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Vermögen Lesezeit 4 Min.

Interview: „Viele nehmen die Vermögensverteilung als ungerechter wahr, als sie ist“

In Deutschland sind die Vermögen im Vergleich zu anderen EU-Staaten relativ ungleich verteilt. Warum es trotzdem erstrebenswerter sein kann, in der Bundesrepublik zu leben als in einem Land, wo die Haushaltsnettovermögen näher beieinanderliegen, erläutern die beiden Verteilungsexperten im IW, Judith Niehues und Maximilian Stockhausen.

Kernaussagen in Kürze:
  • „Die Vermögensungleichheit in Deutschland fällt im europäischen Vergleich eher hoch aus“, sagt IW-Verteilungsexpertin Judith Niehues.
  • Es kennzeichne viele Wohlfahrtsstaaten, dass die Vermögensungleichheit dort eher hoch ausfällt, wo die sozialstaatliche Absicherung ebenfalls sehr stark ausgeprägt ist, so Niehues.
  • IW-Verteilungsexperte Maximilian Stockhausen: „Wo der Sozialstaat besonders groß ist, werden die Effekte durch die soziale Absicherung wie beispielsweise die gesetzliche Rentenversicherung, die in die Beurteilung der Vermögen nicht einfließen, besonders unterschätzt und die Ungleichheit überschätzt.“
Zur detaillierten Fassung

Die Menschen in Deutschland finden, dass das Vermögen ungerecht verteilt ist. Und die Zahlen geben ihnen Recht: Nur in vier anderen EU-ländern fällt die Vermögensverteilung noch ungleicher aus.

Niehues: Es ist richtig, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland im europäischen Vergleich eher hoch ausfällt. Das liegt daran, dass insbesondere die Bevölkerung in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung vergleichsweise wenig Vermögen hat.

Deutschland steht damit aber nicht alleine da: Es kennzeichnet viele Wohlfahrtsstaaten, dass die Vermögensungleichheit dort eher hoch ausfällt, wo die sozialstaatliche Absicherung ebenfalls sehr stark ausgeprägt ist. Denn wenn der Staat soziale Risiken absichert, besteht weniger Notwendigkeit oder Anreiz, sich privat abzusichern. Gleichzeitig muss ein solcher Sozialstaat durch Steuern und Abgaben finanziert werden – dadurch fehlen insbesondere der Mittelschicht Mittel, um Privatvermögen aufzubauen.

Die sozialstaatliche Absicherung wird also in der Beurteilung von Vermögen nicht erfasst?

Stockhausen: Genau, in den Haushaltsbefragungsdaten spielen die Ansprüche gegenüber sozialstaatlichen Sicherungssystemen wie der gesetzlichen Rentenversicherung keine Rolle. Das heißt, wo der Sozialstaat besonders groß ist, werden die Effekte durch die soziale Absicherung besonders unterschätzt und die Ungleichheit überschätzt.

In Deutschland hat sich die Ungleichheit zuletzt etwas verringert. 2019 landete die Bundesrepublik auf dem vierten Platz der EU-Länder mit der höchsten Vermögensungleichheit, 2024 auf Platz fünf. Was hat dazu beigetragen?

Niehues: Wir beobachten in Deutschland seit der Finanzkrise in der Gesamtschau eine leicht rückläufige Entwicklung der Vermögenskonzentration. Ein Grund ist, dass insbesondere in den 2010er Jahren viele Menschen eine positive Realeinkommensentwicklung hatten. Es gab also mehr Einkommensspielraum, um Vermögen aufzubauen. Gleichzeitig bestand aufgrund der damaligen niedrigen Zinsen die Möglichkeit, Schulden zu reduzieren. In dieser Zeit fielen die relativen Vermögenszuwächse in der unteren Hälfte höher aus als in der oberen.

Warum bekommen die Menschen es in Deutschland nicht mit, dass die Vermögensverteilung weniger ungleich geworden ist?

Stockhausen: Das liegt zum einen daran, dass wir aufgrund der zeitlich verzögerten Verfügbarkeit von belastbaren Daten mit unseren Analysen der aktuellen Entwicklung und dem Empfinden der Menschen wie jetzt in einer Phase des wirtschaftlichen Abschwungs immer hinterherlaufen. Hinzu kommt, dass der öffentliche Diskurs stark von politischen Interessen beeinflusst wird, oftmals verbunden mit dem Wunsch einer stärker umverteilenden Politik. Dabei werden negative Entwicklungen stärker hervorgehoben als positive.

