Unbezahlte Arbeit Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

In der Industrie kein Thema

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beklagt, dass viele Überstunden nicht bezahlt und dadurch die vertraglich vereinbarten Lohnstandards unterlaufen würden. Für die Industrie lässt sich dieser Vorwurf aber kaum belegen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beklagt, dass viele Überstunden nicht bezahlt und dadurch die vertraglich vereinbarten Lohnstandards unterlaufen würden.
  • Sogar fast die Hälfte der Beschäftigten mit einem Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro empfinden ihre Bezahlung als gerecht.
  • Im Jahr 2013 fielen pro Jahr und Beschäftigten 46,7 Überstunden an – sechs Stunden weniger als 2006.
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Seit dem Jahr 2007 veröffentlicht der DGB den Index „Gute Arbeit“. Dieser soll die Frage beantworten, wie es aus Sicht der Beschäftigten um die Qualität der Arbeit bestellt ist. Die Grundlage für den Gesamtindex bilden insgesamt 42 Einzelfragen zu den Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer, zur Betriebskultur, zum Sinn der Arbeit, zur Belastung und zur Beschäftigungssicherheit. Außerdem spielt das Einkommen eine zentrale Rolle.

Gerade hier scheint es auf den ersten Blick schlecht bestellt zu sein. Denn in dieser Kategorie werden nur 46 von möglichen 100 Punkten erreicht, was nach DGB-Maßstäben „schlechter“ Arbeit entspricht.

Dieser Befund steht allerdings im Widerspruch zu anderen Umfragen. So zeigen Auswertungen des Sozio-oekonomischen Panels seit Jahren, dass rund zwei Drittel der Arbeitnehmer ihre Bezahlung als gerecht empfinden (Grafik).

Sogar fast die Hälfte der Beschäftigten mit einem Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro empfinden ihre Bezahlung als gerecht.

Dass der DGB zu einem gänzlich anderen Befund kommt, hängt mit der besonderen Konstruktion seines Index zusammen. Es wird nämlich nicht nur nach der Zufriedenheit mit dem derzeitigen Einkommen gefragt, sondern auch nach den Erwartungen – und die schätzen die Befragten weniger gut ein. So glauben 42 Prozent der Beschäftigten nicht, dass ihre Rente noch zum Leben ausreichen wird. Dagegen halten 50 Prozent der Befragten ihr derzeitiges Einkommen in einem hohen bis sehr hohen Maß für angemessen. Als gar nicht angemessen bewerten lediglich 10 Prozent ihre Bezahlung. Und ebenfalls nur 10 Prozent reicht das Einkommen aus einer Erwerbstätigkeit nicht zum Leben.

Trotzdem beklagt der DGB, dass es um die Leistungsgerechtigkeit in der deutschen Arbeitswelt schlecht bestellt sei. Als Beleg dafür führt er die unbezahlte Arbeit an. Nach seinen Erhebungen gaben bundesweit 17 Prozent der Beschäftigten an, sehr häufig oder oft zum Nulltarif für ihren Arbeitgeber zu arbeiten, weitere 25 Prozent tun dies hin und wieder.

Durch die Nichtbezahlung der Arbeitsleistung würden – so der DGB – vertraglich vereinbarte Entgeltstandards unterlaufen. Für die Beschäftigten bedeute dies faktisch eine Lohnsenkung, wodurch die Leis­tungsgerechtigkeit auf der Strecke bleibe.

Der DGB macht hier allerdings viel Wind um eine Sache, die in der betrieblichen Wirklichkeit kein großes Thema ist. In der Industrie zum Beispiel sind Arbeitszeitkonten in Tarifverträgen fest verankert – Überstunden werden also angesammelt und später durch Freizeit abgegolten. So gaben in der chemischen Industrie oder im Maschinenbau neun von zehn Beschäftigten zu Protokoll, dass sie selten oder nie unbezahlte Arbeit leisten.

Außerdem ist die Zahl der Überstunden ohnehin rückläufig. Im Jahr 2013 fielen pro Jahr und Beschäftigten 46,7 Stunden an – sechs Stunden weniger als 2006.

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