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Gerechtigkeit – alles eine Frage der Wahrnehmung

Diese Daten dürften all jene überraschen, die in Deutschland eine tief gespaltene, unzufriedene und von Abstiegsängsten bedrohte Gesellschaft sehen: Immer mehr Bundesbürger sind mit ihrem Lebensstandard zufrieden und viele ordnen sich in eine höhere gesellschaftliche Schicht ein als vor zehn Jahren.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit der Finanzkrise steigt der Anteil der Bundesbürger, die die sozialen Verhältnisse als gerecht empfinden. Auch der Blick auf die Zukunftsperspektiven hat sich verbessert.
  • Rund 65 Prozent der Befragten sind mit ihrem Lebensstandard zufrieden, das sind 5 Prozent mehr als noch im Jahr 2006.
  • Das subjektive Gerechtigkeitsempfinden wird sehr viel stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung als von der Ungleichheit bestimmt.
Zur detaillierten Fassung

„Das ist nicht fair“ – so lautete vor kurzem die Überschrift eines Beitrags des Spiegels zu seinem Titelthema „Die Lage der Nation“. Der Tenor des Artikels: Deutschland geht es zwar so gut wie nie, aber die Ungerechtigkeit nimmt zu. Zumindest die gefühlte.

Doch das stimmt so nicht. Zwar ist es korrekt, dass in den meisten Befragungen eine Mehrheit die wirtschaftlichen Verhältnisse kritisiert:

Im Jahr 2014 stimmten mehr als 68 Prozent „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ der Aussage zu, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht sind.

Doch das ist kein neues Ergebnis. Tatsächlich empfanden seit der Wiedervereinigung in den meisten Jahren mehr als zwei Drittel der Bundesbürger die sozialen Unterschiede als „eher ungerecht“. Im Jahr 2008 waren es sogar drei Viertel.

Deutschland wird als gerechter empfunden

Seit der Finanzkrise geht es mit der empfundenen Gerechtigkeit aber bergauf. So lautet zumindest ein Ergebnis der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften – kurz ALLBUS (Kasten).

Diesen Befund untermauert der ARD-Deutschlandtrend, den infratest dimap erhebt: 50 Prozent der befragten Wahlberechtigten gaben im März 2017 an, dass es in Deutschland alles in allem „eher gerecht“ zugeht, und 44 Prozent stimmten für „eher ungerecht“. Zu Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise empfanden noch mehr als 60 Prozent die Zustände als eher ungerecht.

Immer mehr Bürger sind mit ihrem Lebensstandard zufrieden. Die Wirtschaftslage empfinden nur wenige als schlecht.

Auch die Sicht auf die Teilhabe „einfacher Leute“ an der gesellschaftlichen Entwicklung ist zwar sehr pessimistisch, aber besser als früher: Waren 2008 noch 90 Pro​zent der ALLBUS-Befragten der Meinung, die Situation des kleinen Mannes werde schlechter, ist dieser Anteil bis 2016 kontinuierlich auf 76 Prozent gesunken.

Der Blick auf die Zukunftsperspektiven der nachfolgenden Generation hat sich ebenfalls verbessert:

Im Jahr 2004 stimmten 46 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass man es angesichts trüber Zukunftsperspektiven kaum noch verantworten könne, Kinder auf die Welt zu bringen. Im Jahr 2016 teilten diese Einschätzung nur noch 26 Prozent.

Das war der niedrigste Wert seit Beginn der ALLBUS-Erhebungen.

„Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben: Glauben Sie, dass Sie Ihren gerechten Anteil erhalten?“ So lautet eine weitere Frage zur empfundenen Gerechtigkeit. Und auch hier fallen die Antworten mittlerweile positiver aus als früher (Grafik):

So schätzen die Befragten ihren Lebensstandard ein

Hatten 2006 nahezu 40 Prozent der Befragten angegeben, dass sie aus ihrer Sicht „sehr viel weniger“ oder „etwas weniger“ als den gerechten Anteil am Wohlstand erhalten, war es 2016 nur noch gut ein Drittel.

Das deckt sich mit den Antworten zur subjektiven Einordnung in die Gesellschaft: Kreuzten 2006 lediglich 56 Prozent der Befragten auf einer Skala von 1 (unterste Schicht) bis 10 (oberste Schicht) Werte über 5 an, waren es zehn Jahre später fast 79 Prozent (Grafik):

Auf der Unten-oben-Skala von 1 bis 10 ordnete sich 2016 exakt die Hälfte der Befragten mindestens bei einer 7 ein – eine derart positive Selbsteinstufung gab es seit Befragungsbeginn nicht.

So ordnen sich die Befragten in Schichten von 1 (ganz unten) bis 10 (ganz oben) ein

Doch obwohl sich die meisten Deutschen subjektiv eindeutig in der oberen Hälfte der Gesellschaft sehen, bleibt ihre Einschätzung der Ungleichheit im Land pessimistisch: Laut einer Online-Befragung durch Wissenschaftler der Universität Hannover im Februar 2015 beschreiben rund 57 Prozent der Befragten die deutsche Gesellschaft als eine Pyramide – sie sehen also die Mehrzahl der Menschen im unteren Bereich.

Wirtschaftliche Entwicklung bestimmender Faktor

Die Tatsache, dass der Blick auf die eigene Situation positiver ausfällt als der auf die Gesellschaft insgesamt, ist in der empirischen Sozialforschung zwar ein vertrauter Befund. Doch selbst der scheint nicht länger unverrückbar:

Im Jahr 2016 schätzten nur gut 6 Prozent die allgemeine wirtschaftliche Lage als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein, die persönliche Lage wurde immerhin von rund 8 Prozent so negativ beurteilt.

Zum Vergleich: 2004 attestierte noch über die Hälfte der Befragten Deutschland eine schlechte wirtschaftliche Lage, aber deutlich weniger – knapp ein Fünftel – taten dies mit Blick auf ihre persönliche Situation.Seit der Wiedervereinigung haben noch nie so wenige Menschen ihre wirtschaftliche Situation als schlecht beschrieben wie heute – das zeigen auch die Daten des Sozio-oekonomischen Panels.

All das deutet darauf hin, dass das subjektive Gerechtigkeitsempfinden sehr viel stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung als von der Ungleichheit bestimmt wird. Denn die Kennzahlen zur Einkommens- und Vermögensungleichheit haben sich in den vergangenen zehn Jahren nur wenig verändert, doch seit 2008 ziehen die Reallöhne deutlich an und auch die realen Renten sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Diesen materiellen Zugewinn scheinen die Leute zu spüren.

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