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Hidden Wolfsburgs

Wenn ein Unternehmen eine ganze Stadt dominiert, kann das Fluch und Segen zugleich sein. In Deutschland gilt das nicht nur für Wolfsburg.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wolfsburg,Gütersloh und Walldorf sind Beispiele für sogenannte Company Towns – Städte, in denen ein Unternehmen die Wirtschaft dominiert.
  • Die hohe Abhängigkeit von Firmen wie VW, Bertelsmann und SAP lässt Gemeinden prosperieren, birgt auch Risiken.
  • Die Company Towns sollten sich um wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen bemühen, um weitere Unternehmen anzulocken.
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Metzingen, Gütersloh, Walldorf. Klingelt es? Klar, alles irgendwie schon mal gehört. Und zwar in einem ganz bestimmten Zusammenhang, der da heißt: Boss, Bertelsmann, SAP. Die schwäbische, die westfälische und die badische Stadt gehören zu Deutschlands mehr oder weniger heimlichen Wolfsburgs. Gemeinden also, in denen ein Großunternehmen der mit Abstand wichtigste Arbeitgeber ist, nahezu im Alleingang den Stadtsäckel füllt und teilweise sogar das gesellschaftliche und kulturelle Leben dominiert.

So hat zum Beispiel der Volkswagenkonzern mit seiner „Autostadt“ eines der beliebtesten Freizeitziele für die Wolfsburger geschaffen. Das ist Segen und Fluch zugleich. Denn wie ein geflügeltes Wort aus der Region sagt: „Wenn VW hustet, bekommt Wolfsburg eine Grippe.“ Und diesem Risiko sieht sich nicht nur die niedersächsische Retortenstadt ausgesetzt. Vor allem das Steueraufkommen vieler der sogenannten Company Towns ist extrem abhängig vom Wohl und Wehe einzelner Unternehmen, wie die Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult in einer Untersuchung ermittelt hat:

Die SAP-Stadt Walldorf bezog 2014 glatte 94 Prozent ihrer Steuereinnahmen aus der Gewerbesteuer – und daran hat die Softwarefirma einen erheblichen Anteil.

Der Wolfsburger Stadthaushalt speiste sich im selben Jahr zu 78 Prozent aus Gewerbesteuerzahlungen und zu den Gemeindefinanzen von Oberkochen, dem baden-württembergischen Hauptsitz des Optikspezialisten Carl Zeiss, trägt die Gewerbesteuer von knapp 71 Prozent bei.

In welche Probleme die Dominanz einzelner Unternehmen münden kann, lässt sich derzeit im Ruhrgebiet beobachten. Einst prosperierende Städte wie Essen, Duisburg und Gelsenkirchen kämpfen noch immer mit dem Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie.

Abmildern lässt sich eine solche Abhängigkeit nur, indem die betroffenen Städte ihre komfortable finanzielle Lage sinnvoll nutzen: Sie sollten wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen und so weitere wachstumsstarke, innovative Unternehmen anziehen – recht gut gelungen ist das zum Beispiel Monheim am Rhein, dem Sitz des Pflanzenschutzmittelherstellers Bayer CropScience, aber auch einer anderen VW-Stadt, nämlich Braunschweig.

Eher gewagt ist dagegen, worauf sich das kleine Städtchen Liebenwalde im Norden Berlins eingelassen hat: Die brandenburgische Steueroase hat mit 250 Prozent einen der niedrigsten Gewerbesteuer-Hebesätze Deutschlands – und damit mehrere zum Lebensmittel-Discounter Lidl gehörende Tochterfirmen der in Neckarsulm ansässigen Schwarz-Gruppe angelockt. So hat zum Beispiel die Lidl Lizenz Geschäftsführungs-GmbH im Liebenwalder Ortsteil Kreuzbruch ihren Hauptsitz angemeldet.

Lidl schafft in Liebenwalde – abgesehen von einer Filiale – zwar kaum Arbeitsplätze, trug aber wesentlich dazu bei, dass die Gewerbesteuer 2014 mit 30 Millionen Euro 95 Prozent des Gemeindeetats abdeckte. Doch ein Briefkasten ist eben genauso schnell abmontiert wie angebracht.

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