M+E-Strukturbericht 06.03.2017 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Gute Standort­bedingungen in Deutschland

Langfristig hängt der wirtschaftliche Erfolg eines Landes entscheidend von seinen Standortbedingungen ab. Seit dem Jahr 2000 liegt die deutsche M+E-Industrie auf diesem Gebiet in der Spitzengruppe und belegte zuletzt Platz fünf von 44 Industrie- und Schwellenländern. Führend ist die Schweiz.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschland hat laut einer IW-Studie im Vergleich von 44 Industrie- und Schwellenländern die fünftbesten Standortbedingungen.
  • China weist die stärkste Entwicklung auf, liegt aber insgesamt noch im Mittelfeld. Die USA drohen hingegen aufgrund fehlender Dynamik langfristig aus der Spitzengruppe zu fallen.
  • Die traditionellen Industrieländer dürfen sich keinesfalls auf dem Erreichten ausruhen und müssen in Anbetracht der Konkurrenz weiter an ihrer Standortqualität arbeiten.
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Gute Standortbedingungen bilden die Grundlage für unternehmerischen Erfolg auf den Weltmärkten – vor allem für stark exportorientierte Wirtschaftszweige wie die M+E-Industrie. Die Qualität eines Standorts ist abhängig von zahlreichen Faktoren. Deshalb berücksichtigt der IW-Standortindex insgesamt 63 Einzelindikatoren aus den Bereichen Infrastruktur, Wissen, Ressourcen, Governance, Kosten und Markt.

Der IW-Standortindex unterscheidet sich von anderen Indizes vor allem dadurch, dass er industriespezifische Faktoren umfangreich berücksichtigt: Die Indikatoren werden anhand von Selbsteinschätzungen der M+E-Unternehmen und M+E-spezifischen Daten wie Input-Output-­Zusammenhängen und Komplexität des Produktportfolios gewichtet.

Deutschland gehört in Sachen Standortbedingungen laut einer IW-Studie zur internationalen Spitze.

Vor allem in Sachen Arbeitskosten, Steuern und Regulierungen kommen andere Studien für Deutschland zum Teil zu deutlich schlechteren Ergebnissen als das IW. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und die Calculus Consult etwa sehen die Bundesrepublik in ihrem Standortindex für große Familienunternehmen nur im unteren Mittelfeld der 18 betrachteten Industrieländer.

Das passt allerdings nicht zum anhaltenden Erfolg der großen Familienunternehmen in Deutschland – gerade im Industriesektor und speziell in den M+E-Branchen gibt es viele „Hidden Champions“ (siehe iwd,de:„Der Mittelstand ist groß“).

Die M+E-Standortqualitäten der 44 Länder in der IW-Erhebung werden als Niveauindex für das aktuellste Jahr und als Dynamikindex seit dem Jahr 2000 wiedergegeben (Grafik):

Deutschland befindet sich im Niveauranking 2014 auf einem respektablen fünften Platz.

Die zweit- bis viertplatzierten Länder Niederlande, Japan und USA schneiden nur geringfügig besser ab, einzig der Top-Standort Schweiz kann sich klar abheben: Ihre Bewertung liegt 38 Prozent über dem Schnitt der 44 untersuchten M+E-
Standorte.

Belastungsfaktor Kosten

Zu den großen Belastungsfaktoren für den deutschen Standort, aber auch für viele andere europäische Volkswirtschaften, zählen die Kosten. Hier können die neuen Wettbewerber aus Osteuropa und Asien punkten. In den anderen fünf Bereichen, und damit auch im Gesamtindex, liegen sie allerdings noch deutlich zurück: Die neuen Wettbewerber aus Osteuropa und Asien erreichen so nur einen Durchschnittswert von 83,4 – die traditionellen Industrieländer kommen auf 113,8.

In Sachen Kosten stechen die Vereinigten Staaten und Japan hervor – ihre Lohn- und Lohnzusatzkosten sind bei vergleichbarer Produktivität niedriger als an den teuren europäischen Standorten.

Beim Blick auf das Gesamtranking in Europa zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Neben den drei Ländern Schweiz, Niederlande und Deutschland in der Spitzengruppe werden auch die skandinavischen Länder und Großbritannien hoch eingestuft. Frankreich und Österreich befinden sich allerdings nur knapp über dem Durchschnitt aller 44 Staaten. Italien (Rang 30), Portugal (33) und Griechenland (41) weisen Bewertungen auf, wie sie auch in Brasilien, Russland oder den Philippinen zu finden sind.

Im Ranking der dynamischen Veränderung der M+E-Standortbedingungen seit 2000 liegt Deutschland mit Platz 16 im oberen Mittelfeld. Aussagekräftiger ist der Vergleich der traditionellen Industrieländer: Hinter Südkorea und der Schweiz nimmt die Bundesrepublik den dritten Rang ein.

China wächst, USA stagniert

Spitzenreiter im Dynamikranking ist China, das im Niveauranking nur im Mittelfeld landet. Genau umgekehrt stellt sich die Situation für die USA dar: Schlechter werdende Bedingungen seit der Jahrtausendwende haben das Land zwar noch nicht seinen Platz in der Spitzengruppe gekostet. Doch Platz 41 im Dynamikranking des IW-Standortindexes für die M+E-Industrie deutet darauf hin, dass dem Land die industrielle Führungsrolle zu entgleiten droht. Auch die südeuropäischen Krisenstaaten erzielen im Dynamikranking sehr schlechte Werte.

Der Vergleich von Niveau- und Dynamikranking zeigt, dass viele neue Wettbewerber große Anstrengungen unternehmen, um zu den etablierten Volkswirtschaften aufzuschließen. Große Sprünge sind naturgemäß von einem geringen Ausgangsniveau deutlich leichter möglich – so befinden sich die Philippinen auf Rang zwei im Dynamikranking „Wissen“. In Sachen Governance und Infrastruktur er­zielen vor allem die neuen Wettbewerber aus Osteuropa systematische Verbesserungen.

Die Schweiz und Deutschland zeigen allerdings, dass auch etablierte Standorte erfolgreich an der Verbesserung ihrer Bedingungen arbeiten können. Im Bereich Wissen belegen die beiden Länder Rang eins und drei des Dynamikrankings. Bei der Entwicklung der Kosten schneidet Deutschland jedoch schlecht ab, diesen Punkt gilt es im Blick zu behalten.

Die Kombination aus Niveau- und Dynamikanalyse der Standortbedingungen verdeutlicht, dass sich die traditionellen Industrieländer keinesfalls auf dem Erreichten ausruhen dürfen und in Anbetracht der Konkurrenz weiter an ihrer Standortqualität arbeiten müssen. Insbesondere in Südeuropa sind Reformen dringend nötig.

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