Interview: „Ein Wohnheim bleibt oft die einzige realistische Option“
Viele Studenten und Auszubildende verzweifeln bei der Wohnungssuche an hohen Mieten und knappen Angeboten. Was Wohnheime, Arbeitgeber oder die Rückkehr der Untermiete daran ändern könnten, erklärt Philipp Deschermeier, Senior Economist für Immobilienökonomik und Demografie im IW.
- „Natürlich wünschen sich viele eine eigene Bleibe. Auf dem freien Wohnungsmarkt haben junge Studenten und vor allem Azubis mit ihrer Ausbildungsvergütung allerdings schlechte Karten“, sagt IW-Immobilienökonom Philipp Deschermeier.
- Damit bleibe ein Wohnheim oft die einzige realistische Option, da dort der Platz tatsächlich für junge Menschen reserviert ist.
- „Die meisten Bewohner lernen besonders die Gemeinschaft im Wohnheim zu schätzen. Studien zeigen sogar, dass die Abbrecherquoten von Menschen, die im Wohnheim leben, deutlich unter dem Durchschnitt liegen.“
Sie halten den Aus- und Neubau von Wohnheimen für die Lösung der Wohnmisere von Azubis und Studenten. Warum?
Junge Menschen haben im Grunde vier Optionen: Sie können bei ihren Eltern wohnen bleiben oder in eine eigene Wohnung, eine WG oder ein Wohnheim ziehen. Natürlich wünschen sich viele eine eigene Bleibe. Auf dem freien Wohnungsmarkt konkurrieren sie aber mit allen anderen Wohnungssuchenden um Unterkünfte – und diese sind inzwischen vor allem in den Ballungsräumen sehr knapp. In der Regel setzen sich dann die finanziell stärkeren Interessenten durch, da haben junge Studenten und vor allem Azubis mit ihrer Ausbildungsvergütung schlechte Karten. Damit bleibt ein Wohnheim oft die einzige realistische Option, da dort der Platz tatsächlich für junge Menschen reserviert ist.
Wohnheime sind unter jungen Leuten allerdings nicht besonders beliebt …
Viele der jungen Menschen, die noch nie in einem Wohnheim gelebt haben, haben ein verzerrtes Bild im Kopf: dreckige Bäder und Küchen, Chaos und viel Lärm. Doch die Realität sieht anders aus. Die meisten Bewohner lernen besonders die Gemeinschaft im Wohnheim zu schätzen. Studien zeigen sogar, dass die Abbrecherquoten von Menschen, die im Wohnheim leben, deutlich unter dem Durchschnitt liegen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass man im Wohnheim von jungen Leuten umgeben ist, die in der gleichen herausfordernden Lebensphase sind und mit denen man sich austauschen kann, wenn es mal nicht rundläuft.
Manchmal ist ein Auszug von zu Hause für junge Leute unumgänglich. Deswegen brauchen wir bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen – und dafür sind Wohnheime ein zentraler Baustein.
Doch diese Vorteile sieht man oft erst, wenn man sie erlebt. Vielleicht müssen die Vorzüge von Wohnheimen etwas offensiver kommuniziert und erklärt werden – idealerweise schon in der Schule.
Die Bauherren von Wohnheimen stehen vor denselben Problemen wie alle anderen Immobilienentwickler: hohe Baukosten, zahlreiche bürokratische Vorgaben, hohe Zinsen. Auch geeignete Grundstücke in Innenstädten sind selten.
Es kommt sogar noch ein Punkt hinzu: Viele Wohnheimbetreiber fürchten, dass in Zukunft aufgrund der rückläufigen Geburtenraten weniger junge Menschen eine Ausbildung oder ein Studium beginnen und dadurch die Nachfrage nach Plätzen in der Unterkunft zurückgeht. Diese Sorge ist aber unbegründet: Unsere Analyse zeigt klar, dass die Zahl der Auszubildenden und Studenten mindestens konstant bleibt.
Viele Wohnheime sind stark modernisierungsbedürftig, da sind Fördermittel hilfreich.
Die hohen Baukosten sind aber natürlich gerade für gemeinnützige Betreiber ein enormes Problem. Das hat der Bund erkannt und im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung Geld im Programm „Junges Wohnen“ bereitgestellt, um den Neubau und die Sanierung von Wohnheimen zu fördern. Vor allem für Bestandsbauten sind die Fördermittel hilfreich, da viele Wohnheime stark modernisierungsbedürftig sind.
Sie sprechen sich auch für die Untermiete aus – eine Wohnform, die in den 1960er Jahren populär war. Warum könnte sie heute wieder funktionieren?
