Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

IW-Regionalranking Lesezeit 5 Min.

Interview: „Regionalentwicklung ist ein Marathon“

In ihrem Regionalranking analysiert die IW Consult alle zwei Jahre die Lage in den Städten und Landkreisen in Deutschland. Senior Managerin Vanessa Hünnemeyer spricht im iwd über die Auf- und Absteiger sowie die Faktoren einer erfolgreichen Regionalentwicklung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Für Vanessa Hünnemeyer, Senior Managerin in der IW Consult, ist der Landkreis Tirschenreuth eine der spannendsten Regionen im IW-Regionalranking. Er sei ein Paradebeispiel dafür, dass ländliche Regionen in Deutschland nicht generell abgehängt sind.
  • Dass auf den hinteren Plätzen des Rankings weiterhin viele Städte aus dem Ruhrgebiet stehen, hängt für sie mit den Folgen des Strukturwandels und hohen Altschulden zusammen.
  • Hünnemeyer unterstreicht, dass erfolgreiche Regionen gut darin sind, Ökosysteme zu entwickeln – also verschiedene Maßnahmen umsetzen, die ineinandergreifen. Es bringe wenig, wenn jede Kommune isoliert versucht, ihre eigenen Projekte voranzutreiben.
Zur detaillierten Fassung

Das IW-Regionalranking zeigt die Stärken und Schwächen der Städte und Landkreise in Deutschland. Wie kommt die Bewertung zustande?

Mit dem Regionalranking möchten wir zeigen, warum manche Regionen wirtschaftlich erfolgreicher sind als andere. Dafür analysieren wir Faktoren, die einen entscheidenden Einfluss auf die Kaufkraft und die Arbeitslosigkeit vor Ort haben. Insgesamt fließen 14 unterschiedlich gewichtete Kriterien aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Lebensqualität in die Bewertung ein. Dazu gehören die durchschnittliche gemeindliche Steuerkraft, die Altersstruktur, die Beschäftigungsquote von Frauen, die Ärztedichte oder die Wanderungsbewegungen von Menschen und Unternehmen.

Welche Region hat Sie im aktuellen Ranking beeindruckt?

Besonders spannend finde ich den Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Die Region hält sich seit geraumer Zeit im Ranking weit vorne – das ist bemerkenswert, weil Tirschenreuth keine klassische Metropolregion ist, sondern eher ländlich geprägt. Der Landkreis profitierte vor einigen Jahren vom Börsengang des dort ansässigen Unternehmens Siemens Healthineers. Den dadurch entstandenen finanziellen Boost hat die Region offenbar sehr gut genutzt. Entscheidend war, dass sie die positive Entwicklung langfristig halten konnte. Damit ist Tirschenreuth ein Paradebeispiel dafür, dass ländliche Regionen in Deutschland nicht generell abgehängt sind. Der Landkreis hat es geschafft, sich industriell weiterzuentwickeln und dadurch regionale Stärke zu zeigen.

Gibt es umgekehrt Regionen, bei denen es schlecht läuft?

Auf den hinteren Plätzen des Rankings stehen weiterhin viele Städte aus dem Ruhrgebiet. Das ist schade, schließlich hat die Region als dicht besiedelter Wirtschaftsraum mit vielen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und einer guten Infrastruktur einiges als Wohn-, Arbeits- und Unternehmensstandort zu bieten.

Regionen, die jahrzehntelang stark von der Industrie geprägt waren, können sich nicht innerhalb weniger Jahre vollständig neu erfinden.

Leider sind die sozialen Probleme dort weiterhin groß, Städte wie Gelsenkirchen oder Duisburg kämpfen seit Jahren mit den Folgen des Strukturwandels. Das schlägt sich im Ranking nieder. Hinzu kommen die Altschulden vieler Kommunen, die den Handlungsspielraum massiv einschränken. Wenn sie kaum Geld ausgeben können, wird es natürlich schwer, soziale Probleme zu lösen oder wirtschaftliche Impulse zu setzen.

Wie kann es dort bergauf gehen?

