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Kritische Rohstoffe Lesezeit 4 Min.

Interview: „Versorgungs­sicherheit kostet“

Deutschland ist stark auf Importe kritischer Rohstoffe angewiesen. Um sich vom Hauptlieferland China unabhängiger zu machen, müssten alternative Lieferländer erschlossen und mehr Rohstoffe recycelt werden. All dies kostet Zeit und Geld, sagt Adriana Neligan, Senior Economist für Umwelt, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit im IW.

Kernaussagen in Kürze:
  • Damit Deutschland die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern kann, braucht es laut IW-Umweltexpertin Adriana Neligan drei Bausteine: die heimische Förderung, Importe und das Recycling.
  • Die heimische Förderung ist jedoch begrenzt: „Die EU bleibt trotz einzelner Förderaktivitäten ein kleiner Produzent kritischer Rohstoffe im globalen Vergleich“, sagt Neligan.
  • „Die Kreislaufwirtschaft kann langfristig zur Versorgungssicherheit beitragen, auch wenn sie bei vielen kritischen Rohstoffen technisch und wirtschaftlich noch kaum etabliert ist.“
Zur detaillierten Fassung

Jedes neunte Unternehmen in Deutschland ist auf kritische Rohstoffe angewiesen. Wie viel Prozent dieser Rohstoffe werden importiert?

Fast alle. Neben direkten Rohstoffimporten ist die indirekte Abhängigkeit über Vorprodukte von großer Bedeutung. China liefert beispielsweise mehr als 90 Prozent der Permanentmagnete, die etwa in Autos und Windkraftanlagen eingesetzt werden.

Kritische Rohstoffe sind Rohstoffe, die eine hohe wirtschaftliche Bedeutung haben und die schlecht substituierbar sind, für die aber gleichzeitig ein hohes Versorgungsrisiko besteht, weil es sie nur in wenigen Ländern oder in Konfliktregionen mit hohen geopolitischen Risiken gibt. Viele dieser kritischen Rohstoffe wie seltene Erden, Wolfram oder Gallium stecken nicht nur in jedem Smartphone, sondern sind auch sehr wichtig für viele Zukunftstechnologien.

Bei vielen kritischen Rohstoffen hat China eine große Marktmacht, da das Land nicht nur die Förderung und Verarbeitung, sondern auch zahlreiche internationale Minen unter seiner Kontrolle hat.

Wie viele dieser Rohstoffe kommen aus China?

Bei vielen kritischen Rohstoffen hat China eine große Marktmacht, da das Land nicht nur die Förderung und Verarbeitung, sondern auch zahlreiche internationale Minen unter seiner Kontrolle hat. Zum Beispiel kontrolliert China rund 70 Prozent der globalen Förderung von seltenen Erden, bei den weiteren Verarbeitungsstufen dominiert China noch stärker. Die Chinesen haben sich so geschickt eine dominante Marktposition auf verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette aufgebaut.

Hatte diese Marktmacht schon spürbare Konsequenzen auf die Betriebe in Deutschland?

Wir waren bisher noch von keinem absoluten Exportstopp betroffen, aber die Probleme beginnen weit davor. Die Praxis des Jahres 2025 war eine stärkere Exportkontrolle und Lieferung nur noch an zuvor lizensierte Unternehmen für bestimmte kritische Rohstoffe. Dafür mussten die Betriebe detaillierte Angaben zu ihren Geschäftsaktivitäten und Lieferbeziehungen machen, was Tür und Tor für Industriespionage öffnet. In unserer Umfrage sehen 37 Prozent der betroffenen Unternehmen in Deutschland genau diese erzwungene Offenlegung von Geschäftsinformationen gegenüber chinesischen Behörden als sehr problematisch an.

Hinzu kommt die extraterritoriale Wirkung: Wer Rohstoffe aus China bezieht, darf die daraus hergestellten Produkte unter Umständen nicht mehr in die USA exportieren. Das ist vor allem für exportorientierte Unternehmen schwierig.

Adriana Neligan ist Senior Economist für Umwelt, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit im IW; Foto: IW Medien Was würde denn passieren, wenn China einen kompletten Exportstopp verhängen würde?

