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Städteranking Lesezeit 5 Min.

Interview: „München wird seinen Spitzenplatz behalten“

Jährlich bewertet die IW Consult die Lage und Entwicklung der 71 größten deutschen Städte. Was München zum Dauergewinner macht, welche Städte aufholen und was der neue Infrastrukturindex verrät, erläutert Consultant Johannes Ewald.

Kernaussagen in Kürze:
  • "München profitiert von einem über Jahrzehnte gewachsenen Zusammenspiel aus starken Unternehmen, exzellenter Forschung, einer lebendigen Start-up-Szene und einem breiten kulturellen Angebot", beschreibt Johannes Ewald von der IW Consult das Münchener Erfolgsrezept. Die Stadt führt das Städteranking der IW Consult seit 2013 an.
  • Am Ende des Rankings stehen vor allem Städte aus dem Ruhrgebiet. Wenn sie es schaffen würden, mehr Hochschulabsolventen mit attraktiven Jobs zu halten, könne sich das positiv auf die gesamte Region auswirken.
  • Das Städteranking offenbart zudem erheblichen Investitionsbedarf in Deutschland. "Von den Brücken auf Bundesfernstraßen sind bereits jetzt einige in bedenklichem Zustand", so Ewald.
Zur detaillierten Fassung

München dominiert erneut das Städteranking der IW Consult. Warum schafft es keine Stadt, an die bayerische Metropole heranzukommen?

München profitiert von einem über Jahrzehnte gewachsenen Zusammenspiel aus starken Unternehmen, exzellenter Forschung, einer lebendigen Start-up-Szene und einem breiten kulturellen Angebot. Diese Faktoren greifen ineinander und erzeugen eine enorme Standortattraktivität – die Mischung gibt es in Deutschland sonst nirgends. Andere Städte versuchen durchaus, das nachzubilden, doch ein solches Ökosystem muss sich über Jahrzehnte entwickeln. Deshalb bleibt München schwer einzuholen.

Dafür ist allerdings der Wohnungsmarkt in München deutschlandweit am teuersten …

Für die Menschen, die dort wohnen, sind hohe Mietpreise natürlich kein positiver Faktor. Wir nehmen diese im Ranking aber als Indikator für eine große Standortattraktivität – sie deuten darauf hin, dass viele Menschen aufgrund guter Jobs und hoher Lebensqualität in die Stadt ziehen wollen. Aber nicht nur deswegen führt München in unserem Ranking ebenfalls den Teilbereich Immobilienmarkt an, auch bei der Zahl der Baugenehmigungen sowie dem Wohnungsneubau ist die Stadt ganz vorne dabei. München tut also viel, der hohen Nachfrage nach Wohnraum gerecht zu werden.

München ist auch bei der Zahl der Baugenehmigungen sowie dem Wohnungsneubau ganz vorne dabei.

Welche Städte haben denn das Potenzial, München zumindest näherzukommen?

Wir sehen in den Top Ten des Städterankings durchaus Bewegung. Frankfurt ist weiter nach vorne gerückt, Regensburg hat drei Plätze gutgemacht. Generell entwickeln sich viele mittelgroße bayerische Städte dynamisch. Aber realistisch betrachtet: München wird in den kommenden Jahren seinen Spitzenplatz behalten. Dafür ist die wirtschaftliche Basis zu breit. Das unterscheidet München etwa von Städten wie Wolfsburg, die sehr stark an einer Branche hängen und deshalb deutlicher spüren, wenn es konjunkturell nicht läuft.

Auch Mainz war mit BioNTech zuletzt maßgeblich vom Erfolg eines einzelnen Unternehmens geprägt – das aber im ersten Halbjahr 2025 wie schon im gesamten Jahr 2024 Nettoverluste verzeichnete. Geht es für die Stadt bald wieder abwärts?

Johannes Ewald ist Consultant bei der IW Consult; Foto: IW Mainz hat enorm von BioNTech profitiert, vor allem über die Gewerbesteuereinnahmen. Entscheidend ist aber: Die Stadt nutzt die Mittel, um sich breiter aufzustellen. Aktuell laufen die Bauarbeiten für den „Life Science Campus“ in unmittelbarer Nähe zur Universität und zur Fachhochschule, mit dem sich die Stadt weiter als wichtiger Biotech-Standort positioniert und Raum für weitere Unternehmensansiedlungen schafft. Ob es weiterhin für Platz eins im Dynamikranking reicht, ist offen. Aber Mainz hat gute Voraussetzungen, dauerhaft ein starker Standort zu bleiben.

