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Elternzeit Lesezeit 5 Min.

Interview: „Eltern haben einen guten Stand“

Arbeitnehmer, die Eltern werden, haben die Möglichkeit, drei Jahre Elternzeit zu nehmen. Warum nicht alle Väter und Mütter in Deutschland davon in vollem Umfang Gebrauch machen, erklärt Wido Geis-Thöne, Senior Economist für Familienpolitik und Migrationsfragen im IW.

Kernaussagen in Kürze:
  • „Wir haben sehr elternfreundliche Regeln bei der Elternzeit: mit drei Jahren, von denen zwei Jahre auf später übertragbar sind, und mit der Möglichkeit, auch in größerem Teilzeitumfang während der Elternzeit zu arbeiten“, sagt IW-Familienpolitikexperte Wido Geis-Thöne.
  • Dafür, welcher Elternteil in Elternzeit geht, sei erst einmal der Einkommensunterschied zwischen Mutter und Vater entscheidend.
  • „Neben finanziellen Gründen können auch das Rollenverständnis oder das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Betrieb dazu veranlassen, keine Elternzeit zu beantragen“, so Geis-Thöne.
Zur detaillierten Fassung

Die verfügbaren Daten legen auf den ersten Blick nahe, dass 58 Prozent der Mütter und 5 Prozent der Väter im ersten Lebensjahr ihres Kindes Elternzeit nehmen. Was macht der Rest?

Es ist wichtig zu beachten, dass es sich bei diesen Zahlen um Jahresdurchschnittswerte handelt. Die meisten Väter gehen nur zwei bis drei Monate in Elternzeit, zwei Monate entsprechen einem Sechstel eines Jahres. Deshalb müsste man die 5 Prozent mal sechs rechnen.

Der große Rest der Väter geht tatsächlich regulär arbeiten. Bei den Müttern haben wir eine relativ große Gruppe, die vor der Geburt nicht erwerbstätig war und deshalb auch nicht in Elternzeit kann. Hinzu kommen noch Elternteile, die selbstständig sind und die deshalb ebenfalls nicht in Elternzeit gehen können.

Sie haben herausgefunden, dass gut qualifizierte Väter häufiger Elternzeit nehmen als niedrig qualifizierte. Was ist der Grund?

Bei den Vätern ist es tatsächlich so: Je höher gebildet sie sind, desto höher sind die Anteile in Elternzeit. Man kann davon ausgehen, dass das insgesamt mit einem anderen Rollenbild, einem progressiveren Rollenverständnis als Vater in Zusammenhang steht, der sich mehr in der Familie engagieren will. Ist dann auch noch die Mutter stärker am Arbeitsmarkt aktiv, fällt es den gut qualifizierten Vätern noch mal leichter, sich für Elternzeit zu entscheiden.

Je höher Väter gebildet sind, desto mehr nehmen Elternzeit in Anspruch. Man kann davon ausgehen, dass das insgesamt mit einem progressiveren Rollenverständnis als Vater in Zusammenhang steht.

Finanzielle Gründe spielen also eine untergeordnete Rolle bei der Elternzeit?

Das ist ein komplexes Thema. Welcher Elternteil in Elternzeit geht, dafür ist erst einmal der Einkommensunterschied zwischen Mutter und Vater entscheidend und da kommt es auf die spezifische Konstellation im beruflichen Bereich an. Akademikerpaare haben natürlich typischerweise ein höheres Budget und sind von daher nicht unbedingt darauf angewiesen, dass bei Familienzuwachs das maximale Einkommen erzielt wird. Aber wir haben ja nicht nur Paare, bei denen beide Partner den gleichen Bildungsstand aufweisen, sondern auch beispielsweise Akademikerinnen, die Kinder mit beruflich ausgebildeten Männern bekommen – oder umgekehrt. Es gibt da die ganze Bandbreite der Paarkonstellationen.

Wer Elternzeit nimmt, ist grundsätzlich vor einer Kündigung geschützt. In welchen Fällen ist eine Kündigung trotzdem möglich?

In besonderen Ausnahmefällen, etwa wenn ein Unternehmen einen ganzen Standort schließt. Dann muss der Arbeitgeber bei der obersten Landesbehörde für Arbeitsschutz einen entsprechenden Antrag stellen und die Behörde muss dieser Kündigung explizit zustimmen.