Dann könnte es neben höheren Beschaffungskosten oder Lieferengpässen auch zu Produktionsdrosselungen oder gar zu Produktionsstopps bei drei von fünf der betroffenen Unternehmen kommen.

Das ließe sich verhindern, wenn es eine entsprechende Lagerhaltung gäbe.

Ja, und genau dafür wären die Unternehmen auch bereit, etwas mehr zu zahlen, wie unsere Befragung verdeutlicht. Zwei Fünftel der betroffenen Unternehmen würden demnach für die Erhöhung der Sicherheitsbestände und der Lagerhaltung geringe Kostensteigerungen in Kauf nehmen, ein Fünftel sogar hohe Kostensteigerungen. Auch eine sichere nicht chinesische Beschaffung würden sich acht von zehn der betroffenen Unternehmen etwas, darunter vier von zehn sogar einiges mehr kosten lassen.

Japan hat bereits 2010 gezielte Maßnahmen ergriffen, um seine Rohstoffabhängigkeit gegenüber China zu verringern, und unter anderem in eine australische Mine investiert. Hat die deutsche beziehungsweise die europäische Politik das Thema verschlafen?

Wir haben auf EU-Ebene den Critical Raw Materials Act, der uns mit ehrgeizigen Zielen den Rahmen gibt, bis 2030 mehr kritische Rohstoffe selbst zu fördern und mehr zu recyceln. Die Umsetzung gestaltet sich schwierig, da Europa bei vielen kritischen Rohstoffen kaum eigene Kapazitäten hat und Planungs- und Genehmigungszeiten langwierig sind. Bergbau braucht Zeit.

Der deutsche Rohstofffonds hält Gelder für die Gewinnung und das Recycling von Rohstoffen bereit

Deutschland hat einen Rohstofffonds im Rahmen der nationalen Rohstoffstrategie eingerichtet, der Gelder für Investitionen in Projekte zur Rohstoffgewinnung und -weiterverarbeitung sowie Recyclinganlagen bereithält. Deutschland fördert damit erste Projekte, wie die Lithiumförderung am Oberrheingraben.

Wie könnte es weitergehen?

Der Staat könnte Forschung zu kritischen Rohstoffen fördern, die untersucht, wie sich solche Materialien substituieren lassen oder wie man Produkte so designt, dass man sie wieder recyceln kann. Denn die Kreislaufwirtschaft kann langfristig zur Versorgungssicherheit beitragen, auch wenn sie bei vielen kritischen Rohstoffen technisch und wirtschaftlich noch kaum etabliert ist. Kupfer und Aluminium etwa lassen sich sehr gut recyceln, aber bei Gallium, Germanium oder Lithium spielt die Wiederverwertung bisher nur eine untergeordnete Rolle. Der Critical Raw Materials Act hat bis 2030 ein Recyclingziel von 25 Prozent, es wird also perspektivisch mehr Recycling von kritischen Rohstoffen geben.

Ist Recycling das Allheilmittel?

Selbst wenn die Recyclingtechnologien vorhanden wären, werden wir bei einer stark wachsenden Nachfrage in Deutschland auch weiterhin Primärrohstoffe benötigen. Wir brauchen deshalb drei Bausteine: die heimische Förderung, Importe und das Recycling.

Wie erfolgversprechend ist die heimische Förderung?

Die EU bleibt trotz einzelner Förderaktivitäten ein kleiner Produzent kritischer Rohstoffe im globalen Vergleich. Selbst führende EU-Produzenten wie Finnland tragen nur gut 1 Prozent zur globalen Nickelproduktion bei. Die Deutsche Rohstoffagentur listet aktuell 150 Explorationsaktivitäten auf, diese sind aber alle in sehr frühen Phasen und mit erheblichen Investitionen verbunden. Ich glaube deshalb, dass die Rohstoffabhängigkeiten nicht ganz so schnell abzubauen sind, wie wir es gerne hätten. Umso wichtiger ist es, dass die EU die Problematik erkannt hat und nun handelt.

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