Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

Internationaler Handel Lesezeit 5 Min.

Interview: „Alles spricht für Afrika“

Auf dem afrikanischen Kontinent entsteht die größte Freihandelszone der Welt, doch deutsche Investitionen in den 54 Ländern Afrikas sind rar. Warum sich ein Engagement lohnt und welche Branchen besonders vielversprechend sind, erläutert Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft.

Kernaussagen in Kürze:
  • „Es gibt ein großes Interesse in Afrika, die Wirtschaftsbeziehungen und Volkswirtschaften zu diversifizieren“, sagt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft.
  • Seiner Meinung nach kann Deutschland für den afrikanischen Kontinent ein exzellenter Partner bei der Industrialisierung sein: „Um Wertschöpfung in Afrika zu schaffen, braucht es Industrien, Industrie braucht Maschinen und die deutsche Wirtschaft baut und exportiert sehr erfolgreich Maschinen.“
  • Zu den erfolgversprechenden Sektoren auf dem afrikanischen Kontinent gehören laut Kannengießer die erneuerbaren Energien, insbesondere die Produktion von grünem Wasserstoff, sowie die Gesundheitswirtschaft.
Zur detaillierten Fassung

Auf einer Skala von null bis zehn: Wie intensiv schätzen Sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika aktuell ein?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Wenn man die Anteile Afrikas am Außenhandel und an den Direktinvestitionen als Maßstab nimmt, so liegen wir auf der Skala unter eins. Dies ist angesichts der aktuellen geopolitischen und geoökonomischen Lage sicherlich viel zu gering. Es ist dringend notwendig, dass sich die deutsche Wirtschaft stärker strategisch mit Afrika befasst und sich in diese Richtung diversifiziert – sowohl in den Beschaffungsmärkten als auch in den Absatzmärkten sowie im Hinblick auf die Direktinvestitionen.

Warum ist Deutschland bisher so zurückhaltend? Afrika verfügt doch beispielsweise über viele begehrte Bodenschätze.

In den Research-Abteilungen großer Unternehmen und in den mittelständischen Betrieben, die eine sehr stark internationale Perspektive haben, ist das Bewusstsein, dass man sich stärker in Afrika engagieren müsste, wahrscheinlich schon vorhanden. Die Frage ist, ob die Firmen schon hinreichend Konsequenzen daraus gezogen haben. Und ich glaube, in der Breite des Mittelstands ist das Thema Afrika immer noch nicht wirklich angekommen.

Wie ließe sich das ändern?

Die Bundesregierung müsste in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, aber vor allem auch durch konkretes Handeln – also etwa durch das Einladen afrikanischer Entscheidungsträger nach Deutschland und Reisen mit Wirtschaftsdelegationen in afrikanische Länder – ein größeres Bewusstsein dafür schaffen, dass die Diversifizierung in Richtung Afrika auf der politischen Tagesordnung ganz oben steht.

Es ist dringend notwendig, dass sich die deutsche Wirtschaft angesichts der aktuellen geopolitischen und geoökonomischen Lage stärker strategisch mit Afrika befasst und sich in diese Richtung diversifiziert.

Solche Reisen finden zwar statt, aber nach unserer Einschätzung nicht in dem erforderlichen Maß und immer auch abhängig davon, ob es nicht gerade andere Themen gibt, die als wichtiger eingeordnet werden. Dabei sind es ja gerade Krisen und Konflikte wie jetzt im Nahen Osten, die eine Diversifizierung und das Erschließen neuer Märkte in besonderer Weise notwendig machen. Wenn man sich die geopolitische Risikolage anschaut, dann spricht alles für Afrika mit seinen noch unerschlossenen Potenzialen.

China investiert schon lange in Afrika. In Sambia kontrollieren chinesische Firmen die Hälfte des Minengeschäfts, im benachbarten Kongo sogar 70 Prozent. Kommen die Europäer nicht schlicht zu spät?

Christoph Kannengießer ist Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft; Foto: Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft Die EU ist nach wie vor mit weitem Abstand der größte Investor auf dem afrikanischen Kontinent und auch immer noch der wichtigste Handelspartner. Aber China hat in den letzten Dekaden stark aufgeholt, vor allem beim Handel. Es gibt nur noch wenige Länder, vor allem in Nordafrika, deren wichtigster Handelspartner nicht China ist. China exportiert massiv verarbeitete Produkte nach Afrika, und zwar Investitionsgüter ebenso wie Konsumgüter. Die Volksrepublik errichtet zudem Infrastruktur und bringt auf der anderen Seite in erheblichem Umfang die dort vorhandenen Rohstoffe nach China, verarbeitet sie dort weiter oder verkauft sie auch unverarbeitet mit Aufschlag in die ganze Welt.

