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Im fünften Anlauf Musterschüler

Die Leistungen der 15-jährigen Schüler in der Bundesrepublik haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Gleichwohl sind deutsche Jugendliche noch weit entfernt von den Spitzenwerten ihrer asiatischen Altersgenossen. Um hier aufzuschließen, muss noch einiges passieren.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Leistungen der 15-jährigen Schüler in der Bundesrepublik haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.
  • Zum ersten Mal erzielen die Jugendlichen in Deutschland in den Disziplinen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – Werte, die über dem internationalen Durchschnitt liegen.
  • Im PISA-Test 2012 scheiterte fast jeder sechste Schüler in Deutschland an den Mindestanforderungen in Mathematik, jeder siebte konnte nicht richtig lesen.
Zur detaillierten Fassung

Vom Loser zum Musterschüler: Deutsche Schüler sind so schlau wie lange nicht mehr. Das ist das Ergebnis der jüngsten PISA-Untersuchung, einer im Drei-Jahres-Rhythmus durchgeführten OECD-Studie, die die schulischen Leistungen der 15-Jährigen in insgesamt 65 Staaten unter die Lupe nimmt. Im vergangenen Frühjahr beteiligten sich an dem weltweit größten Schultest rund 510.000 Jugendliche, allein in der Bundesrepublik ackerten sich etwa 5.000 Schüler durch die PISA-Aufgaben – und ihr Testergebnis kann sich sehen lassen (Grafik):

Zum ersten Mal erzielen die Jugendlichen in Deutschland in allen drei Disziplinen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – Werte, die über dem internationalen Durchschnitt liegen.

Beim ersten Leistungsvergleich im Jahr 2000 schnitten die deutschen Schüler in allen Kategorien derart schlecht ab, dass fortan vom „PISA-Schock“ die Rede war. Seitdem haben sich die Jungen und Mädchen in Deutschland zwar kontinuierlich verbessert, doch so gut wie in der jüngsten Studie schnitt noch keine Generation zuvor ab. Die PISA-Ergebnisse 2012 im Detail:

  1. Der Schwerpunkt der aktuellen Untersuchung lag auf der Überprüfung der mathematischen Kompetenzen. Hier erreichen die 15-Jährigen in Deutschland mit 514 Punkten einen Wert, der signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 494 Punkten liegt. Damit haben die Jugendlichen in Deutschland gegenüber dem Länderdurchschnitt in Mathe einen Vorsprung von etwa einem halben Schuljahr. Allerdings schneiden die Mädchen hierzulande deutlich schlechter ab als die Jungen. Besser rechnen können innerhalb der OECD-Länder unter anderem die Schüler aus Südkorea (554 Punkte), Japan (536 Punkte) und der Schweiz (531 Punkte).
  1. In den Naturwissenschaften schneiden deutsche Schüler mit 524 Punkten besonders gut ab; noch mehr erreichen Japan (547), Finnland (545), Estland (541), Südkorea (538), Polen (526) und Kanada (525).
  1. Mit 508 Punkten haben die Jugendlichen in Deutschland in Sachen Lesekompetenz erstmals einen Wert erzielt, der deutlich oberhalb des OECD-Durchschnitts von 496 Punkten liegt. Dabei sind die Mädchen den Jungen in der Bundesrepublik mit 44 Punkten Vorsprung beim Textverständnis im Schnitt um ein Schuljahr voraus.

Schaut man sich den Wissensvorsprung der heutigen Schüler für die drei untersuchten Kompetenzfelder insgesamt an, so sind sie ihren Altersgenossen aus dem Jahr 2000 um ein halbes bis ein ganzes Schuljahr voraus. Dieser Vorsprung basiert vor allem auf den besseren Leistungen der schwächeren Jugendlichen. So ist der Anteil der sogenannten Risikoschüler in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft (Grafik). Alarmierend sind die Zahlen gleichwohl:

Im PISA-Test 2012 scheiterte fast jeder sechste Schüler in Deutschland an den Mindestanforderungen in Mathematik, jeder siebte konnte nicht richtig lesen.

Als im Jahr 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffent­licht wurden, war man besonders schockiert darüber, dass benachteiligte Schüler überproportional oft zu den Bildungsverlierern zählten. Zwar liegen die Leistungen von Zuwandererkindern auch heute noch unter denen der deutschstämmigen Schüler, doch der Abstand ist deutlich geschrumpft (Grafik):

In Mathe hatten Schüler, deren Eltern beide im Ausland geboren sind, im Jahr 2003 volle 96 PISA-Punkte weniger als Schüler ohne Migrationshintergrund; im Jahr 2012 betrug der Rückstand nur noch 55 Punkte – ohne dass sich die deutschstämmigen Jugendlichen verschlechterten.

Mit 476 Punkten in Mathe erreicht die zweite Zuwanderergeneration in Deutschland in der jüngsten PISA-Studie in etwa das Durchschnittsniveau aller Schüler in den USA (481 Punkte) oder in Schweden (478 Punkte).

Die Fokussierung auf die frühkindliche Bildung – verbunden etwa mit dem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz –, der Ausbau der Ganztagsschulen und die gezielte Förderung von sozial benachteilig­ten Kindern zeigen also erste Wirkung. Doch wenn Deutschland bei einer der nächsten PISA-Studien nicht nur Musterschüler, sondern Klassenprimus werden will, muss es noch einige Hausaufgaben erledigen:

Erstens. Damit Schüler dem Unterricht problemlos folgen können, ist die Beherrschung der deutschen Sprache unerlässlich – deshalb sollte es nicht nur Sprachstanderhebungen und Sprachförderangebote in den Kindergärten und Grundschulen geben, sondern auch eine systematische Deutschförderung für Schüler in den weiterführenden Schulen.

Zweitens. Das Ganztagsschulangebot sollte weiter ausgebaut werden, auch, um die Bildungsarmut in Deutschland weiter zu reduzieren.

Drittens. In Mathematik, in den Naturwissenschaften und in einigen technisch orientierten Fächern müssen zusätzliche Lehrkräfte ausgebildet werden. Bereits heute gibt es in diesen Fächern Personalengpässe, sodass ein verlässlicher Schulunterricht oft kaum noch zu bewerkstelligen ist.

Viertens. Darüber hinaus sollte das Unterrichtsvolumen in Mathematik und in den Naturwissenschaften ausgebaut werden. Denn insbesondere die mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Schulabsolventen entscheiden langfristig darüber, welche Innovationskraft sich in Deutschland entwickeln kann (vgl. iwd 3/2012).

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