Hybride Verteidigung für Deutschland
Angesichts des andauernden Ukraine-Kriegs und multipler internationaler Spannungen muss Deutschland das Thema Verteidigung neu denken. Dazu gehört auch, die Wirtschaft einzubinden. In manchen Bereichen wie der Cybersicherheit sind die Unternehmen bereits gut aufgestellt, in anderen gibt es allerdings noch viel zu tun.
- Sabotage, Desinformationskampagnen, Handelsbeschränkungen – die Möglichkeiten, einem anderen Land zu schaden, sind vielfältig geworden. Daher muss Deutschland die Landesverteidigung ab sofort als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen.
- Die Wirtschaft muss sich stärker gegen Angriffe schützen. In manchen Bereichen wie der Cybersicherheit gelingt das schon gut, Notfallpläne für Krisen haben dagegen nur wenige Unternehmen.
- Politik und Wirtschaft sollten künftig gemeinsam daran arbeiten, sich in Verteidigungsfragen enger zu verzahnen und auf eine auf allen Ebenen wehrhafte Bundesrepublik hinzuarbeiten.
Kriege und Konflikte werden heutzutage nicht mehr nur mit Waffen ausgetragen. Sabotage, Desinformationskampagnen, Handelsbeschränkungen – die Möglichkeiten, einem anderen Land zu schaden, sind vielfältig geworden. Diese Form der hybriden Kriegsführung, wie sie vor allem Russland seit Jahren demonstriert, erfordert ein deutsches Umdenken in Sicherheitsfragen. Es reicht längst nicht mehr aus, eine fähige Armee auf die Beine zu stellen – kritische Infrastruktur zu schützen, gegen Manipulation im Internet vorzugehen und Alternativpläne für Lieferketten zu entwickeln, sind ebenso zentrale Bestandteile einer umfassenden Verteidigungsstrategie.
Um all das zu gewährleisten, muss Deutschland die Landesverteidigung ab sofort als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen.
Konkret bedeutet das, auch die Privatwirtschaft mitzudenken und einzubeziehen. Unternehmen müssen Reservisten freistellen, hybride Bedrohungen abwehren und auf den Fall von krisenbedingten Verknappungen vorbereitet sein. Zudem gilt es, die verteidigungsrelevanten Wertschöpfungsketten über die bisher involvierten Unternehmen hinaus zu erweitern, um resilienter zu sein.
Inwieweit die Unternehmen im Land bereits zu alldem in der Lage sind, hat das IW ermittelt. Die Forscher haben im Herbst 2025 rund 1.000 Geschäftsführer aus der Industrie und den industrienahen Dienstleistungen befragt. Demnach spüren die Unternehmen zunehmend die Auswirkungen der Geopolitik (Grafik):
Im Jahr 2025 waren 18 Prozent der befragten Unternehmen stark von geopolitischen Entwicklungen betroffen. Insgesamt 29 Prozent gingen davon aus, dass dies in den nächsten fünf Jahren der Fall sein werde.
In Summe sahen sich gut 86 Prozent der Industrieunternehmen und der industrienahen Dienstleister im vergangenen Jahr mit Folgen der internationalen Verwerfungen konfrontiert. Dadurch könnten viele von ihnen auch für Verteidigungsthemen sensibilisiert worden sein.
Dennoch stellen bislang lediglich 15 Prozent der Unternehmen Mitarbeiter für Wehrübungen oder Freiwilligendienste im Bevölkerungsschutz frei. Weitere 10 Prozent wollen dies in Zukunft tun. Unter den Unternehmen, die niemanden freistellen, ist in zwei Dritteln dieser Wunsch bei den Mitarbeitern überhaupt nicht vorhanden. Die Betriebe sollten sich darauf einstellen, dass sich dies angesichts der Wehrdienstreform in den kommenden Jahren ändern könnte.
Politik und Wirtschaft sollten gemeinsam daran arbeiten, sich in Verteidigungsfragen enger zu verzahnen und auf eine auf allen Ebenen wehrhafte Bundesrepublik hinzuarbeiten.
Für den Ernstfall haben die Unternehmen am häufigsten einen Notfallplan für die Infrastruktur in der Schublade. Knapp ein Viertel ist gegen entsprechende Ausfälle gerüstet, weitere 17 Prozent planen Vorbereitungen. Insgesamt sind aber viele Bereiche in der Wirtschaft nicht abgesichert. So haben die wenigsten Unternehmen einen Notfallplan, falls ihnen Personal wegbricht. Auch der Austausch mit Sicherheitsbehörden ist bislang eher die Ausnahme als die Regel.
Besser sieht es bei den Schutzmaßnahmen aus (Grafik):
Knapp 86 Prozent der Unternehmen schützen sich vor Cyberattacken. Von den Betrieben mit mehr als 250 Mitarbeitern betreiben fast alle eine eigene Cyberabwehr.
Auch gegen Desinformation und Sabotage wehrt sich mehr als die Hälfte der Betriebe. Positiv ist zudem: In allen Bereichen wollen künftig mehr Unternehmen Maßnahmen ergreifen, um sich vor Angriffen zu schützen.
Noch wenig Beteiligung von Unternehmen im militärischen Bereich
Bleibt noch die Frage nach den Wertschöpfungsketten. Unternehmen können in vielerlei Hinsicht zur Verteidigung beitragen, zum Beispiel als direkter Lieferant von Material an die Bundeswehr oder durch das Bereitstellen von einzelnen Komponenten. Auch als Dienstleister können die Betriebe eine wichtige Funktion einnehmen, etwa in der Logistik.
Am häufigsten in die Produktion von Militärtechnik involviert sind bisher die Branchen Maschinenbau, Elektrotechnik und Fahrzeugbau. Unternehmen, die stark auf die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien setzen, sind im Branchenvergleich besonders oft als Dienstleister für die Bundeswehr tätig. Bislang bewegen sich die Beteiligungsanteile in allen militärischen Bereichen aber noch überwiegend auf niedrigem Niveau. Immerhin erwarten die Unternehmen in Deutschland auf breiter Front einen Anstieg in den kommenden Jahren.
Interessant für die Verteidigung könnten dann vermehrt Vorhalteverträge sein. Damit stellen die Betriebe Kapazitäten bereit, um eine schnelle Produktion und Lieferung im Krisenfall zu garantieren.
In der Gesamtschau haben die Unternehmen den Ernst der Lage anscheinend erkannt. Dennoch sind sie nur in Teilbereichen gut gegen Angriffe von außen geschützt. Auch die Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden und Hilfsorganisationen sowie das Vorhalten von Notfallplänen sind stark ausbaufähig. Politik und Wirtschaft sollten gemeinsam daran arbeiten, sich in Verteidigungsfragen enger zu verzahnen und auf eine auf allen Ebenen wehrhafte Bundesrepublik hinzuarbeiten.