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Hartnäckige Stereotype

Junge Frauen interessieren sich oft für andere Berufe und Studienfächer als junge Männer. Seit mehr als drei Jahrzehnten haben sich die beruflichen Vorlieben der Geschlechter in Deutschland nur wenig verändert, sodass auch heute noch fast alle Sprechstundenhilfen weiblich und nahezu alle Maurer männlich sind.

Kernaussagen in Kürze:
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Allen Appellen und Aufklärungsversuchen zum Trotz: Frauen sind einfach unverbesserlich, wenn es um die Berufswahl geht. Seit 35 Jahren entscheiden sich Frauen in Westdeutschland mehr oder weniger für die gleichen Jobs, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2014 festgestellt. So werden Pflegeberufe – zum Beispiel medizinische Fachangestellte oder Krankenpflegekraft – seit Jahrzehnten fast ausschließlich von Frauen ausgeübt. Auch die Bereiche Erziehung, Reinigung und einfache Bürotätigkeiten sind klassische Frauendomänen.

Doch es sind nicht nur die Frauen, die an ihren Berufen hängen. Männer sind hierzulande seit Generationen genauso stoisch und vor allem in handwerklichen Tätigkeiten überrepräsentiert; Berufe wie Maurer, Maschinenschlosser oder Elektroinstallateur werden fast nur von Männern ausgeübt.

Die berufliche Geschlechtertrennung ist kein deutsches Phänomen, obwohl sie in der Bundesrepublik sehr ausgeprägt ist. In der Schweiz und in Schweden – ein Land, das in Genderfragen gerne als Vorbild zitiert wird – sind die Berufsmuster von Frauen und Männern noch eingefahrener.

Doch warum wählen Frauen denn nun typischerweise andere Berufe als Männer? Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Gesellschaftlich vorherrschende Rollenmodelle sind für die Präferenzen bei der Berufswahl maßgeblich. Geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse führen dazu, dass Jungen und Mädchen sich beruflich unterschiedlich orientieren. Die Gesellschaft schreibt weiblichen Stereotypen Merkmale wie Beziehungsorientierung, Selbstzurücknahme, Attraktivität und Körperbewusstsein zu. Infolgedessen streben Frauen selten technische Berufe an, weil diese sich eher auf Sachen richten und nicht als typisch weibliche Tätigkeiten gelten.
  1. Anders als Männer wählen Frauen ihren Beruf häufig auch danach aus, ob sie ihn im Hinblick auf spätere familiäre Pflichten beispielsweise für vereinbar mit der Kinderbetreuung halten.
  1. Mangelnde betriebliche Akzeptanz von Frauen in bislang von Männern dominierten Berufen trägt ebenfalls dazu bei, dass sich das Berufswahlspektrum der Geschlechter nur sehr langsam verändert.

Für die duale Berufsausbildung ergibt sich daher folgendes Bild (Grafik):

An einer Ausbildung zur medizinischen oder zahnmedizinischen Fach­angestellten oder Friseurin sind fast ausschließlich junge Frauen interessiert – allesamt Tätigkeiten, die zu den zehn am stärksten von Frauen nachgefragten Ausbildungen gehören.

Eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Zerspanungsmechaniker oder Metallbauer wiederum wird nahezu allein von männlichen Interessenten angestrebt.

Auch an den Hochschulen erweist sich der vermeintlich kleine Unterschied als groß. Zwar ist jeder zweite Student in Deutschland heute weiblich, doch Frauen bevorzugen meist andere Studienrichtungen als Männer (Grafik):

In den Sprach- und Kulturwissenschaften betrug der Anteil der Studienanfängerinnen 2013 annähernd 75 Prozent, in Mathematik und den Naturwissenschaften lag er dagegen lediglich bei knapp 38 Prozent. In den Ingenieurwissenschaften waren zuletzt sogar weniger als 24 Prozent der Erstsemester Frauen – auch wenn das immerhin 6 Prozentpunkte mehr waren als vor 20 Jahren. Die größte Steigerung gab es jedoch in der Humanmedizin – ein Fach, das zu den fünf beliebtesten Studienfächern von Frauen zählt – und den Gesundheitswissenschaften: Der Frauenanteil in diesen beiden Fächern ist in den vergangenen 20 Jahren um 19 Prozentpunkte auf knapp 69 Prozent gestiegen.

Auffällig ist auch: Gut 51 Prozent der Studienabschlüsse werden von Frauen abgelegt. Bei den Promotionen beträgt der Frauenanteil noch 44 Prozent, bei den Habilitationen aber nur 27 Prozent. Der Professorinnenanteil an den deutschen Hochschulen betrug 2013 sogar lediglich 21 Prozent.

Die gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) hat für die langsamen Fortschritte, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen der Hochschulen mit Wissenschaftlerinnen geht, folgende Erklärung: Frauen stoßen immer noch an eine „gläserne Decke“ – kommen also trotz gleicher Qualifikation oft nicht zum Zuge. Die Unterrepräsentanz von Frauen an der Spitze der Wissenschaft ist der GWK zufolge übrigens nicht nur ein Ausdruck der Chancenungerechtigkeit, sondern auch ein Kompetenzverlust für die Forschung.

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