Interview: „Mit dem Abkommen hätten wir in den Mercosurstaaten einen enormen Vorteil“
Noch ist der Handel Deutschlands mit den vier lateinamerikanischen Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay nicht sonderlich intensiv, doch das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur dürfte den Warenaustausch ankurbeln. Davon würden auch die Verbraucher profitieren, sagt IW-Außenhandelsexpertin Samina Sultan.
- „Das Mercosurabkommen ist wichtig, insbesondere für die heimische Automobilwirtschaft oder den Maschinenbau. Beide Branchen erwarten, dass ihre Exporte in diese Länder steigen würden“, sagt IW-Außenhandelsexpertin Samina Sultan.
- Auch die Verbraucher hätten große Vorteile durch das Abkommen, sagt Sultan. Denn die Preise für viele Lebensmittel dürften sinken und die Produktvielfalt zunehmen.
- Die EU-Parlamentarier haben den Vertrag allerdings noch zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof gegeben. „Man kann nur hoffen, dass das Abkommen daran nicht doch noch scheitert“ so die IW-Expertin.
Der Handel mit den Mercosurstaaten macht nur 1 Prozent des deutschen Handelsvolumens aus. Warum wäre das Abkommen trotzdem ein Gewinn für die heimische Wirtschaft?
Das niedrige Handelsvolumen spiegelt auch die im Moment noch teils recht hohen Handelshürden wider – und die würden wegfallen mit dem Abkommen.
Insbesondere für die deutsche Automobilwirtschaft oder den heimischen Maschinenbau ist das Mercosurabkommen wichtig.
Insbesondere die Automobilwirtschaft oder der Maschinenbau erwarten, dass ihre Exporte in die Mercosurstaaten steigen würden. In beiden Branchen sind die Exporte durch die Zölle der USA und die chinesische Handelspolitik stark unter Druck, daher ist das Mercosurabkommen wichtig.
Es gibt lange Übergangsfristen für Zölle und andere Handelshemmnisse. Die Autozölle sinken über einen Zeitraum von 15 Jahren, bei E- und Hybridautos sind es sogar 18 Jahre. Wieso ist das so?
So lange Übergangsfristen sind völlig normal. Sie sind auch eine Absicherung gegen die Sorge, mit Importen aus der jeweils anderen Region überschwemmt zu werden. Zu beachten ist aber: Sobald das Abkommen in Kraft tritt, sinkt der Zollsatz für E-Autos unmittelbar von 35 auf 25 Prozent. Wir hätten in den Mercosurstaaten dann im Vergleich zu China, das stark auf diesen Markt drängt, direkt einen klaren Vorteil von 10 Prozentpunkten. Und das ist ja erst der Anfang, denn der Zollsatz für europäische E- und Hybridfahrzeuge würde sich über 18 Jahre weiter abbauen.
In vielen EU-Ländern protestieren Landwirte gegen das Freihandelsabkommen. Dabei wurden ihnen besonders viele Schutzmechanismen gewährt. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht erscheint es unlogisch, warum die EU-Agrarlobby immer wieder so erfolgreich ihre Interessen durchsetzen kann, wenn man bedenkt, wie wenig die Landwirtschaft zur Wirtschaftsleistung in der EU beiträgt. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass wir alle Konsumenten der Landwirtschaftsbranche sind, indem wir täglich Lebensmittel essen, und dass Ernährung generell ein höchst emotionales Thema ist. Aufgrund dessen schafft es die Landwirtschaft besser als andere Branchen, ihre Interessen durchzusetzen.
Die Preise für Lebensmittel dürften aufgrund des Handelsabkommens sinken.
Dabei haben wir als Verbraucherinnen und Verbraucher ja große Vorteile durch das Abkommen, denn die Preise für viele Lebensmittel dürften sinken, auch die Produktvielfalt dürfte zunehmen.
Das Mercosurabkommen besteht aus zwei Teilen – einem Handelsteil und einem Politikteil. Ist das üblich?
Ja, weil man so umgeht, dass ein einzelner EU-Staat ein komplettes Abkommen blockiert. Denn die Kompetenz für die Handelspolitik liegt in Brüssel. Für das Zustandekommen des Handelsteils des Abkommens reicht somit eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten im EU-Rat und die Zustimmung des EU-Parlaments.
Tatsächlich steht die Zustimmung der EU-Parlamentarier zum Mercosurabkommen noch aus.
Es ist ein großer Rückschlag, dass die Parlamentarier den Vertrag zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof gegeben haben. Man kann nur hoffen, dass das Abkommen daran nicht doch noch scheitert.