenzial noch nicht aus. Barbara Engels, Senior Economist für nachhaltige Digitalisierung im IW, erklärt im iwd-Interview, woran es hapert und was Politik und Wirtschaft tun müssten, um die KI-Nutzung voranzubringen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Bei der KI-Nutzung von Unternehmen sieht Barbara Engels, Senior Economist für nachhaltige Digitalisierung im IW, noch viel Luft nach oben, vor allem im Mittelstand.
  • Dass KI unterm Strich Jobs vernichtet, glaubt sie nicht. Im Gegenteil schaffe KI neue Tätigkeiten und helfe, den aktuellen Fachkräftemangel zu lindern.
  • Die Politik sollte konkrete und leicht zugängliche finanzielle Unterstützung anbieten, damit auch kleine Firmen KI-Projekte umsetzen können. Wichtig wäre auch eine zentrale Anlaufstelle.
Zur detaillierten Fassung

Gut ein Drittel der deutschen Unternehmen setzt künstliche Intelligenz ein – stimmt Sie das hoffnungsvoll oder verschlafen zu viele Firmen diesen technologischen Fortschritt?

Tatsächlich setzen immerhin 37 Prozent der Unternehmen KI ein. Die meisten tun dies aber leider nicht flächendeckend und umfassend, sondern nur in einzelnen Unternehmensbereichen und für einzelne Prozesse. Wir müssen also über die reinen Nutzungszahlen hinausblicken und fragen, wie intensiv die KI-Nutzung wirklich ist. Da gibt es meinem Eindruck nach noch viel Luft nach oben, vor allem im Mittelstand. Wir dürfen nicht zum Zaungast der KI-Revolution werden. Hoffnungsvoll stimmt mich, dass viele Unternehmen planen, künftig KI zu implementieren.

Kleine Firmen setzen am seltensten auf KI. Kann es sein, dass sie die Tools schlicht nicht brauchen – beispielsweise, weil sie persönliche Dienstleistungen anbieten?

Viele kleine Unternehmen meinen vielleicht, KI sei nur etwas für große Konzerne. Aber das ist zu kurz gedacht. Klar, ein Industriebetrieb hat mehr Automatisierungspotenzial als ein Friseursalon – doch selbst der kann von KI profitieren, etwa bei personalisierter Kundenwerbung oder der Terminplanung. Die meisten kleinen Firmen haben allerdings noch gar nicht ernsthaft geprüft, wie KI ihre Prozesse verbessern könnte. Da liegt das eigentliche Problem.

Auch kleine Unternehmen können von KI profitieren.

Welche Ziele haben die Unternehmen denn generell, wenn sie KI-Tools implementieren?

Das Hauptziel ist laut unserer Umfrage die Unterstützung bei Routineaufgaben. Am zweithäufigsten nennen die Unternehmen die Qualitätsverbesserung. KI kann beispielsweise helfen, Produktfehler zu minimieren. Was ich persönlich interessant finde, ist, dass an dritter Stelle das Ziel steht, auch komplexe Aufgaben an die KI zu übertragen. Das zeigt, wie vielfältig KI inzwischen ist.

Barbara Engels ist Senior Economist für nachhaltige Digitalisierung im IW; Foto: IW Medien Wenn KI so viel kann, drängt sich die Frage auf, wie groß das Risiko ist, dass diese Technik Arbeitsplätze vernichtet.

KI verändert jetzt schon viele Tätigkeiten, das ist klar. Den Beschäftigten bietet sich die Möglichkeit, sich stärker auf den Kern ihres Jobs zu fokussieren, also kreativer und strategischer zu arbeiten, während die KI zum Beispiel lästige Dokumentationspflichten übernimmt.

Beschäftigte müssen sich sicherlich anpassen – das ist nichts Neues. Aber KI bedeutet halt die größte gesamtwirtschaftliche Umwälzung seit der Erfindung der Dampfmaschine. Trotzdem glaube ich nicht, dass künstliche Intelligenz unterm Strich Jobs vernichtet. Im Gegenteil schafft KI neue Tätigkeiten und hilft uns, den aktuellen Fachkräftemangel zu lindern. Wer also arbeiten möchte, wird auch in Zukunft einen Job finden – vermutlich sogar einen besseren.

Das bedeutet, dass viele Mitarbeiter in Unternehmen lernen müssen, angemessen mit KI umzugehen. Wo sehen Sie hier Bildungsbedarf?

Jeder sollte heutzutage eine gewisse Grundbildung haben, weil KI in sehr vielen Bereichen unseres Lebens eine zunehmende Rolle spielt. Und nur wenn ich die Prinzipien der Technologie verstehe, kann ich sie gezielt nutzen und habe auch das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Das bedeutet, dass wir KI-Bildung auf allen Ebenen brauchen: in den Schulen, an den Universitäten – auch außerhalb technischer Studiengänge – und natürlich in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung.

KI hilft uns, den aktuellen Fachkräftemangel zu lindern.

Eine weitere Voraussetzung für den KI-Einsatz ist eine funktionierende digitale Infrastruktur. Wie sieht es damit hierzulande aus?

Die digitale Infrastruktur reicht noch nicht aus, um künstliche Intelligenz zukunftssicher einsetzen zu können. So sind wir noch längst nicht am Ziel, wirklich alle Haushalte und Unternehmen ans Glasfasernetz anzubinden, und es mangelt an Rechenkapazitäten, etwa für Echtzeitanwendungen wie die smarte Fertigung.

Damit zusammenhängend sind wir von digitaler Souveränität noch weit entfernt, auch weil ein sehr hoher Anteil der in Deutschland eingesetzten digitalen Technologien von außerhalb Europas kommt. Aus meiner Sicht ist es ganz zentral, dass wir in Sachen digitale Technologien souverän, also handlungsfähig sind, egal was geopolitisch gerade passiert.

Was müsste die Politik sonst noch tun, um KI in der deutschen Wirtschaft voranzubringen?

Vor allem für kleine Unternehmen ist es schwierig zu verstehen, was ihnen KI bringt und wie sie deren Möglichkeiten ausprobieren können. Da sollte die Politik konkrete und leicht zugängliche finanzielle Unterstützung anbieten, damit auch kleine Firmen KI-Projekte umsetzen können.

Wichtig wäre auch eine zentrale Anlaufstelle, also ein „One-Stop-Shop“, der den Unternehmen bei allen Fragen zum Thema KI weiterhilft. Das könnte eine neue Einrichtung sein, die gemeinsam von Bund und Ländern betrieben wird. Denkbar wäre auch, auf bestehende Einrichtungen wie die Mittelstand-Digital-Zentren zurückzugreifen. In jedem Fall bietet das neue Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung eine gute Chance, das Thema beherzt anzugehen.

Wir brauchen KI-Bildung auf allen Ebenen.

Außerdem ist der Staat beim zentralen Thema Cybersicherheit gefordert. Er muss nicht nur für die öffentliche Verwaltung sichere digitale Lösungen einkaufen, sondern auch ganz allgemein die Forschung zum Thema „Sichere KI“ fördern.

Und welche Hausaufgaben müssen die Unternehmen selbst erledigen?

Wenn die Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig sein wollen, müssen sie in jedem Fall eine Bestandsaufnahme machen, damit sie wissen, welche Daten es bei ihnen gibt und wie ihre Prozesse aussehen. Denn nur dann sind sie überhaupt in der Lage zu prüfen, für welche Zwecke sie KI sinnvollerweise nutzen können.

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