Wie offen sind afrikanische Unternehmen und Politiker denn angesichts dieser Vormachtstellung Chinas für neue Wirtschaftsbeziehungen mit deutschen und europäischen Partnern?

Es gibt ein großes Interesse in Afrika, die Wirtschaftsbeziehungen und Volkswirtschaften zu diversifizieren. Die starke Abhängigkeit von China ist in Afrika von vielen als ein zentrales Problem erkannt worden. Wenn wir mit unseren afrikanischen Partnern sprechen oder wenn wir mit deutschen Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs sind, fragen viele, warum gerade die deutschen Betriebe in Afrika so zurückhaltend sind.

In welchen Sektoren Afrikas sehen Sie für die deutsche Wirtschaft das größte Potenzial?

Deutschland kann für den afrikanischen Kontinent ein exzellenter Partner bei der Industrialisierung sein. Denn viele afrikanische Länder streben danach, ihren Rohstoffreichtum in mehr lokale Wertschöpfung zu verwandeln, einige Länder haben deshalb inzwischen sogar Exportverbote für unverarbeitete kritische Rohstoffe erlassen. Um Wertschöpfung in Afrika zu schaffen, braucht es Industrien, Industrie braucht Maschinen und die deutsche Wirtschaft baut und exportiert sehr erfolgreich Maschinen.

Es gibt große Potenziale in der Gesundheitswirtschaft und den erneuerbaren Energien.

Wenn man sich die einzelnen Sektoren anschaut, gehören die erneuerbaren Energien auf jeden Fall dazu. Die Produktion von grünem Wasserstoff ist ein zentrales Thema in vielen Ländern. Viele Chancen und Möglichkeiten bestehen auch in der Gesundheitswirtschaft, in Ruanda hat beispielsweise BioNTech die erste kommerzielle Impfstofffabrik Afrikas gebaut. Unsere afrikanischen Partner schätzen deutsche Investitionen vor allem deshalb, weil sie – anders als etwa chinesische – in qualitativ hochwertige Projekte mit hohen lokalen Wertschöpfungsanteilen fließen und vergleichsweise viele Arbeitsplätze vor Ort schaffen.

Eine höhere Wertschöpfung in Afrika würde die Exportgüter Afrikas verteuern. Sind deutsche und europäische Unternehmen bereit, höhere Preise für Waren aus Afrika zu bezahlen?

Ich glaube nicht, dass das das zentrale Thema ist, es geht vor allem um die Produktion in Afrika für afrikanische Bedarfe. Wenn man sich den Landwirtschaftssektor anschaut, dann geht ein beträchtlicher Teil der landwirtschaftlichen Rohstoffe Afrikas nach Europa, wo sie verarbeitet und anschließend teilweise zurück nach Afrika exportiert werden. Das Wenigste, was Sie in afrikanischen Supermärkten finden, stammt aus Verarbeitung in lokalen Produktionsstätten. Das bedeutet Verlust lokaler Wertschöpfung und das zu dem Preis, dass es für Afrikaner teurer ist, Lebensmittel einzukaufen, als wenn sie vor Ort produziert und zum lokalen Wohlstand beitragen würden.

Die afrikanischen Mobilitätsbedarfe sind groß, nicht nur an importierten Altautos.

Ein anderes Beispiel ist die Mobilität. Selbstverständlich gibt es auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur einen Bedarf an importierten Altautos aus der ganzen Welt, sondern auch nach neuen Bussen, neuen Lkw, auch nach neuen, bezahlbaren Pkw. Und diese afrikanischen Mobilitätsbedarfe sind quantitativ so groß, dass – wenn entsprechende Rahmenbedingungen vorherrschen – lokale Produktion oder lokale Teilproduktion sinnvoll wird. Meines Erachtens ist das ein riesiges Potenzial für deutsche Automobilhersteller, insbesondere für Massenhersteller wie Volkswagen.

Die afrikanischen Staaten wollen auch den Handel untereinander fördern. Dafür haben sie 2018 die afrikanische Freihandelszone, die African Continental Free Trade Area, initiiert. Die letzten Zollsenkungen sollen aber erst 2063 in Kraft treten. Warum lässt sich Afrika so lange Zeit?

Das Projekt ist eingebettet in die auf 50 Jahre angelegte sogenannte Agenda 2063 der Afrikanischen Union. Das heißt nicht, dass Zölle so lange fortbestehen sollen. Die größte Freihandelszone der Welt mit 54 Ländern herzustellen, ist ein komplexer Prozess, der über den Abbau von Zöllen hinausgeht. Denn es hilft ja wenig, wenn keine Zölle mehr existieren, aber die Waren nicht von einem afrikanischen Land ins nächste transportiert werden können, weil es keine Straßen, Schienen und sonstige grenzüberschreitende Infrastruktur gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene