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„In Israel entstehen disruptive Technologien“

Israels Hightechindustrie ist weltberühmt. Doch die Spitzentechnologie verschafft nur relativ wenigen Menschen sichere Jobs, der größte Teil der Israelis arbeitet in anderen, meist weit schlechter bezahlten Branchen. Welche Reformen nötig sind, um das zu ändern, erläutert Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer.

Kernaussagen in Kürze:
  • Israel hat in den vergangenen Jahrzehnten eine bemerkenswerte Wirtschaftsentwicklung hingelegt – der Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer Grisha Alroi-Arloser erläutert im Interview die Gründe.
  • Eine entscheidende Rolle für das israelische Wirtschaftswunder haben laut Alroi-Arloser die Hightechindustrie und die Gründungsfreudigkeit der Israelis gespielt.
  • Künftig werde es aber wichtiger, dass aus Start-ups veritable Technologieunternehmen werden, die dauerhaft Arbeitsplätze für Fachkräfte schaffen.
Zur detaillierten Fassung

Welchen Stellenwert hat die Hightechindustrie für die israelische Wirtschaft?

Die Hightech-Industrie ist der Wachstumsmotor der israelischen Wirtschaft. Und sie ist der Grund für ein immer stärker werdendes Interesse internationaler Technologiekonzerne und Unternehmen anderer Branchen am Standort Israel. Doch obwohl die Hightechindustrie der Wachstumsmotor Israels ist, beschäftigt sie inklusive der Servicedienstleister maximal 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. 85 Prozent der Erwerbstätigen sind also von diesem prosperierenden Wirtschaftszweig ausgeschlossen.

Steuert Israel auf eine Hightechblase zu?

Nein, es handelt sich um keine Blase. Die israelischen Unternehmen der Hightechindustrie leisten durch die Bank einen wesentlichen Beitrag in ihrer Branche, zum Beispiel in den Bereichen Cybersicherheit, Smart Data, autonomes Fahren, Energieeffizienz, in Blockchain-Technologien oder in künstlicher Intelligenz. Das sind wirklich disruptive Technologien, die in Israel entstehen - und zwar in einer erstaunlich großen Masse und in einer erstaunlich großen Kontinuität über die vergangenen 20 Jahre.

Es gibt also überhaupt keine Probleme?

Ich befürchte, dass wir mittelfristig durchaus in eine Situation kommen können, in der wir in der Hightechindustrie einen Fachkräftemangel haben werden. Israel ist einfach sehr gründungsfreudig. Selbst nach einem finanziell sehr erfolgreichen Unternehmensverkauf bleiben die Leute hier mit den Füßen am Boden und gründen wieder neu, auch ein zehntes Mal.

Israel ist einfach sehr gründungsfreudig.

Können Sie ein Beispiel für ein solches revolving entrepeneurship nennen?

Grisha Alroi-Arloser ist Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv Ja, die Firma Mobileye, die in diesem Frühjahr für rund 15 Milliarden Dollar von Intel gekauft wurde. Dieselben Gründer haben jetzt ein neues Unternehmen mit 180 Mitarbeitern, das eine interessante Technologie auf den Markt bringt: eine Apparatur, die Blinden und Sehbehinderten die Möglichkeit gibt, sich mithilfe einer kleinen, auf einem Brillengestell angebrachten Kamera wieder zurechtzufinden. Diese Kamera beherrscht Gesichtserkennung und kann dem Blinden sagen, wer vor ihm steht. Sie kann auch Produkte und Straßenschilder erkennen sowie Texte lesen, und zwar in über 20 Sprachen.

Was müsste sich ändern, damit auch diejenigen, die nicht in der Hightechbranche arbeiten, ein gutes Auskommen haben?

Wir sind eine sehr vielschichtige, heterogene Gesellschaft. Es ist deshalb zwar ein löbliches, aber nicht sehr realistisches Ansinnen, allen in absehbarer Zeit ein solch gutes Leben zu ermöglichen. Wir haben sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit sehr unterschiedlichen Standards und Lebensvorstellungen. Was für den Kern der Gesellschaft sicherlich richtig und angeraten wäre, ist eine einschneidende Reform des Schul- und Bildungswesens.

Und was müsste in wirtschaftlicher Hinsicht passieren?

Wir müssten kulturell ein größeres industrielles Durchhaltevermögen entwickeln, statt Start-ups mitsamt dem geistigen Eigentum immer so schnell zu verkaufen. Es bräuchte mehr veritable Technologieunternehmen, in denen nicht nur Programmierer, sondern auch Techniker, Ingenieure und Facharbeiter beschäftigt werden. So könnten wir einen größeren Teil der arbeitenden Bevölkerung ansprechen. Aber das ist ein Wandel, der voraussichtlich erst in zwei oder drei Generationen vollzogen werden wird.

Momentan treibt die Entscheidung Donald Trumps, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, viele Menschen um. Wie wird sich die Jerusalem-Frage auf die israelische Wirtschaft auswirken?

Die Entscheidung des US-Präsidenten mag kurzfristig zu politischen Spannungen und gewalttätigen Ausschreitungen führen, sie wird sich aber mittel- bis langfristig nicht auf die Wirtschaft auswirken. Das Zentrum der israelischen Wirtschaft - vor allem im Hightech-, Innovations-, Finanz- und Start-up-Bereich - bleibt Tel Aviv. Gegenwärtig sagen einige Delegationen ihre Israel-Besuche ab, sie werden diese aber sicher in den kommenden Monaten nachholen.

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