Viele junge Menschen müssen für ihre Ausbildung oder ihr Studium den Wohnort wechseln. Gleichzeitig leben viele ältere Menschen in großen Wohnungen oder Häusern mit mehr Wohnfläche als benötigt, weil die eigenen Kinder schon länger ausgezogen sind. Die Untermiete kann beide Seiten entlasten: Die Älteren bekommen Unterstützung im Alltag – damit meine ich keine Pflegetätigkeiten, sondern niedrigschwellige Hilfe wie das Tragen von Wasserkästen oder die Begleitung zum Arzt – und die Jüngeren erhalten dafür günstigen Wohnraum. Das funktioniert natürlich nicht für alle, kann aber ein tragfähiges Konzept sein, das auch zur alternden Gesellschaft passt.
Die Untermiete kann sowohl für ältere Menschen als auch für jüngere Eltern eine Option sein.
Und auch für jüngere Eltern kann die Untermiete eine Option sein – nach dem Motto: Mein Kind zieht zur Untermiete in einer anderen Stadt bei anderen Eltern ein, dafür lasse ich einen anderen jungen Erwachsenen, der hier studiert oder seine Ausbildung absolviert, bei uns wohnen.
Ist es nicht auch die Aufgabe der Unternehmen, ihren Azubis Wohnraum zu bieten?
Absolut – zumal die Betriebe selbst davon profitieren. Schließlich ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt für Unternehmen zunehmend ein Standortfaktor. Die meisten Ausbildungsplätze gibt es in den Ballungszentren, dort ziehen viele junge Menschen aufgrund des Wohnungsmangels aber nicht hin. Der Wohnungsmangel erschwert also die Azubigewinnung.
Junge Leute wissen Betriebswohnungen sehr zu schätzen.
Wenn der Arbeitgeber bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt oder sogar eine Betriebswohnung anbieten kann, wissen das junge Leute sehr zu schätzen – für viele sind solche Angebote sogar ausschlaggebend für die Wahl des Ausbildungsbetriebs. Bemerkenswert ist zudem, dass es oft ebenjene Angebote sind, die zu einem längerfristigen Verbleib im Unternehmen beitragen, weil sie die Identifikation mit dem Arbeitgeber steigern.
Wie viele Betriebswohnungen gibt es denn in Deutschland?
Insgesamt stellen die heimischen Unternehmen rund 43.000 Wohnplätze für Beschäftigte zur Verfügung. Angesichts von etwa 1,3 Millionen Auszubildenden ist das natürlich nicht besonders viel, zumal die Wohnungen nicht exklusiv für Azubis vorgesehen sind. Deshalb wohnen viele Auszubildende am Ende des Tages eben immer noch bei den Eltern.
Das scheint aber kein generelles Problem zu sein – fast die Hälfte der jungen Menschen, die noch bei den Eltern wohnt, gibt an, das aufgrund ihres guten familiären Verhältnisses freiwillig zu tun.
Das ist auch nichts, wofür man sich in irgendeiner Form schämen müsste. Früher war das vielen jungen Menschen vielleicht peinlich, mittlerweile hat sich das Verhältnis zwischen den Generationen aber stark verändert und das Zusammenleben ist oft harmonischer. Das liegt auch daran, dass die kulturelle Distanz viel kleiner geworden ist – heute ist es im Gegensatz zu ein, zwei Generationen zuvor zum Beispiel total normal, dass man als junger Erwachsener mit seinen Eltern ins Kino geht, gemeinsam Konzerte besucht oder zusammen in den Urlaub fährt. Hinzu kommt, dass der Druck im Studium durch verschulte Studiengänge, viele Prüfungen und weniger Freiräume gestiegen ist. Auch Auszubildende erleben eine wahnsinnig fordernde Zeit. Da ist es für viele junge Leute eine große Entlastung, die Eltern in unmittelbarer Nähe zu haben.
Ist das Zu-Hause-wohnen-Bleiben also die einfachste Lösung für junge Leute?
Es ist völlig legitim und angesichts des angespannten Wohnungsmarktes nachvollziehbar, als Student oder Azubi zu Hause zu wohnen. Und eine große Gruppe von ihnen ist tatsächlich sehr zufrieden damit. Allerdings kann ein Auszug eben auch unumgänglich sein – zum Beispiel, wenn der Ausbildungsbetrieb oder die Hochschule in einer ganz anderen Ecke von Deutschland ist. Deswegen brauchen wir bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen – und dafür sind Wohnheime ein zentraler Baustein.