Bezieht man sehr hohe Vermögen ein, fällt die Verteilung im Vergleich zu den Daten ohne diese Vermögen ungleicher aus.

Niehues: Die Forschung zur Vermögensverteilung hat in den vergangenen Jahren außerdem einen starken Fokus auf den berechtigten Punkt gelegt, dass sehr hohe Vermögen in den Befragungsdaten nicht abgebildet sind. Viele Forschungsprojekte haben sich deshalb mit der Frage beschäftigt, wie sich diese Vermögen berücksichtigen lassen. Bezieht man sehr hohe Vermögen ein, fällt die Verteilung im Vergleich zu den Daten ohne diese Vermögen ungleicher aus. In der Folge gab es viele Meldungen, dass die Verteilung noch ungleicher, die Reichen noch reicher sind als gedacht. Wenn sich die Berichterstattung sehr stark darauf fokussiert, prägt das auch die Wahrnehmung der Menschen, die dann vielleicht auch die Vermögensverteilung als ungerechter wahrnehmen, als sie eigentlich verlaufen ist.

Judith Niehues ist Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten im IW; Maximilian Stockhausen ist Senior Economist für soziale Sicherung und Verteilung im IW; Fotos: IW Immobilien sind laut Ihrer Analyse eine entscheidende Determinante der Vermögensverteilung: Je mehr Menschen in einem Land eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus besitzen, desto geringer ist die Vermögensungleichheit. Für Schweden, wo mehr Menschen im Eigenheim leben als in Deutschland, gilt das allerdings nicht. Warum ist die Ungleichheit dort so hoch?

Niehues: Mit 65 Prozent gehört Schweden nicht zu den Ländern mit der höchsten Wohneigentumsquote. Gerade in Ost- und Südeuropa gibt es viele Länder, wo die Eigentumsquote mehr als 80 oder 90 Prozent beträgt, also eine große Mehrheit der Haushalte Wohneigentum besitzt. Schweden hat demnach im Vergleich immer noch eine eher geringe Eigentumsquote, dafür jedoch eine hohe sozialstaatliche Absicherung, mit den eingangs erwähnten Folgen für die Vermögensverteilung.

Würde eine Vermögensteuer für mehr Gerechtigkeit sorgen?

Stockhausen: Aus finanzwissenschaftlicher Sicht herrscht Einigkeit darüber, dass sie keine besonders effiziente Art der Besteuerung ist und zudem in die Substanz von Unternehmen eingreifen könnte.

Deutschland würde auch mit einer hohen Vermögensteuer ein Land mit einer eher ungleichen Vermögensverteilung bleiben.

Niehues: Selbst wenn man relativ umfangreiche Vermögensteuern simuliert, sieht man, dass sie auf den Gini-Koeffizienten nur einen sehr geringen Effekt haben. Deutschland würde also auch mit einer hohen Vermögensteuer ein Land mit einer eher ungleichen Vermögensverteilung bleiben.

Die niedrigste Vermögensungleichheit in der EU weisen Malta und die Slowakei auf. Das sind sehr unterschiedliche Länder …

Stockhausen: Auch in Luxemburg ist sie eher niedrig. Aber Luxemburg und Malta sind spezielle Staaten, die man aufgrund der dortigen Steuerpolitik kritisch beäugen kann. Anders ist es in den osteuropäischen Staaten. Nach dem Ende des Kalten Kriegs und mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde dort viel in privates Eigentum überführt. Das wirkt nach, die sehr hohen Wohneigentumsquoten dort sind ein ganz wesentlicher Faktor für die vergleichsweise niedrige Vermögensungleichheit in diesen Staaten. Aber mit Blick auf die politische Stabilität, die Kaufkraft und das allgemeine Wohlstandsniveau ist es sicherlich zu bevorzugen, hier in Deutschland zur unteren Mitte zu gehören als zur oberen Mitte beispielsweise in der Slowakei, auch wenn dort die Vermögensungleichheit geringer ist.

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