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des Instituts der deutschen Wirtschaft

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Industrie Lesezeit 6 Min.

Interview: „KI kann uns zum Fliegen bringen“

Noch nutzen heimische Industrieunternehmen künstliche Intelligenz nur unzureichend. Um das Potenzial voll auszuschöpfen, müsste das Engineering-Know-how der Deutschen systematisch mit dem Digitalisierungs-Know-how zusammengebracht werden, sagt Hanno Kempermann, Geschäftsführer der IW Consult.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschlands Bruttowertschöpfung könnte bis 2034 um um 330 Milliarden Euro höher ausfallen, wenn KI eingesetzt wird und die Beschäftigten diese gesparte Zeit wertschöpfend nutzen, sagt IW-Consult-Geschäftsführer Hanno Kempermann.
  • Laut Kempermann kann Deutschland zu einem führenden KI-Standort werden: „Jedes Unternehmen kann sich eine supergute und individuelle KI-Lösung bauen lassen, die nur diesem Betrieb hilft. Ich bin fest davon überzeugt, dass das ein echter Boom wird für Gründungen.“
  • Bringt man das exzellente Engineering-Know-how der Deutschen mit dem Digitalisierungs-Know-how zusammen, kann davon insbesondere die heimische Industrie profitieren, so Kempermann.
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Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in Ihrem Arbeitsalltag?

Eine ganz erhebliche Rolle. Ich benutze KI für ganz unterschiedliche Zwecke: für Zusammenfassungen von Leistungsbeschreibungen, als Recherchetool, um Dinge zu suchen oder zu plausibilisieren.

Zwei Stunden pro Woche, also rund 100 Stunden im Jahr, können im Durchschnitt über alle Berufe hinweg mithilfe von KI automatisiert werden. Wenn man das für Deutschland hochrechnet, dann steigt die Bruttowertschöpfung um 330 Milliarden Euro.

In der IW Consult hat der Einsatz von künstlicher Intelligenz zu einer extremen Produktivitätssteigerung beigetragen, weil viele unserer Leute mittlerweile programmieren. Für unsere Befragungen, statistischen Erhebungen und Datenanalysen nutzen wir an passenden Stellen die halbautomatisierte Programmierung: Wir sagen dem Programm, was wir analysieren möchten, und das Programm schreibt uns den Code, den wir dann prüfen. Oder umgekehrt: Das Programm korrigiert und ergänzt uns den Code, den wir selbst geschrieben haben.

Sie haben berechnet, dass KI in Deutschland bis zum Jahr 2034 für ungefähr 330 Milliarden Euro an zusätzlicher Bruttowertschöpfung allein durch Produktivitätssteigerungen sorgen könnte. Wie verlässlich sind solche Zahlen, wenn sich doch die Technologie so rasant entwickelt?

Hanno Kempermann ist Geschäftsführer der IW Consult; Foto: IW Medien Wir haben uns in der Methodik an Joseph Briggs und Devesh Kodnani orientiert, zwei Forschern aus den USA, die diese Berechnungen bei Goldman Sachs machen. Die beiden haben sich ganz viele Berufe und deren Tätigkeiten angeschaut und ermittelt, was sich davon automatisieren lässt. Das Ergebnis: Zwei Stunden pro Woche, also rund 100 Stunden im Jahr, können im Durchschnitt über alle Berufe hinweg mithilfe von KI automatisiert werden. Wenn man das nun für Deutschland hochrechnet, dann steigt die Bruttowertschöpfung um 330 Milliarden Euro – vorausgesetzt, dass die Beschäftigten diese gesparte Zeit wertschöpfend nutzen. Die Bruttowertschöpfung erhöht sich also nicht, wenn die durch KI gesparte Zeit für bürokratische Arbeiten wie das Ausfüllen von Formularen verwendet wird.

Goldman Sachs war auch das Unternehmen, das vor drei Jahren festgestellt hat, dass aufgrund des Einsatzes von KI weltweit rund 300 Millionen Arbeitsplätze von Automatisierung betroffen sind …

Es ist wie bei jedem Innovationssprung: Es werden Arbeitsplätze in bestimmten Sektoren wegfallen. Das war schon so, als kohlebetriebene Züge die Fuhrwerke abgelöst haben. Und diejenigen, die die Kohle auf den Zügen geschippt haben, sind später durch die Elektrifizierung ebenfalls wieder überflüssig geworden. Aber man sieht eben: Es entstehen immer auch neue Jobs aufgrund des technischen Fortschritts.

Ist das zwangsläufig so?

Was KI angeht, nehme ich aktuell drei Gruppen wahr: Die erste Gruppe um Elon Musk geht davon aus, dass dank künstlicher Intelligenz irgendwann gar keiner mehr arbeiten muss. Musk selbst sagt: In zehn bis 20 Jahren sei Arbeit optional und Geld irrelevant. In dieser schönen Welt fliegen den nicht arbeitenden Menschen die gebratenen Tauben in den Mund.