Die Städte machen schon vieles richtig. Sie investieren in Hochschulen, in Innovationen und in neue Zukunftsfelder. In Essen entstehen beispielsweise attraktive Gewerbe-, Industrie- und Wohnflächen. Bochum stellt sich gerade im Bereich der Cybersecurity stark auf. Und beim Thema Wasserstoff ist das Ruhrgebiet generell vorne mit dabei. Aber erfolgreiche Regionalentwicklung braucht Zeit – sie ist ein Marathon, kein Sprint. Regionen, die jahrzehntelang stark von der Industrie geprägt waren, können sich nicht innerhalb weniger Jahre vollständig neu erfinden. Da hilft nur ein langer Atem.

Die Region München hat nach einem kleinen Durchhänger im vergangenen Ranking ihre Dominanz wiederhergestellt. Was war dafür ausschlaggebend?

Vor zwei Jahren sah man dort noch die Nachwirkungen der Coronapandemie und der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Mittlerweile hat sich die Situation stabilisiert. Viele Unternehmen haben sich angepasst, ihre Prozesse verändert und stärker in erneuerbare Energien investiert, um weniger von Öl- und Gaslieferungen abhängig zu sein.

Im aktuellen Regionalranking stellt die IW Consult erstmals einen Langzeitvergleich über zehn Jahre an. Besonders positiv fällt dabei Brandenburg auf – warum haben dort so viele Kreise große Fortschritte gemacht?

Vanessa Hünnemeyer ist Senior Managerin bei der IW Consult; Foto: IW Zum einen hängt das mit der Nähe zu Berlin zusammen. Die Hauptstadtregion hat sich wirtschaftlich in den vergangenen 25 Jahren insgesamt sehr dynamisch entwickelt und ihre Wirtschaftskraft mehr als verdoppelt. Das strahlt auch auf Brandenburg aus. Entscheidend ist aber, dass Brandenburg zunehmend eigene Wachstumsimpulse entwickelt. Dazu gehören Forschungs- und Innovationszentren wie das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam oder neue Industrieansiedlungen in verschiedenen Landkreisen.

Dagegen hat Baden-Württemberg in der langen Frist deutlich nachgelassen. Woran liegt das?

Lange Zeit war der Süden – also Bayern und Baden- Württemberg gemeinsam – in unserem Ranking sehr stark. Mittlerweile sollte eher vom starken Bayern die Rede sein – während 2016 noch 30 Regionen in Baden-Württemberg in den Top 100 des Rankings vertreten waren, sind es dieses Mal nur noch 19.

Der wesentliche Grund für die unterschiedliche Entwicklung dürfte sein, dass die Abhängigkeit von der kriselnden Automobilindustrie in Baden-Württemberg viel stärker ausgeprägt ist. Bayern ist diversifizierter aufgestellt, dort spielen auch Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt oder andere Hightech-Branchen eine große Rolle.

Ganz generell: Was braucht es aus Ihrer Sicht für gute regionale Entwicklung?

Erfolgreiche Regionalentwicklung passiert grundsätzlich auf mehreren Ebenen. Kommunen können sich besser entwickeln, wenn es auch auf Kreisebene eine übergeordnete Strategie gibt. Wichtig ist also, dass Regionen stärker gemeinsam denken. In unserem Langzeitvergleich sehen wir, dass die erfolgreichen Regionen gut darin sind, Ökosysteme zu entwickeln – also verschiedene Maßnahmen umzusetzen, die ineinandergreifen.

Erfolgreiche Regionen bündeln ihre Stärken und entwickeln gemeinsame Perspektiven.

Es bringt wenig, wenn jede Kommune ihr eigenes Süppchen kocht und isoliert versucht, ihre eigenen Projekte voranzutreiben. Erfolgreiche Regionen bündeln ihre Stärken, verfolgen über alle Städte und Landkreise hinweg eine einheitliche Strategie und entwickeln gemeinsame Perspektiven.

Deshalb ist es wichtig, größer zu denken und zu planen. Das sieht man zum Beispiel an den Konstrukten der Metropolregionen in Deutschland oder an Zusammenschlüssen wie der Impulsregion Erfurt, Weimar, Jena, Weimarer Land. Der Staat kann solche Prozesse begleiten – etwa durch Förderprogramme, die strategische Entwicklungskonzepte unterstützen. Die Mittel sind zwar begrenzt, aber einzelne Modellregionen zeigen, dass sich dadurch positive Entwicklungen anstoßen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene