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„Der Braindrain ist das größte Problem“

Bulgarien, das ärmste EU-Mitgliedsland, hat ein neues Parlament gewählt. Galina Kolev, IW-Expertin im Kompetenzfeld Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur, wurde in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geboren. Mit dem iwd sprach sie über die Probleme und Chancen ihres Heimatlands.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die in Bulgarien geborene IW-Ökonomin Galina Kolev hält den Braindrain für das größte ökonomische Problem ihres Heimatlands.
  • Ebenfalls Anlass zur Sorge gibt die große Ungleichheit.
  • Bulgariens wirtschaftliche Chancen sieht Kolev in der Outsourcing-Industrie, die vor allem von US-Firmen für die Auslagerung von Callcentern genutzt wird.
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Am 26. März haben die Bulgaren in einer vorgezogenen Wahl ein neues Parlament gewählt, weil der Ministerpräsident im November 2016 zurückgetreten war. Wie kam es dazu?

Die europafreundliche GERB-Partei hatte zur Präsidentenwahl eine Kandidatin aufgestellt, die beim Volk nicht sonderlich gut ankam. Im Wahlkampf im Herbst 2016 hatte Ministerpräsident Bojko Borissow – ebenfalls von der GERB – sein Schicksal an das der Kandidatin geknüpft. Als dann der prorussische Kandidat der Sozialisten gewann, war Borissows Rücktritt unvermeidbar.

Bulgarien ist das ärmste Land der EU. Wie beurteilen Sie die Lage vor Ort?

Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sind im europäischen Vergleich schlecht, das Justizsystem ist wenig verlässlich und Korruption weit verbreitet. Noch schwerer wiegt für mich allerdings der „Braindrain“, den es aus dem Land gab und gibt. Gerade hochqualifizierte Menschen verlassen Bulgarien, weil sie beispielsweise als Ärzte oder Lehrer dort fast nichts verdienen. Und andere arbeiten fachfremd, um über die Runden zu kommen. So verkauft eine meiner Bekannten – sie ist eine studierte Lehrerin – heute Kreditkarten, weil ihr das deutlich mehr einbringt. Es ist natürlich fatal, wenn dadurch beispielsweise im Bildungssystem fast nur noch die Restposten arbeiten.

Hochqualifizierte Menschen verlassen Bulgarien, weil beispielsweise Ärzte oder Lehrer dort fast nichts verdienen.

Was sind die größten politischen Herausforderungen für Bulgarien?

Ein ganz großes Thema ist die hohe Ungleichheit im Land. Einerseits gibt es jene, die für internationale Firmen arbeiten und da wirklich gut verdienen; andererseits jene, die mit einem mageren Einkommen über die Runden kommen müssen. Auch zwischen einzelnen Regionen nimmt die Schieflage zu: So ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Sofia mehr als viermal so hoch wie in Pernik – eine Stadt, die nur 20 Kilometer entfernt liegt.

Sehen Sie denn auch Chancen für Bulgarien?

Potenzial gibt es vor allem in der Outsourcing-Industrie: Viele Unternehmen, vor allem amerikanische, haben ihre Callcenter in Bulgarien. Denn die Löhne sind dort im internationalen Vergleich niedrig, das Internet ist in den Ballungsgebieten schnell und die jungen Menschen sprechen gutes Englisch, viele auch Deutsch. Im Outsourcing-Sektor gab es in den vergangenen Jahren zweistellige Wachstumsraten, die dazu beigetragen haben, den Wohlstand zu erhöhen. Eine Flat Tax in Höhe von 10 Prozent lockt außerdem Unternehmen ins Land. Und vor allem im IT-Bereich hat Bulgarien gefragte Fachkräfte zu bieten – und die bleiben, wenn sie gut bezahlt werden.

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