Gewerkschaften Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Gewerkschaften unter Druck

Die Arbeitnehmervertretungen kommen zunehmend unter Druck. Nicht einmal mehr jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland war 2015 Mitglied in einer Gewerkschaft. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede.

Kernaussagen in Kürze:
  • Nur 18,9 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland waren 2015 Mitglied in einer Gewerkschaft.
  • Der Organisationsgrad war in den alten Bundesländern höher als in den neuen.
  • NRW liegt über dem Bundesdurchschnitt, doch im bevölkerungsreichsten Bundesland ist seit 1989 ein Mitgliederrückgang von mehr als einem Viertel zu verzeichnen.
Zur detaillierten Fassung

Eine Auswertung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2015 zeigt: Über alle Bundesländer hinweg sind 18,9 Prozent der Arbeitnehmer Mitglied in einer Gewerkschaft.

Im Westen ist der Organisationsgrad mit 19,4 Prozent der Beschäftigten höher als im Osten, wo nur 16,5 Prozent der Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied sind.

In den alten Bundesländern liegen die Werte – mit Ausnahme von Bayern (16,4 Prozent) und Baden-Württemberg (16 Prozent) – alle oberhalb des bundesweiten Organisationsgrads.

Ein Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigt, wie groß die Spanne tatsächlich ist (Grafik):

In Sachsen und Berlin sind nur knapp 15 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert, während es beim Spitzenreiter Saarland mit fast 31 Prozent mehr als doppelt so viele sind.

Die niedrigen Werte in Sachsen und Berlin sind möglicherweise das Ergebnis einer vergleichsweisen starken Tertiarisierung in diesen Regionen. Industrielle Arbeitsplätze werden durch Jobs im Dienstleistungsbereich ersetzt und führen zu strukturellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt: Der Anteil von erwerbstätigen Frauen, Angestellten und Teilzeitarbeitern nimmt zu und verdrängt die typischen Gewerkschaftsmitglieder – die sind nämlich meist männlich, in Vollzeit und oft als Arbeiter in der Verarbeitenden Industrie beschäftigt.

Im Jahr 2015 war weniger als jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland Mitglied in einer Gewerkschaft.

Der überdurchschnittlich hohe Organisationsgrad im Saarland ist vermutlich auf die Pflichtmitgliedschaft aller Arbeitnehmer in den dortigen Arbeitskammern zurückzuführen. Die Kammern sind öffentlich-rechtliche Körperschaften zur Vertretung der Arbeitnehmerinteressen in Politik und Wirtschaft. Arbeitskammern sind nicht an Tarifverhandlungen beteiligt und dürfen auch nicht streiken, wodurch sie keine Konkurrenz zu den Gewerkschaften darstellen. Im Gegenteil, die Kammern kooperieren oft mit ihnen, was die Neigung steigern dürfte, einer Gewerkschaft beizutreten.

Eine Sonderrolle spielt Bremen. Hier beträgt der gewerkschaftliche Organisationsgrad sogar nur 10,9 Prozent, doch diese Zahl ist aufgrund der geringen Stichprobengröße in der Hansestadt nicht aussagekräftig. Denn laut einer Analyse des Gewerkschaftsspiegels sind DGB-Gewerkschaften in Bremen mit 24,8 Prozent sogar besonders stark verankert.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, sind immerhin noch annähernd 22 Prozent der Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied. Das ist zwar etwas mehr als im Bundesdurchschnitt, doch meilenweit entfernt vom Jahr 1989, als der Organisationsgrad im damals klassischen Industriestandort noch bei 30,8 Prozent lag.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de