In Ostdeutschland ist noch viel zu tun
In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten hat Deutschland beim Aufbau der Wirtschaft in den östlichen Bundesländern viel erreicht. Trotzdem hält sich ein deutlicher Rückstand zu den westdeutschen Bundesländern seit Jahren hartnäckig. Um daran etwas zu ändern, muss die Politik eingreifen.
- Seit der Wiedervereinigung haben die ostdeutschen Bundesländer wirtschaftlich große Fortschritte gemacht, der Abstand zum Westen stagniert aber seit mehreren Jahren.
- Die Erwerbsbeteiligung ist im Osten deutlich schlechter. Angesichts einer ungünstigen Altersstruktur dürfte sich das Problem in den kommenden Jahren verschärfen.
- Um dem wachsenden Fachkräftemangel zu begegnen, sollten die ostdeutschen Bundesländer und ihre Wirtschaft stärker um Fachkräfte aus dem Ausland werben und gleichzeitig die Digitalisierung inklusive stärkerem KI-Einsatz vorantreiben.
Vor 35 Jahren wurde aus zwei deutschen Staaten offiziell wieder ein vereinigtes Deutschland. Die größte Herausforderung im Zuge der Einheit war es, die sozialistisch geprägten neuen Bundesländer in die Soziale Marktwirtschaft zu überführen. Die gute Nachricht: Die ostdeutschen Bundesländer haben dabei große Fortschritte gemacht. Die schlechte Nachricht: Seit vier Jahren stagniert der Abstand zum Westen, zuletzt ist der Osten sogar leicht zurückgefallen.
Im Jahr 2024 hatte die Wirtschaftsleistung in Ostdeutschland – Berlin eingerechnet – etwa 78 Prozent des Westniveaus erreicht. Lässt man die Hauptstadt außen vor, waren es knapp 72 Prozent.
Dieses Verhältnis hat sich seit 2020 nicht verbessert. Dass es den ostdeutschen Bundesländern nicht gelingt, komplett aufzuschließen, hat mit mehreren Schwächen zu tun:
Arbeitsmarkt. Im Vergleich zu Westdeutschland hat sich die Beschäftigung im Osten schlechter entwickelt (Grafik):
Die Erwerbsbeteiligung in den ostdeutschen Bundesländern lag 2024 nur bei 86 Prozent des Westniveaus. Im Jahr nach der Wiedervereinigung waren beide noch nahezu gleichauf.
Und die Perspektive ist nicht gut. Im Osten ist die Altersstruktur ungünstiger, es gibt mehr ältere Menschen. Somit wird die Erwerbsbeteiligung ohne Gegenmaßnahmen langfristig weiter sinken, auch im Ost-West-Vergleich.
Um dem wachsenden Fachkräftemangel zu begegnen, sollten die ostdeutschen Bundesländer und ihre Wirtschaft stärker um Fachkräfte aus dem Ausland werben und gleichzeitig die Digitalisierung inklusive stärkerem KI-Einsatz vorantreiben.
Innovationen. Drei Viertel aller Beschäftigten in Forschung und Entwicklung arbeiten in Deutschland in einem Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Auch weil solche Großunternehmen im Osten rar sind, liegt die Innovationstätigkeit dort erheblich unter dem Westniveau. Das wird besonders bei den Patenten deutlich: Auf die Einwohnerzahl bezogen, melden westdeutsche Unternehmen fünfmal so viele Patente an wie ihre ostdeutschen Pendants.
Wirtschaftsstruktur. In Ostdeutschland spielen öffentliche Dienstleistungen eine viel größere Rolle für die Wertschöpfung, die für die deutsche Wirtschaft wichtige Industrie dagegen weniger (Grafik):
Im Jahr 2024 gingen knapp 21 Prozent der Bruttowertschöpfung in den westdeutschen Bundesländern auf das Verarbeitende Gewerbe zurück, im Osten lag der Anteil mehr als 4 Prozentpunkte darunter.
In Ostdeutschland fehlen – bis auf wenige Ausnahmen wie die Tesla-Fabrik in Brandenburg und weitere Autowerke – Großunternehmen und insbesondere Konzernzentralen und selbst innerhalb des industriellen Mittelstands sind die Firmen erheblich kleiner. Das hat zur Folge, dass die Produktivität pro Kopf im Osten ebenfalls deutlich niedriger ist als im Westen.
Digitalisierung. Auch bei der Digitalisierung haben ostdeutsche Firmen Nachholbedarf, wie Unternehmensbefragungen zeigen. Und die Informations- und Kommunikationsbranche trägt dort nur mit knapp 3 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei – kaum mehr als die Hälfte des westdeutschen Werts.
Wie der Osten zum Westen aufschließen kann
Von allein wird sich die Situation nicht verbessern, vielmehr ist zu befürchten, dass der ostdeutsche Rückstand wächst. Mit den richtigen Schritten ist eine Trendumkehr aber möglich.
Fachkräfte. Ostdeutschland muss sein Fachkräfteproblem in den Griff bekommen. Ein späterer Renteneintritt und Anreize zum Weiterarbeiten nach Rentenbeginn sind Ansatzpunkte dafür. Gleichzeitig müssen sich die ostdeutschen Länder und Unternehmen stärker um die Zuwanderung von Fachkräften bemühen, dafür könnten sie etwa mit günstigem Wohnraum werben.
Forschung. Angesichts schwacher Investitionen und einer ungünstigen Demografie sind Innovationen und die Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte und neue Geschäftsmodelle extrem wichtig für die Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland. Eine Anwendungs- und transferorientierte Hochschulforschung und die Förderung von Forschung und Entwicklung in bestehenden und neuen Unternehmen können sich ebenso positiv auswirken wie ein gutes Umfeld für Start-ups mit weniger bürokratischen Auflagen.
Effizienz. Ostdeutschland hat seit Jahren einen erheblichen Produktivitätsrückstand. Um gegenüber den westdeutschen Bundesländern aufzuholen, sind Fortschritte bei der Digitalisierung hier noch wichtiger als im Rest des Landes. Sowohl die Verwaltungen als auch die Unternehmen sollten dazu verstärkt KI nutzen.