Branchenporträt 21.04.2017 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Gießereien: 2017 soll besser werden

Diese deutsche M+E-Branche ist die stärkste Europas und liefert wichtige Komponenten für die Fahrzeugindustrie und den Maschinenbau. Im Jahr 2016 mussten die Betriebe allerdings einen Umsatzrückgang hinnehmen. Auf lange Sicht bieten sich für die Gießereien gute Chancen im Umweltsektor.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Gießereien in Deutschland mussten 2016 einen Umsatzrückgang von 2,2 Prozent hinnehmen.
  • Anziehende Konjunktur und verbesserte Auftragslage nähren aber die Hoffnung auf ein besseres Jahr 2017.
  • Auch wenn die Branche auf den ersten Blick wie eine „Old Industry“ wirkt, liefert sie modernste Technik, zum Beispiel für Windkraftanlagen.
Zur detaillierten Fassung

Während die Gießerei-Industrie im Jahr 2015 – angetrieben von einem starken Inlandsgeschäft – ein Umsatzplus von 4,4 Prozent verzeichnete, lesen sich die Zahlen für 2016 nicht mehr so gut. Am Ende des Jahres stand ein Minus von 2,2 Prozent zu Buche, das fast gleichermaßen den In- und Auslandsmarkt betraf (Grafik). Trotz der Verluste sank die Zahl der Beschäftigten lediglich um 0,7 Prozent. Die Unternehmen halten also ihre qualifizierte Belegschaft, was darauf hindeutet, dass sie sich bessere Geschäfte in diesem Jahr erhoffen. Diese Rechnung könnte aufgehen:

Dank der anziehenden Konjunktur in Europa waren die Auftragsbücher der Gießereien in Deutschland zum Jahresende 2016 gut gefüllt.

Der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) rechnet daher für 2017 mit einem Umsatz, der mindestens so hoch ist wie im Vorjahr.

Wichtiger Zulieferer für den Maschinenbau

Mit einer Exportquote von nur einem Drittel ist der Wirtschaftszweig relativ stark auf den Heimatmarkt ausgerichtet. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass er indirekt viele Güter für das Ausland produziert. Denn die Gießereien sind wichtige Zulieferer für die Exporteure im Fahrzeug- und Maschinenbau.

Die deutschen Gießereien können aufgrund der anziehenden Konjunktur in Europa in diesem Jahr auf bessere Geschäfte als 2016 hoffen.

Charakteristisch für die Branche ist ihre mittelständische Struktur. Die meisten Betriebe beschäftigen weniger als 500 Mitarbeiter, im Durchschnitt sind es 247. Neben den knapp 300 Betrieben mit mindestens 50 Mitarbeitern gab es im Jahr 2015 weitere 119 Kleinbetriebe ab 20 Beschäftigten. Ein weiteres Merkmal der Gießerei-Industrie ist ihre hohe Fertigungstiefe. Dadurch erklärt sich auch die relativ niedrige Umsatzproduktivität von knapp 182.000 Euro je Mitarbeiter. Zum Vergleich: Im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes ist die Produktivität 72 Prozent höher.

Global betrachtet stellt das Reich der Mitte in der Produktion alle anderen Länder in den Schatten (Grafik):

China ist mit einem Marktanteil von 44 Prozent der mit Abstand größte Hersteller von Gussteilen.

Es folgen Indien und die USA mit jeweils rund 10 Prozent. Die europäischen Länder sind weit abgeschlagen – bis auf Deutschland. Die Bundesrepublik liefert 5,1 Prozent der weltweiten Gussprodukte und liegt damit auf Rang fünf. Die italienischen Gießereien produzieren nur gut 2 Prozent der weltweiten Gussteile. Auf ähnliche Werte kommen die Türkei und Frankreich.

Der internationale Vergleich beruht auf dem Gewicht der Produkte in Tonnen. Das verzerrt das Bild, wie sich am Beispiel Deutschland erklären lässt. In den hiesigen Gießereien verdrängt der Leichtmetallguss Schritt für Schritt den schwereren Eisen- und Stahlguss:

In der deutschen Gießerei-Industrie stieg der Umsatz mit Leichtmetallguss im vergangenen Jahr, während der Eisen- und Stahlguss deutlich verlor.

Die Entwicklung ist den Wünschen der Automobilindustrie geschuldet. Dort wird für immer mehr Gussteile Leichtmetall anstelle von Stahl oder Eisen verwendet.

Komponenten arbeiten oft im Verborgenen

Im Straßenfahrzeugbau erfüllen Gusskomponenten ihre Funktion oft im Verborgenen. Sie werden im Antriebsbereich, im Fahrwerk und sogar im Karosseriebau verwendet. Zu den wichtigsten Gussteilen zählen Zylinderkurbelgehäuse und Zylinderköpfe, Komponenten der Bremsen und Lenkung sowie Getriebe- und Achsenteile. Dabei werden selbst für kleine Gussteile die einwirkenden Lasten exakt berechnet, um durch geringere Wandstärken Material und Gewicht einzusparen.

Insgesamt erwirtschaftet die Gießerei-Industrie fast 60 Prozent ihres Umsatzes im Fahrzeugbau, was ein potenzielles Problem darstellt: Sollte es tatsächlich einen zügigen Durchbruch der E-Mobilität geben, könnten die Geschäfte in diesem Segment einbrechen – denn Elektroautos benötigen deutlich weniger Gussteile als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Doch auch in Eisenbahnen und Flugzeugen werden Gießereiprodukte verbaut. Diese machen zwar nur einen geringen Teil der Gussherstellung in Deutschland aus, sie tragen aber erheblich zur Wertschöpfung der deutschen Firmen bei. Gusskomponenten finden sich in Turbinen sowie im Bereich der Karosseriestruktur von Flugzeugen und im Fahrwerksbereich.

Gießereien wichtig für erneuerbare Energien

Auf den ersten Blick erscheint der Metallguss als „Old Industry“, tatsächlich aber spielt er eine wichtige Rolle für moderne Technik. Zum einen hilft er dabei, das Gewicht von Fahrzeugen zu reduzieren und somit ihren CO2-Ausstoß zu senken. Zum anderen liefert er notwendige Teile für die erneuerbaren Energien: Ohne Gussteile würde sich kein Windrad drehen und kein Wasserkraftwerk Strom produzieren. Ein Ausbau der Erneuerbaren könnte den Unternehmen neue Aufträge bescheren.

Neben zukunftsorientierten Produkten arbeiten die Betriebe auch daran, sich stärker zu digitalisieren. Mit dem 3-D-Druck lassen sich schon heute Kleinserien deutlich schneller und kostengünstiger realisieren. Ein Problem stellt allerdings der schleppende Ausbau der Breitbandinfrastruktur dar, denn viele Gießereien befinden sich außerhalb der städtischen Zentren. Der Austausch virtueller dreidimensionaler Modelle mit dem Kunden erfordert aber eine hohe Übertragungskapazität, am besten im Gigabitbereich.

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