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Geopolitik Lesezeit 5 Min.

Interview: „Die Golfstaaten sind ein guter Partner für Deutschland und Europa“

Der Iran-Krieg, die ökologische Transformation und eine Weltpolitik, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist – die Golfstaaten sind derzeit politisch wie wirtschaftlich stark gefordert. Nicolas Reeves begleitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Regionalprogramm Golfstaaten der Konrad-Adenauer-Stiftung die Entwicklung in der Region aus dem Auslandsbüro in Jordanien. Im iwd-Interview gibt er Einblicke in Pläne und Ziele der Golfstaaten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Irankrieg war für die Golfstaaten ein Schock, sagt Nicolas Reeves von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Staaten fragen sich, inwieweit die USA noch ein Garant für Sicherheit sind.
  • Die Chance für Europa bestehe im Moment darin, dass es in einer Welt voller geopolitischer Spannungen weiterhin das Modell der verlässlichen Partnerschaft anbieten kann – auch für die Golfstaaten.
  • Eine strategische Partnerschaft hätte für beide Seiten Vorteile, sagt Reeves. Die Golfstaaten investierten gerade stark in erneuerbare Energien, wovon die EU perspektivisch profitieren könnte.
Zur detaillierten Fassung

Herr Reeves, wie sicher fühlen Sie sich derzeit?

Ich lebe in Amman und es gab hier seit Beginn des Iran-Kriegs bis zur ersten Waffenruhe jeden Tag Luftalarm, weil wir in der Schusslinie zwischen dem Iran und Israel liegen. Trotz der regionalen Spannungslage fühle ich mich hier in Jordanien sicher.

Der Iran-Krieg hat die Golfstaaten in einigen ihrer Grundfesten erschüttert. Wie nehmen Sie die politische Stimmung in der Region aktuell wahr?

Es hat sich durch die Eskalation schon vieles geändert. Die Fronten gegenüber dem Iran haben sich seitens der Golfstaaten verhärtet. Die direkten Angriffe mit Raketen und Drohnen haben das Bild der Golfstaaten als Oase der Stabilität im Nahen Osten beschädigt. Das alles führt momentan zu einem strategischen Umdenken – je nach Golfstaat ist dies aber unterschiedlich ausgeprägt.

Wie hat sich der Blick auf die USA durch deren Angriff auf den Iran verändert?

Die Golfstaaten haben im Vorfeld viel unternommen, um diesen Krieg zu verhindern. Der Ausbruch des Krieges war dementsprechend ein großer Schock. Es stellt sich für die Golfstaaten aktuell die Frage, inwieweit die USA noch ein Garant für ihre Sicherheit sind. Damit befinden sie sich in einer ähnlichen Situation wie Europa.

Das größte Potenzial der Partnerschaft zwischen der EU und den Golfstaaten liegt in einer zukunftsorientierten Partnerschaft.

Die Chance für Europa besteht im Moment darin, dass es in einer Welt voller geopolitischer Spannungen weiterhin das Modell der verlässlichen Partnerschaft anbieten kann. Die Vereinigten Staaten fechten dieses System unter Präsident Trump mit ihrer willkürlichen Zollpolitik an. Die EU setzt aber weiterhin auf Allianzen und regelbasierte Zusammenarbeit, auch was die Wirtschaftsbeziehungen angeht. Das macht sie für die Staaten der Golfregion sehr interessant.

Welche Potenziale sehen Sie konkret?

Der Golfkooperationsrat GCC hat seit 2022 eine strategische Partnerschaft mit der EU. Und ich sehe die Möglichkeit, diese weiter zu vertiefen. Beide Staatengemeinschaften benötigen ein stabiles Umfeld und eine stabile Nachbarschaft, um ihre jeweiligen wirtschaftlichen Ziele zu erreichen.

Nicolas Reeves ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und in Jordanien im Regionalprogramm Golfstaaten tätig; Foto: privat Die Golfstaaten haben außerdem nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aus Sicht Deutschlands und Europas an Bedeutung gewonnen. Der Gedanke war, russisches Öl und Gas durch Öl und Gas aus dem Golf zumindest teilweise zu ersetzen. Leider hat man letztlich durch die Blockade der Straße von Hormus einen unzuverlässigen Lieferanten gegen einen anderen ausgetauscht, auch wenn die Gründe völlig unterschiedlich sind.

Wie blicken die Regierungen und die Menschen in der Golfregion auf die Europäer?

Momentan überwiegt, so ehrlich muss man sein, die Enttäuschung. Mit dem Start der Partnerschaft 2022 waren große Erwartungen verknüpft, weil man das große Potenzial dieser Beziehungen gesehen hat. Dem Verhältnis zu Brüssel mangelt es allerdings weiterhin an einer greifbaren Grundlage. Beispielsweise bleiben die Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen nach wie vor festgefahren, so wie schon seit 36 Jahren.

