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Großer IT-Nachholbedarf

Vor allem in den ländlichen Regionen Deutschlands fehlt qualifiziertes IT-Personal und die Internet-Zugänge lahmen – wenn sich das nicht schnell ändert, drohen die Potenziale der Digitalisierung dort dauerhaft brachzuliegen. Auch zwischen Ost- und Westdeutschland gibt es ein großes Gefälle.

Kernaussagen in Kürze:
  • Während in Großstädten auf 10.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte immerhin 115 IT-Akademiker kommen, sind es in dünn besiedelten ländlichen Kreisen lediglich 22.
  • Im Bundesdurchschnitt hatten Mitte vergangenen Jahres rund 69 Prozent aller privaten Haushalte ein Breitbandinternet mit einer Verbindungsrate von 50 Megabit pro Sekunde.
  • Die Spanne reicht von 98 Prozent in den kreisfreien Großstädten Bonn und Regensburg bis zu 26 Prozent in ländlichen Gemeinden.
Zur detaillierten Fassung

Ohne eine IT-basierte Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden läuft in der modernen Wirtschaft nichts mehr. Die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie sind qualifizierte IT-Arbeitskräfte und eine leistungsfähige IT-Infrastruktur. Was die Verfügbarkeit von IT-Kräften angeht, offenbaren sich in Deutschland jedoch gewaltige Probleme:

Während in Großstädten auf 10.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte immerhin 115 IT-Akademiker kommen, sind es in dünn besiedelten ländlichen Kreisen lediglich 22.

Bayern und Baden-Württemberg sind in Sachen IT-Spezialisten deutlich besser aufgestellt als der Rest der Republik. Denn in diesen beiden Bundesländern haben nicht nur die Großstädte eine bis zu zweimal so hohe IT-Beschäftigungsquote wie zum Beispiel Berlin. Auch ihre ländlichen Regionen kommen auf rund 30 IT-Akademiker pro 10.000 Beschäftigte – fast die Hälfte mehr als im Bundesdurchschnitt. Hessen schneidet ebenfalls sehr gut ab, jedoch mit deutlichen Abstrichen in ländlichen Kreisen.

Extrem dünn ist die IT-Personaldecke in den ostdeutschen Flächenländern. Selbst das beste von ihnen, Sachsen, bleibt in allen Kategorien deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Verschärfend kommt hinzu, dass die IT-Beschäftigungsdichte auf dem Land seit drei Jahren stagniert, während sie in den Städten weiter ansteigt – die ländlichen Kreise fallen also immer weiter zurück.

Plan B funktioniert nicht

Wenn die Unternehmen nicht genügend IT-Akademiker finden, können sie IT-Facharbeiter anheuern und diese entsprechend weiterbilden – so eine mögliche Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass in den IT-Facharbeiterberufen – beispielsweise Industriesystemtechniker, Netzwerkadministratoren und Systemprogrammierer – das gleiche Problem besteht wie in den akademischen IT-Berufen: Die Beschäftigungsdichte in Großstädten liegt etwa viermal so hoch wie auf dem Land.

Die IT-Personaldecke ist besonders in den ostdeutschen Flächenländern dünn – selbst Ost-Primus Sachsen schneidet in allen Kategorien unterdurchschnittlich ab.

Mit anderen Worten: Wo viele IT-Akademiker beschäftigt sind, finden sich auch viele IT-Facharbeiter – wo jedoch kaum Informatiker beschäftigt sind, können IT-Facharbeiter die Lücke nicht schließen.

Dieses Phänomen gibt es zwar auch bei Ingenieuren und Technikern, allerdings verteilen sich die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Segment deutlich gleichmäßiger und sind auch in dünn besiedelten Regionen noch stark vertreten. Das gravierende Stadt-Land-Gefälle bei den IT-Berufen spiegelt also nicht nur den großen Rückstand der ländlichen Regionen in puncto Digitalisierungs-Know-how wider, es legt auch ein gravierendes Rekrutierungsproblem offen.

Hochschulen in ländlichen Regionen bilden zu wenig aus

Eine weitere Ursache für das Fehlen von IT-Akademikern ist, dass Hochschulen in ländlichen Regionen weniger Informatiker hervorbringen als Hochschulen in Städten und Ballungszentren. Im Prüfungsjahr 2014 waren es, gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen, gerade einmal halb so viele. Auf Ebene der Bundesländer schneiden wiederum die ostdeutschen Bundesländer schwach ab. Sie bilden allesamt weniger Informatiker aus als im Bundesschnitt, während Baden-Württemberg, Bayern und Hessen auch in diesem Ranking auf dem Treppchen stehen.

Schlechte Breitbandausstattung auf dem Land

Eine Digitalisierung der Geschäftsmodelle – zum Beispiel Big Data – und die Vernetzung wirtschaftlicher Aktivitäten – wie der Austausch von Daten mit Zulieferern und Kunden – braucht neben qualifizierten IT-Mitarbeiter eine entsprechende IT-Infrastruktur, sprich ein Breitband, das diesen Namen auch verdient.

Zwar gibt es noch keine regional differenzierten Daten für die gewerbliche Wirtschaft, die private Breitbandverfügbarkeit bildet jedoch einen guten Näherungswert:

Im Bundesdurchschnitt hatten Mitte vergangenen Jahres rund 69 Prozent aller privaten Haushalte ein Breitbandinternet mit einer Verbindungsrate von 50 Megabit pro Sekunde.

Doch dieser Durchschnittswert gilt eben nicht für alle. Während Städte mit mindestens 500 Einwohnern pro Quadratkilometer eine durchschnittliche Quote von 85 Prozent haben, erreicht so manches Dorf nicht einmal ein Drittel davon.

Unter den kreisfreien Großstädten sind Bonn und Regensburg mit einer Abdeckung von jeweils 98 Prozent deutsche Spitze, Magdeburg und Halle an der Saale halten mit jeweils rund 60 Prozent die rote Laterne.

Dass die Verfügbarkeit von Breitbandinternet wie die IT-Beschäftigung stark mit der Einwohnerzahl zusammenhängt, hat auch finanzielle Gründe. Denn der Großteil der Breitbandversorgung läuft kabelgebunden - je höher also die Einwohnerdichte, desto mehr Haushalte können kostengünstig mit Glasfaserkabel versorgt werden.

Was zu tun ist

Um alle diese Defizite zu beseitigen und Deutschland aus seinem digitalen Dämmerschlaf zu wecken, muss der weitere Ausbau der Breitbandinfrastruktur mit höchster Priorität vorangetrieben werden. Darüber hinaus müssen gerade die Hochschulen in ländlichen Gebieten und in Ostdeutschland generell mehr als bislang in die Ausbildung von Informatikern investieren - trotz der Gefahr, dass der eine oder andere nach seinem Studium abwandert. Und auch was die Suche und das Halten von IT-Kräften angeht, müssen sich diese Regionen mächtig ins Zeug legen - sonst rauscht die Digitalisierung an ihnen vorbei.

Weitere Informationen:
Christina Anger, Oliver Koppel, Axel Plünnecke: MINT-Frühjahrsreport 2016 - Herausforderungen der Digitalisierung, Gutachten für BDA, BDI, MINT Zukunft schaffen und Gesamtmetall

Auf iwkoeln.de finden Sie auch zwei interaktive Deutschlandkarten zu den Themen IT-Experten und Breitbandinternet

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