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Im Kern gesund

Mit ihrer jüngsten Leitzinssenkung will die Europäische Zentralbank vor allem dem Schreckgespenst Deflation begegnen. Zwar gibt es tatsächlich beachtliche Preissenkungen – doch von einem allgemeinen Preisverfall ist Europa weit entfernt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Anfang September hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins von 0,15 auf 0,05 Prozent gesenkt – es war das fünfte Rekordtief innerhalb von nur zwei Jahren.
  • Statistiker beobachten seit geraumer Zeit sinkende Preise in Europa.
  • Rechnet man die Volatilitäten aus der allgemeinen Inflationsrate heraus, bleibt die sogenannte Kerninflation, welche im Augustdieses Jahres 0,9 Prozent betrug und damit immerhin dreimal so hoch war wie die allgemeine Inflationsrate in der Eurozone.
Zur detaillierten Fassung

Anfang September hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins von 0,15 auf 0,05 Prozent gesenkt – es war das fünfte Rekordtief innerhalb von nur zwei Jahren. Dahinter steckt die Sorge um Deflation: Weil die Verbraucherpreise seit Monaten fallen, könnten Bürger und Unternehmen weiter fallende Preise erwarten und ihren Konsum aufschieben. Das – so die Theorie – kann eine Abwärtsspirale in Gang setzen und die Konjunktur langfris­tig bremsen.

Tatsächlich beobachten die Statis­tiker zwar seit geraumer Zeit sinkende Preise in Europa – allerdings muss man schon genau hinschauen, wo (Grafik):

  1. Die Verbraucherpreise – das bekannteste Inflationsmaß – sind bereits seit November 2013 rückläufig. Die Teuerung betrug im August dieses Jahres nur noch 0,3 Prozent.
  1. Die Preise für Lebensmittel, Alkohol und Tabak – sie sind Bestandteil der allgemeinen Verbraucherpreise – haben im Juni 2014 sogar die Nulllinie durchbrochen und stehen seitdem im Minus.
  1. Die Energiepreise sind von allen Gütergruppen der allgemeinen Teuerungsrate am stärksten gefallen und liegen seit Oktober 2013 jeden Monat durchschnittlich 1 Prozent unter Vorjahresniveau.

Nimmt man allein diese drei Inflationsraten in den Blick, muss sich die EZB in der Tat um die Preis­stabilität sorgen, denn die besteht konventionsgemäß dann, wenn die Teuerung unter, aber nahe 2 Prozent liegt – und alle drei Indizes liegen derzeit deutlich niedriger.

Dafür gibt es allerdings handfeste Gründe. Die stark fallenden – und schwankenden – Energiepreise sind das Ergebnis einer weltweit ausgeweiteten Energieproduktion bei gleichzeitig reduzierter Nachfrage, sodass hohe Überkapazitäten die Preise drücken.

Auch die Lebensmittelpreise unterliegen großen Schwankungen. Die guten Wetterbedingungen ließen die Preise in diesem Jahr besonders stark sinken. Auch der selbst auferlegte russische Importstopp von Lebensmitteln dürfte zu fallenden Preisen beigetragen haben.

Rechnet man diese Volatilitäten aus der allgemeinen Inflationsrate heraus, bleibt die sogenannte Kerninflation:

Die Kerninflation betrug im August dieses Jahres 0,9 Prozent und war damit immerhin dreimal so hoch wie die allgemeine Inflationsrate in der Eurozone

An dieser Elle gemessen sind die Deflationssorgen also unbegründet. Gegen einen langfristigen und großflächigen Preisverfall sprechen auch die langfristigen Inflationserwartungen: Sie sind nach einem zwischenzeitlichen Absacken wieder auf 1,9 Prozent gestiegen und somit dem Inflationsziel der europäischen Währungshüter von knapp 2 Prozent sehr nah. Solange die Inflationserwartungen fest verankert bei 2 Prozent liegen, ist es unwahrscheinlich, dass die Marktteilnehmer Konsumverzicht üben.

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