Gewerkschaften Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Gewerkschaften: Jungbrunnen gesucht

Der Anteil der Arbeitnehmer, die in einer Gewerkschaft sind, reicht in Europa von 5 Prozent in Ungarn bis knapp 70 Prozent in Dänemark. Doch trotz dieser großen Spanne stehen die Gewerkschaften überall vor sehr ähnlichen Problemen – das größte ist die Altersstruktur.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland sind nur gut 15 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder zwischen 16 und 30 Jahre alt, obwohl diese Altersgruppe fast ein Viertel aller Arbeitnehmer stellt.
  • Das Problem des fehlenden Nachwuchses betrifft Gewerkschaften in ganz Europa.
  • Auch bei den Teilzeitkräften und in kleinen Betrieben sind die Gewerkschafter unterrepräsentiert. Dies bietet für die Arbeitnehmerorganisationen Ansatzpunkte, um neue Mitglieder zu werben.
Zur detaillierten Fassung

Die IG Metall hat die Zeichen der Zeit erkannt: Mit ihrer Kampagne „Revolution Bildung“ wendet sich die Gewerkschaft derzeit gezielt an den Nachwuchs. Schon vor einigen Jahren arbeitete die IG Metall mit der Jugend an der „Operation Übernahme“, also daran, dass die Azubis im Anschluss an ihre erfolgreiche Berufsausbildung von dem Ausbildungsbetrieb übernommen werden. Dennoch ist der Nachwuchs in den Gewerkschaften eindeutig unterrepräsentiert (Grafik):

Nur gut 15 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland sind zwischen 16 und 30 Jahre alt – obwohl diese Altersgruppe fast ein Viertel aller Arbeitnehmer stellt.

In der Altersklasse von 51 bis 65 Jahre ist es umgekehrt: Sie stellt 42 Prozent der Gewerkschaftler, aber nur knapp 36 Prozent aller Arbeitnehmer.

Die Gewerkschaften in Europa haben ein Nachwuchsproblem und verlieren dadurch immer weiter an Bedeutung.

Deutschland ist diesbezüglich kein Einzelfall, wie eine aktuelle Auswertung des European Social Survey (ESS) durch das IW Köln zeigt. Im Gegenteil: In allen 16 untersuchten europäischen Ländern sind die Jüngsten in den Gewerkschaften unterrepräsentiert. Am größten ist die Kluft bei Deutschlands östlichem Nachbarn:

In Polen stellen die Jüngeren gut ein Viertel aller Arbeitnehmer, aber nur knapp 7 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder.

Die Gewerkschaften müssen sich also überlegen, wie sie dem „Verrentungseffekt“ entgegenwirken. Denn nur mit jungen Mitgliedern ließe sich der Trend stoppen, dass die Gewerkschaften seit vielen Jahren europaweit immer mehr an Bedeutung verlieren (Grafik):

Nur in Belgien und Spanien gab es 2014 prozentual mehr Gewerkschaftsmitglieder als 2002. In allen anderen untersuchten europäischen Ländern nahm der Anteil – zum Teil drastisch – ab.

Diese Entwicklung vollzieht sich unabhängig davon, wie hoch der sogenannte Organisationsgrad im jeweiligen Land ist – also der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Beschäftigten.

Mit Blick auf den Organisationsgrad trennen die europäischen Staaten Welten: Die skandinavischen Staaten und Belgien liegen mit Anteilen von 45 bis 70 Prozent an der Spitze, das Mittelfeld, zu dem auch Deutschland mit seinen knapp 16 Prozent gehört, hat einen Organisationsgrad zwischen 15 Prozent (Spanien) und 26 Prozent (Österreich). Am Ende der Skala liegen die osteuropäischen Länder sowie die Schweiz und Frankreich mit maximal 11 Prozent.

Der Hauptgrund für diese ungewöhnliche Spreizung sind die Aufgaben, die den Gewerkschaften in den einzelnen Ländern zufallen beziehungsweise einst zugefallen sind: In Staaten mit hohem Organisationsgrad sind oder waren die Arbeitnehmervertreter für die Arbeitslosenversicherung (mit)verantwortlich. Entsprechend sind bis heute viele Versicherte auch Mitglied beim Versicherer, also in einer Gewerkschaft.

Atypisch Beschäftigte sind selten in der Gewerkschaft

Neben der demografischen Herausforderung identifiziert die IW-Studie für fast alle untersuchten Länder noch zwei weitere gewerkschaftliche Problemfelder: Den Gewerkschaften gelingt es bislang nur spärlich, auch Menschen für sich zu gewinnen, die befristet oder in Teilzeit beschäftigt sind. So sind beispielsweise beim Spitzenreiter Dänemark über 78 Prozent der Vollzeitkräfte gewerkschaftlich organisiert, aber nur knapp 41 Prozent der Teilzeitkräfte. Von den Unbefristeten sind fast 75 Prozent in einer Gewerkschaft, von den Befristeten nicht einmal 59 Prozent. Ganz ähnlich ist es in der Bundesrepublik:

In Deutschland sind fast 18 Prozent der Vollzeitkräfte in einer Gewerkschaft, aber nur knapp 10 Prozent der Teilzeitkräfte.

Bei den Unbefristeten liegt der Anteil hierzulande bei knapp 18 Prozent, die Befristeten kommen auf etwas mehr als 8 Prozent. Dieser Befund ist aus Sicht der Gewerkschaften insofern unbefriedigend, als Teilzeitkräfte und befristete Arbeitnehmer in vielen Staaten einen erheblichen Teil aller Beschäftigten stellen.

Dabei könnten gerade atypisch Beschäftigte besonders stark von Tarifverträgen profitieren – doch die kann eine Gewerkschaft natürlich nur dann durchsetzen, wenn sie genügend betroffene Mitglieder in ihren Reihen hat.

Dieser Zusammenhang gilt auch für geringqualifizierte Arbeitskräfte – diese Gruppe ist in den Gewerkschaften Europas ebenfalls fast überall unterrepräsentiert.

Arbeitnehmervertreter haben in kleinen Betrieben ein schweres Standing

Den Gewerkschaften gelingt es laut IW-Studie in vielen europäischen Ländern schlecht, Mitarbeiter kleiner Betriebe an sich zu binden – das gilt vor allem für jene Staaten, in denen die Gewerkschaften nicht an der Organisation der Arbeitslosenversicherung beteiligt sind.

So sind zum Beispiel in Österreich nur knapp 13 Prozent der Arbeitnehmer in Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern in einer Gewerkschaft, dagegen lassen sich 46 Prozent der Mitarbeiter aus Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten gewerkschaftlich vertreten.

Dabei kommt den kleinen Firmen eine wichtige Rolle in der europäischen Wirtschaftsstruktur zu:

In den 16 untersuchten Ländern arbeiten 19 bis 36 Prozent aller Arbeitnehmer in Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern.

Deshalb ist es für die Arbeitnehmervertreter eine zentrale Aufgabe, in kleinen Unternehmen präsenter zu werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de