Geringe Gewinne haben große wirtschaftliche Folgen
In Deutschland erzielen Firmen im Schnitt nur moderate Gewinne. In der Industrie erreichen die Unternehmen sogar zum Teil nicht einmal jene Renditen, die es braucht, um dauerhaft finanziell bestehen zu können. Das hat Folgen für die gesamte Wirtschaft.
- Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen in Deutschland sind von 2015 bis 2025 langsamer gewachsen als die Arbeitnehmerentgelte, die Gewinnquote ist 2025 auf einen Tiefstand von rund 25 Prozent gesunken.
- Die Gesamtkapitalrendite der nicht finanziellen Unternehmen in Deutschland betrug im Schnitt der Jahre gut 5,8 Prozent. Das war nur rund 1 Prozentpunkt mehr, als notwendig gewesen wäre, um zumindest das unternehmerische Risiko und die Kapitalkosten zu decken.
- Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe ist die Gewinnlage schwierig. Damit droht eine Deindustrialisierung – mit gravierenden Folgen für den gesamten Standort Deutschland.
Wenn Medien über Unternehmen berichten, die hohe Erträge einfahren, führt das in Deutschland oft zu gesellschaftlichen Diskussionen. Aus ökonomischer Sicht sind Unternehmensgewinne per se jedoch kein Grund zur Missgunst, sondern notwendig, damit die Wirtschaft funktioniert. Wer würde schon einen Betrieb gründen oder darin investieren, wenn es keine Aussicht auf ein finanzielles Plus gäbe? Dass die Gewinne nicht in den Himmel schießen, regelt der Wettbewerb – oder im Fall von Missbrauch der Marktmacht das Bundeskartellamt.
Wie es um die Gewinnsituation der Unternehmen in Deutschland steht, hat die IW Consult nun in einem Gutachten für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft analysiert. Da es keine gesamtwirtschaftliche Statistik gibt, die Firmengewinne unmittelbar erfasst, greifen Ökonomen üblicherweise auf das Volkseinkommen zurück, das in Arbeitnehmerentgelte sowie Unternehmens- und Vermögenseinkommen unterteilt wird. Letztere umfassen zwar auch Einkommen aus Kapitalanlagen, die zum Teil den privaten Haushalten zufließen. Als Näherungsgröße für die Gewinnlage und -entwicklung sind die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dennoch geeignet. Betrachtet man ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren, fallen die starken Schwankungen auf (Grafik):
Im Jahr 2023 legten die Unternehmens- und Vermögenseinkommen noch um 7,8 Prozent zu, ein Jahr später verringerten sie sich um 8,1 Prozent.
Insgesamt stiegen sie von 2015 bis 2025 um jahresdurchschnittlich 1,8 Prozent. Bei den Arbeitnehmerentgelten war der Trend deutlich stabiler, sie nahmen in diesem Zeitraum im Schnitt um 4,5 Prozent pro Jahr zu. Entsprechend hat sich die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, erhöht – auf den Rekordwert von zuletzt rund 75 Prozent (siehe "Lohnquote: Der Stellenwert der Arbeit"). Das bedeutet spiegelbildlich:
Der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen – die sogenannte Gewinnquote – ist 2025 auf einen Tiefstand von rund 25 Prozent gesunken.
Die Einkommensverteilung hat sich also eher zugunsten der Beschäftigten verschoben.
Bricht man die Einkommensanalyse auf einzelne Wirtschaftszweige herunter, wird deutlich, dass die Gewinnquote in der Industrie zuletzt sogar auf unter 22 Prozent zurückgegangen ist.
Im Schnitt der Jahre 2015 bis 2024 betrug die Gesamtkapitalrendite der nicht finanziellen Unternehmen in Deutschland gut 5,8 Prozent – das war nur etwas mehr als ausreichend, um zumindest das unternehmerische Risiko und die Kapitalkosten zu decken.
Das wirft die Frage auf, inwieweit die Unternehmen in Deutschland überhaupt noch ausreichende Gewinne erzielen – also solche, die über das Maß hinausgehen, das die Betriebe beispielsweise brauchen, um das unternehmerische Risiko abzudecken und für Investitionen benötigte Kredite finanzieren zu können. Die Antwort fällt differenziert aus – schaut man auf die Gesamtheit der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors, ist die Gewinnsituation gerade noch akzeptabel (Grafik):
Im Schnitt der Jahre 2015 bis 2024 betrug die Gesamtkapitalrendite der nicht finanziellen Unternehmen in Deutschland gut 5,8 Prozent – rund 1 Prozentpunkt mehr, als notwendig gewesen wäre, um zumindest das unternehmerische Risiko und die Kapitalkosten zu decken.
Auch am aktuellen Rand blieb dieser Gewinnpuffer stabil, üppig ist er aber keineswegs.
Industrieunternehmen erreichen teils nicht mal die Mindestgewinnschwelle
Kritischer ist die Lage im Verarbeitenden Gewerbe – die Betriebe dieser Branche erreichten zuletzt teils nicht mal die Mindestschwelle:
Von 2015 bis 2023 erzielten die Industrieunternehmen hierzulande im jährlichen Schnitt eine Gesamtkapitalrendite von knapp 4,9 Prozent. Rund 5 Prozent hätten es aber sein müssen, um die Anforderungen von Investoren zu erfüllen.
Im Jahr 2023 – neuere Zahlen liegen nicht vor – lag die tatsächliche Rendite zwar leicht über der notwendigen. Dennoch bleibt die Gewinnlage schwierig und somit die Gefahr groß, dass Investoren ihr Kapital an anderer Stelle – etwa im Ausland – anlegen. Eine Deindustrialisierung wird damit wahrscheinlicher.
Die Folgen wären gravierend. Denn empirische Daten belegen, dass Gewinne essenziell sind, um Investitionen zu ermöglichen. Diese wiederum haben nachweislich positive Beschäftigungseffekte. Umgekehrt heißt das: Wo Gewinne ausbleiben, fallen am Ende Arbeitsplätze weg. Außerdem sind bei zu geringen Gewinnen nicht zuletzt jene Investitionen nur schwer zu finanzieren, die beispielsweise für die Digitalisierung oder die klimaneutrale Transformation wichtig sind. Es geht also am Ende bei der Gewinndiskussion auch um die Zukunft des Standorts Deutschland.