Interview: „Wir dürfen keine Kinder verlieren“
Deutschland gibt im Bildungssektor derzeit kein gutes Bild ab. Woran das liegt, was besser laufen könnte und wie andere Länder die Ausbildung ihrer Jugend erfolgreich vorantreiben, erklären die Autoren des INSM-Bildungsmonitors, Christina Anger und Axel Plünnecke.
- Das Kompetenzniveau der Schüler in Deutschland ist deutlich gesunken. Das liege aber nicht am vermehrten Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen, sondern an mangelnden Sprachkenntnissen, sagen die IW-Bildungsexperten Christina Anger und Axel Plünnecke.
- Ein Problem sei auch die intensive Smartphone-Nutzung vieler Schüler. KI sei eine weitere Herausforderung für den Schulalltag.
- Die Bildungsexperten plädieren dafür, dass sogenannte Startchancen-Programm auf mehr Schulen mit sozial schwierigem Umfeld auszuweiten, um so gezielt möglichst viele Kinder mit Förderbedarf zu unterstützen.
Im Bildungsmonitor 2026 steht Sachsen schon wieder an der Spitze. Warum?
Plünnecke: Sachsen hat seit Jahren die höchsten Werte bei Schulqualitätstests. Die Schüler schneiden gut ab in Mathematik, Naturwissenschaften und im Lesen. In Sachsen gibt es außerdem eine sehr gut ausgebaute Ganztagsinfrastruktur. Und das Land hat einen hohen MINT-Anteil und hohe Forschungsausgaben an den Hochschulen.
Und woran hakt es bei den Sorgenkindern am Ende des Tableaus, speziell Bremen?
Anger: Bremen ist, was die Schulqualität und Bildungsarmut angeht, traditionell weit hinten. Zu viele Kinder erreichen dort die Mindeststandards nicht. Außerdem sind die Ausgaben für Bildung vergleichsweise gering. Aber Bremen investiert derzeit viel Geld gezielt in Schulen mit größeren Problemen. Bis sich da messbare Erfolge einstellen, dauert es natürlich einige Jahre.
Die Pandemie hatte Auswirkungen auf das Leistungsniveau, aber die Kompetenzen sind auch vorher schon rückläufig gewesen.
Plünnecke: Man muss auch beachten, dass Bremen, ähnlich wie das Ruhrgebiet, eine andere Sozialstruktur hat als etwa Sachsen. Es gibt in der Hansestadt viele Kinder aus bildungsfernen Haushalten, die daheim kein Deutsch sprechen und deshalb noch mal eine stärkere Förderung benötigen. Dadurch ist es für Bremen schwerer, auf dasselbe Niveau zu kommen wie andere, sozial stärkere Bundesländer.
Die Kompetenzen der Schüler in Deutschland sind massiv gesunken. Was sind die Ursachen?
Anger: Die Schülerschaft ist durch Zuwanderung heterogener geworden und es ist gut, dass wir diese Kinder hier in Deutschland haben, schließlich lindern sie unseren demografischen Wandel. Der Migrationshintergrund dieser Kinder ist auch nicht das Problem, sondern die in Teilen mangelnden Sprachkenntnisse. Da müssen wir insgesamt mehr tun, das haben auch viele Bundesländer erkannt. In Hamburg gibt es beispielsweise schon sehr lange eine gezielte Förderung, die genau dieses Thema adressiert. Dort werden Schulen mit größerem Bedarf speziell gefördert, nicht nur finanziell, sondern auch personell. Dadurch hat Hamburg Erfolge erzielen können und sich im Ranking nach vorn gearbeitet.
Inwieweit hat Ihrer Meinung nach die Coronapandemie Einfluss auf die negative Entwicklung gehabt?
Anger: Die Pandemie hatte Auswirkungen auf das Leistungsniveau, aber die Kompetenzen sind auch vorher schon rückläufig gewesen. Manche Kinder und Jugendliche sind in der Pandemie nicht so gut klargekommen wie andere. Und lernen ist ein kumulativer Prozess. Wer einmal rausgekommen ist aus dem Lernen oder den Anschluss verloren hat, kommt womöglich nicht mehr wieder gut rein.
Auch die Smartphone-Nutzung ist häufig Thema in öffentlichen Diskussionen. Gibt es Erkenntnisse, wie sich Social Media und Co. auf Kinder und Jugendliche auswirken?
Anger: In der aktuellen PISA-Studie lassen sich Zusammenhänge zwischen der Zeit am Smartphone und dem schulischen Abschneiden erkennen. Jugendliche, die sehr viele Stunden am Tag online sind, erzielen schlechtere schulische Ergebnisse. Die Zahlen sind teils erschreckend: Manche Jugendliche verbringen an einem normalen Wochentag mehr als sieben Stunden in der Freizeit am Handy. Ganz pragmatisch gedacht, bleibt da einfach keine Zeit mehr zum Lernen und für Hausaufgaben.