Wer aus der Elternzeit zurückkommt, dem kann es unter Umständen passieren, dass er einen neuen Aufgabenbereich im Betrieb übernehmen muss. Ist das ein Grund, warum einige Beschäftigte nicht die maximale Elternzeit ausschöpfen?

Ob eine Person, die aus der Elternzeit zurückkehrt, dazu verpflichtet ist, gegebenenfalls einen anderen Aufgabenbereich wahrzunehmen, hängt sehr stark vom Arbeitsvertrag ab. Es gibt Verträge, die das grundsätzlich zulassen. Ist der Arbeitsvertrag aber für eine spezifische Tätigkeit geschlossen worden, geht das prinzipiell nicht.

Es ist auch eine finanzielle Frage, wie lange man in Elternzeit gehen kann.

Es ist von der konkreten Situation der Familie abhängig, wie stark die Eltern die Elternzeit ausschöpfen. Letzten Endes ist es natürlich auch eine finanzielle Frage, wie lange man in Elternzeit gehen kann. Und es ist ebenso eine Frage der beruflichen Teilhabe: Wir haben bis zu 36 Monate Elternzeit, das ist schon eine sehr lange Phase, die nicht jede Familie voll nutzen kann oder will.

Welche sonstigen Gründe gibt es, nicht in Elternzeit zu gehen?

Wir wissen, dass über 50 Prozent der Väter kein Elterngeld beziehen, was ein ganz klares Indiz dafür ist, dass sie gar nicht in Elternzeit gehen. Neben finanziellen Gründen – das Elterngeld ist ja wesentlich geringer als das Lohneinkommen und eine Familie mit beschränkten finanziellen Ressourcen muss sich im Zweifel fragen: Rechnet sich das? – kann es auch Gründe wie das Rollenverständnis oder das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Betrieb geben, die dazu veranlassen, keine Elternzeit zu beantragen. Wobei die Unternehmen in Deutschland immer familienfreundlicher werden und der Elternzeit der Väter sehr offen gegenüberstehen.

Wido Geis-Thöne ist Senior Economist für Familienpolitik und Migrationsfragen im IW; Foto: IW Bei Müttern ist es anders, sie beziehen fast alle irgendwann Elterngeld. Wenn Mütter gar nicht in Elternzeit gehen, dürfte das typischerweise daran liegen, dass sie nicht in Elternzeit gehen können, weil sie vorher gar nicht beschäftigt waren oder selbstständig sind.

Arbeitgeber müssen seit zweieinhalb Jahren sämtliche Elternzeiten ihrer Beschäftigten an die Sozialversicherungen melden. Welche Erkenntnisse versprechen Sie sich davon?

Man wüsste tatsächlich besser Bescheid über die Länge der Elternzeit. Wir haben bislang nur den Mikrozensus als Quelle, das ist eine Querschnittsbefragung, die einmal im Jahr erhoben wird. Da weiß man also immer nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, ob eine Person in Elternzeit ist oder nicht, aber man kann die Länge nicht ableiten. Über die Meldung zur Sozialversicherung wird die Länge automatisch miterfasst. Auch über das Thema Elternzeit und parallele Teilzeit wüsste man mehr, was im Moment eine ziemliche Blackbox ist.

Eine bessere Datenlage würde helfen, die Familienpolitik weiterzuentwickeln.

Die bessere Datenlage würde auch der Politik helfen, wenn sie sich noch einmal mit dem Thema Elternzeit auseinandersetzen wollte: Wie viele Eltern nehmen das Angebot der Elternzeit wahr? Wie lange nehmen sie es wahr, wie viel arbeiten sie während der Elternzeit? Das alles ist wichtig, wenn man den Instrumentenkasten der Familienpolitik politisch weiterentwickeln will.

Lässt sich denn im Moment auch ohne diese Datengrundlage sagen, was sich bei der Elternzeit noch verbessern ließe?

Generell haben wir sehr elternfreundliche Regeln bei der Elternzeit: mit drei Jahren, von denen zwei Jahre auf später übertragbar sind, und mit der Möglichkeit, auch in größerem Teilzeitumfang während der Elternzeit zu arbeiten. Eltern haben da bereits einen guten Stand. Allerdings wäre es sinnvoll, die familienpolitischen Leistungen in Deutschland besser miteinander zu verzahnen und insgesamt weiterzuentwickeln. Dabei sollte dann natürlich auch die Elternzeit mit in den Blick genommen werden, die in ihrer jetzigen Form aus einer Zeit stammt, als es in Westdeutschland noch gar keine Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren gab.

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