Wer profitiert von der KI-Entwicklung?

Die zweite Gruppe sind dystopische Menschen, die sagen: Es werden wegen KI ganz viele Arbeitsplätze verloren gehen. Und es wird deshalb ein massives Auseinanderfallen von Wohlstand geben. Nämlich zwischen denjenigen, die von dieser Entwicklung enorm profitieren, weil sie in den KI-Unternehmen beschäftigt sind oder Aktienanteile von KI-Unternehmen besitzen, und den vielen anderen, die mit der wahnsinnigen Beschleunigung nicht mithalten können und keinen Job mehr haben, da unterm Strich weniger neue Jobs entstehen, als alte wegfallen.

Und die dritte Gruppe, die den Mainstream darstellt und zu der ich mich ebenfalls zähle, glaubt: Na ja, wie in früheren Wachstumsschüben wird es doch so sein, dass viele neue Jobs entstehen werden. Diese werden vielleicht in anderen Bereichen entstehen, die andere Kompetenzen erfordern, sodass viel Weiterqualifizierung erforderlich ist, aber es geht weiter.

In Ihrem Gutachten steht, dass Deutschland zu einem der führenden KI-Standorte werden könnte. Ist das angesichts des großen Vorsprungs der US-Tech-Riesen realistisch?

Ja, denn es geht nicht darum, Basismodelle zu bauen, der Zug ist wahrscheinlich abgefahren. Es geht darum, die Modelle anzuwenden. Und das ist meines Erachtens eines der großen Felder, wo Arbeitsplätze entstehen werden. Und das auch in signifikanter Menge, da sich auf Basis dieser Modelle ganz spezifische Anwendungsfälle programmieren lassen, viel spezifischer, als das früher möglich war.

Die Entwicklungskosten für individuelle KI-Lösungen sind deutlich geringer geworden

Ein Beispiel: Früher brauchte man lange, um eine Anwendung für ein Unternehmen zu programmieren, deshalb waren mehrere Kunden oder ein großes Budget nötig. Jetzt programmiert ein einzelner Software-Engineer unter Mitwirkung eines KI-Modells die Anwendung in zwei Tagen. Der Entwicklungsaufwand und die Kosten sind also wesentlich geringer geworden, sodass sich jetzt jedes Unternehmen eine supergute und individuelle KI-Lösung bauen lassen kann, die nur diesem Betrieb hilft. Ich bin fest davon überzeugt, dass das ein echter Boom wird für Gründungen, weil man nun ganz individuelle Coding-Leistungen verkaufen kann.

Und inwiefern kann die hiesige Industrie, also das Verarbeitende Gewerbe, davon profitieren?

Indem wir das exzellente Engineering-Know-how der Deutschen mit dem Digitalisierungs-Know-how zusammenbringen. Nehmen wir zum Beispiel Siemens: Das Unternehmen baut viele Maschinen und produziert riesige Datenmengen – und genau diese Daten können verarbeitet werden in neuen digitalen Geschäftsmodellen, indem man zum Beispiel diese installierte Basis nutzt, um darauf KI-Modelle zu trainieren und dann spezifische Apps entwickelt, die auf diese Daten hingemünzt sind. Dafür braucht man auch Engineers, die diese Daten verstehen und interpretieren können. In der notwendigen Breite und industriellen Verankerung gibt es diese Engineers nicht im Silicon Valley, sondern das sind die Leute hier, die Elektrotechnik oder Maschinenbau studiert haben. Genau das ist Deutschlands einzigartige Stärke und damit eine große Chance für zusätzliche Wertschöpfung.

Die Unternehmen, die Sie befragt haben, nennen eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen, die es braucht, um die Chancen von KI bestmöglich zu nutzen. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, dass eine Stadt wie Köln es mit Fördermitteln vom Bund oder von der EU hinbekommt, zum Beispiel zum globalen Leuchtturm für autonome Mobilität im städtischen Umfeld zu werden – mit smarter Infrastruktur und der Möglichkeit für einen Automobilhersteller, daraus einen Business Case zu machen. Man muss also miteinander arbeiten und mit den richtigen Akteuren ausloten, was es dafür braucht. Da müssten Energieversorger, IT-Spezialisten, Erstausrüster, Verwaltungsjuristen, Stadtplaner und natürlich Unternehmer an einem Tisch sitzen und eine Roadmap für die nächsten drei Jahre entwickeln.

Damit so ein großes Projekt tatsächlich zum Fliegen kommt, braucht es aber auch das richtige Mindset: eine politische Führung, die bereit ist, ein Projekt über mehrere Haushaltsjahre zu tragen und Rückschläge auszuhalten. Das ist seltener als der Wille zur Ankündigung. „Komm, das machen wir jetzt!“, sollte die Devise lauten.

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