Ein Blick auf das Ende des Rankings – welche Regionen stehen aktuell nicht gut da?

Das sind vor allem Städte aus dem Ruhrgebiet, die bis heute mit den Folgen des Strukturwandels kämpfen. Die industrielle Basis ist weggebrochen, neue attraktive Arbeitsplätze entstehen nur langsam. Allerdings ist ein leichter Aufwärtstrend erkennbar – acht der elf betrachteten Ruhrgebietsstädte haben sich im Ranking verbessert. Viele exzellente Hochschulen, die hochqualifizierte Fachkräfte hervorbringen, tragen dazu bei. Das Problem ist, dass viele der Studierenden die Region nach ihrem Abschluss verlassen. Wenn man es schaffen würde, mehr Absolventinnen und Absolventen mit attraktiven Jobs in den Städten zu halten, könnte sich das positiv auf das gesamte Ruhrgebiet auswirken. Im Ansatz sieht man das jetzt schon in Bochum und Dortmund.

Ein bedeutender Impuls für das Ruhrgebiet könnte entstehen, wenn der Wasserstoffmarkt in Deutschland Fahrt aufnimmt.

Ein bedeutender Impuls für das Ruhrgebiet könnte aufgrund der großen technologischen und industriellen Kompetenzen auch entstehen, wenn der Wasserstoffmarkt in Deutschland Fahrt aufnimmt.

Erstmals haben Sie die Infrastruktur der Städte bewertet – ein Bereich, in dem es in der Bundesrepublik mit maroden Brücken, Schulen und Straßen nicht gerade gut aussieht. Wie fallen ihre Ergebnisse aus?

Es gibt definitiv erheblichen Investitionsbedarf. Von den Brücken auf Bundesfernstraßen sind beispielsweise bereits jetzt einige in bedenklichem Zustand, viele nur gerade noch ausreichend.

Durch unsere sehr kleinteilige Analyse mit vielen Einzelindikatoren können wir aber auch gut Positivbeispiele identifizieren – so haben Lübeck und Kiel besonders viele Schulen im Vergleich zur Bevölkerungszahl, Ingolstadt hat eine besonders gute Glasfaserversorgung der Haushalte. Generell sehen wir eine gewisse Korrelation des Investitionsbedarfs zum Niveauranking – erfolgreiche Städte verfügen meist über eine solide Infrastruktur, der Bedarf liegt eher in strukturschwachen Regionen.

Ein Risiko bei nahezu allen Städten ist, dass notwendige Anpassungsstrategien an den Klimawandel in die Zukunft verschoben werden – dabei wäre es geboten, möglichst früh vorzubeugen.

Da wir den Infrastrukturindex ganz neu konzipiert haben, war es für uns grundsätzlich spannend zu sehen, wie einzelne Städte abschneiden. Dass Potsdam hier führt, war für mich eines der interessantesten Ergebnisse des Städterankings.

In Ihrem Klimaresilienzindex haben Sie bewertet, wie hoch das Ausfallrisiko städtischer Infrastruktur beim Eintreten von Naturgefahren ist. Warum ist gerade Remscheid besonders resilient?

Die geografische Lage auf einem mittleren Breitengrad in Deutschland sorgt dafür, dass lange Hitze- oder Dürrephasen seltener als im Süden oder Osten Deutschlands auftreten. Und ohne große Flüsse in unmittelbarer Umgebung besteht kaum Überschwemmungsgefahr. Das mindert das Risiko für die städtische Infrastruktur deutlich.

Insgesamt sind Küstenorte sowie Städte mit unmittelbarer Flussnähe heute und auch in Zukunft besonders gefährdet. Von den zehn von uns untersuchten Naturgefahren stellen vor allem Stürme, Starkregen und Hitzestress bis 2050 bundesweit eine wachsende Bedrohung dar. Ein Risiko ist aber bei nahezu allen Städten, dass ein hoher Investitionsbedarf häufig auf leere Kassen trifft, sodass notwendige Anpassungsstrategien an den Klimawandel in die Zukunft verschoben werden – dabei wäre es geboten, möglichst früh vorzubeugen.

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