Warum kann trotz dieser Gefühlslage aus Ihrer Sicht mehr aus dieser Partnerschaft werden?

Das größte Potenzial der Partnerschaft zwischen der EU und den Golfstaaten liegt nicht in traditionellen Handelsbeziehungen, sondern in einer zukunftsorientierten Partnerschaft. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Golfstaaten setzen stark auf erneuerbare Energien. Grüner Wasserstoff wird künftig in großen Produktionsstätten im Nordwesten Saudi-Arabiens und im Süden des Omans hergestellt. Von dort können Schiffe nach Europa fahren, ohne dass sie durch maritime Nadelöhre wie die Straße von Hormus oder den Bab al-Mandab müssen.

Das klingt aber noch sehr nach Zukunftsmusik.

Das ist richtig. Wir müssen aber jetzt die Grundlagen dafür schaffen. Die EU will grünen Wasserstoff fördern und nutzen, die Golfstaaten wollen in diese Energiequelle investieren. Die Voraussetzungen für eine vertiefte Zusammenarbeit in diesem Sektor sind also schon mal vorhanden.

Die Golfstaaten und die EU haben sicher nicht die gleichen politischen Systeme oder die gleiche Ausrichtung, aber sie haben vergleichbare Interessen.

Außerdem arbeiten die Golfstaaten daran, sich und andere Regionen des Nahen Ostens auf dem Landweg besser zu vernetzen, um so die Wasserstraßen zu umgehen und generell Liefersicherheit zu gewährleisten. In Saudi-Arabien ist zuletzt eine Bahnstrecke vom Hafen Dammam im Osten des Landes bis an die jordanische Grenze fertiggestellt worden. Es gibt auch Pläne, eine Bahnstrecke von Mekka über Medina durch Jordanien und Syrien bis nach Istanbul zu bauen.

Ein großes Thema sind immer wieder Menschen- und Arbeitsrechte. Wie stehen die Chancen, dass sich in den Golfstaaten diesbezüglich etwas verbessert, damit eine engere Bindung mit der EU möglich ist?

Dieses Thema spielt natürlich zu Recht eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung in Europa. Die Golfstaaten haben in den vergangenen Jahren viele Fortschritte in Sachen Menschen- und Arbeitsrechte gemacht. Dieser Prozess ist auch eine Folge der Fußball-WM 2022 in Katar.

Gleichwohl sollten sich Deutschland und die Europäische Union in der heutigen geopolitischen Gemengelage auf strategische und praktische Partnerschaften konzentrieren. Die Golfstaaten und die EU haben sicher nicht die gleichen politischen Systeme oder die gleiche Ausrichtung, aber sie haben vergleichbare Interessen.

Was glauben Sie, wie es mit dem Iran weitergeht?

Das ist eine schwierige Frage. Momentan befinden wir uns in einer festgefahrenen Situation. US-Präsident Trump hat sich in eine Lage versetzt, in der einerseits jegliche weitere Eskalation mit hohen Kosten verbunden ist und andererseits ein Abkommen, das so wirkt, als hätten die USA den Krieg verloren, keine Option ist. Der Iran wiederum hat gelernt, dass die Schließung der Straße von Hormus fast ein höheres Abschreckungspotenzial hat als sein Atomprogramm.

Wie verhalten sich die Golfstaaten in dieser Situation?

Die Staaten sind im Nahen Osten sehr einflussreich, haben aber unterschiedliche Ideen, wie sie diesen Einfluss nutzen wollen. Saudi-Arabien setzte zuletzt auf regionale Diplomatie und wirkte durch seine starken Kanäle nach Pakistan auf die Gespräche über eine Waffenruhe ein, auch wenn es nicht am Verhandlungstisch in Islamabad saß. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind dagegen am ehesten bereit, sich militärisch für die Öffnung der Straße von Hormus und die Wiederherstellung der Abschreckung gegenüber dem Iran einzusetzen.

Die anderen Golfstaaten finden sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen wieder – mit der Ausnahme des Omans. Dieser langjährige Vermittler zwischen Washington und Teheran verstand die Kampfhandlungen von Anfang an als einseitigen Verrat an vielversprechenden Verhandlungen, die bis kurz vor Kriegsbeginn in Genf liefen. Dementsprechend betrachtet Maskat die iranische Aggression gegen die Golfstaaten als vorhersehbare Gegenreaktion auf einen unnötigen amerikanisch-israelischen Angriff und bemüht sich, weiterhin normale Beziehungen zu Teheran zu pflegen.

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