Ein Blick ins Ausland: Wo läuft es im Bildungssektor besser als in Deutschland und was kann man sich davon abschauen?
Plünnecke: Das Vereinigte Königreich hat in den vergangenen Jahren massiv auf das Training von Basiskompetenzen gesetzt und dadurch bessere Ergebnisse in internationalen Vergleichen erzielt. Sie messen dort sehr genau und leiten aus den Ergebnissen ab, wie sie Kinder und Jugendliche im Lesen und Rechnen unterstützen können.
In Kanada wiederum sind sogar die Schulen verantwortlich für die Lernergebnisse der einzelnen Kinder. Jeder Lehrer weiß dort in seinen Fächern, ob Kind X oder Y Probleme beim Lernen hat, und dann wird gezielt gemeinsam an der Förderung der Fähigkeiten gearbeitet.
Wenn wir das Startchancen-Programm, nach einer positiven Evaluation, auf die unteren 40 Prozent der Schulen ausweiten, können wir sehr viel bewegen.
Anger: Andere Länder gehen auch anders mit den Lernstandserhebungen um als Deutschland. Dort schauen sich die Schulen an, wie sie im Vergleich zu anderen stehen, wo sich etwas verbessert hat oder wo nicht. Und vor allem stellen sie sich die Frage: Was folgt daraus und was müssen wir verändern?
In Deutschland schaut man sich dagegen die schwachen Ergebnisse an, es gibt eine Woche lang mediale Aufregung und dann passiert nichts mehr.
KI verändert gerade die Welt und auch den Schulalltag. Welche Auswirkungen könnte das Ihrer Meinung nach auf das Lernen haben?
Plünnecke: Es gibt Chancen und Risiken. Ungesteuert und unbegleitet kann es dazu führen, dass Schüler alles „outsourcen“ und nichts mehr lernen. Ein Beispiel: Ich soll ein Buch lesen und die wichtigsten Charaktere darin beschreiben. Lasse ich das als Schüler von einer KI machen, erhalten ich zwar wahrscheinlich einen tollen Text, aber der Lerneffekt ist gleich null.
Auf der anderen Seite kann KI das Lernen unterstützen. In Asien gibt es zum Beispiel Mathematikschulbücher, die mit einer KI verbunden sind. Das System merkt, wo die Schüler Schwächen haben, und setzt ihnen die passenden nächsten Aufgaben vor, damit sie am Ende das Lernziel erreichen. Ich glaube, wenn wir KI in Deutschland im Bildungswesen richtig einsetzen, lassen sich Lernprozesse individualisieren und der Unterricht verbessern.
Anger: KI wird auch dazu führen, dass sich Prüfungsformate ändern. Nicht nur in der Schule, sondern auch an den Hochschulen. Um die tatsächlichen Fähigkeiten von Studenten zu bewerten, könnte es wieder mehr mündliche Prüfungen geben.
Im INSM-Bildungsmonitor sind Ansätze für Verbesserungen enthalten. Was davon lässt sich gut umsetzen? Und was wird das kosten?
Plünnecke: Es würde sehr helfen, das Startchancen-Programm auszuweiten. Bisher werden darüber in etwa 10 Prozent der Schulen gefördert. Wir haben in Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen Sozialstruktur der Schule und Risikogruppe. Das bedeutet, dass in den 10 Prozent der Schulen mit dem ungünstigsten Sozialindex 70 Prozent der Schüler Probleme mit dem Lesen haben. In den oberen 10 Prozent der Schulen existiert das Lese-Problem so gut wie nicht.
Wenn wir das Startchancen-Programm, nach einer positiven Evaluation, auf die unteren 40 Prozent der Schulen ausweiten, können wir sehr viel bewegen. Das Programm kostet aktuell etwa 2 Milliarden Euro pro Jahr. Deutschland müsste also etwa 6 Milliarden Euro zusätzlich in die Hand nehmen.
Es ist für Deutschland ein wichtiger Ansatz, solchen Schulen mehr Geld zu geben, die einen höheren Förderbedarf haben. In einigen Bundesländern geben wir mehr Geld pro Kind in Gymnasien als in anderen weiterführenden Schulen aus.
Abiturienten zahlen später auch mehr Steuern …
Plünnecke: Um es ganz deutlich zu sagen: Wir dürfen keine Kinder verlieren! Und das tun wir derzeit eher in Schulen mit sozial schwierigem Umfeld. Deshalb müssen wir da gezielt ran.