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„Geisteskrank“ oder weltoffen?

Im Gegensatz zu anderen Ländern finden rechtspopulistische Parteien in Deutschland verhältnismäßig wenig Anhänger. Denn die Deutschen sind vertrauensvoll und unbekümmert wie lange nicht. Das liegt an der guten wirtschaftlichen Lage – aber auch an einem breiten gesellschaftlichen Wandel.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Vertrauen der Deutschen ist gestiegen
  • Zwischen 2010 und 2014 vertrauten fast 45 Prozent der Deutschen den meisten Menschen – fünf Jahre zuvor taten dies erst 34 Prozent
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US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump findet die Willkommenskultur sowie die liberale Flüchtlingspolitik Deutschlands „irrsinnig“ und „geisteskrank“. Auch viele europäische Nachbarn wirken angesichts der deutschen Haltung gegenüber den Asylsuchenden entgeistert. Der konservative polnische Politiker Jaroslaw Kaczynski beispielsweise befürchtet, Muslime würden in Europa „Scharia-Zonen“ einrichten und gefährliche „Parasiten und Bakterien“ mitbringen.

Die Abwehrhaltung, die in Europa derzeit Mainstream ist, hat politische Konsequenzen: Fast alle rechtspopulistischen Parteien Europas haben heute wesentlich höhere Zustimmungswerte als noch vor wenigen Jahren. Die 12 Prozent Zustimmung, auf die die Alternative für Deutschland (AfD) momentan kommt, lässt zwar die Alarmglocken schrillen – im europäischen Kontext ist dieser Wert aber immer noch gering; in Frankreich etwa kommt der Front National derzeit auf knapp 30 Prozent Wählerstimmen.

Doch warum sind ausgerechnet in Deutschland, das 2015 europaweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, rechte Parteien lediglich eine Randerscheinung?

Neben historischen Gründen ist die solide Wirtschaftslage und die damit einhergehende niedrige Arbeitslosigkeit in Deutschland eine wesentliche Ursache. Das führt dazu, dass die Deutschen weniger Ängste haben als noch vor ein paar Jahren – um ihren Arbeitsplatz, die eigene wirtschaftliche Lage, aber auch hinsichtlich der Zuwanderung und Kriminalität, wie eine Analyse der sogenannten Sorgenfragen des Sozio-oekonomischen Panels zeigt.

Besonders deutlich wird die deutsche Unbekümmertheit, wenn man sich die Auswertung des World Values Survey ansieht, der weltweit umfangreichsten Umfrage zu menschlichen Werten (Grafik):

Zwischen 2010 und 2014 vertrauten fast 45 Prozent der Deutschen den meisten Menschen – fünf Jahre zuvor taten dies erst 34 Prozent.

Das pragmatisch-positive Klima ist aber nicht allein auf ökonomische Ursachen zurückzuführen – denn auch in den USA und in Polen läuft die Wirtschaft rund, gleichwohl ist das Vertrauen der Menschen dort im Zeitablauf gesunken oder zumindest nur wenig gestiegen.

Die – in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorhandene – Weltoffenheit, die sich unter anderem in der engagierten Versorgung der Flüchtlinge niederschlägt, wurzelt vielmehr in einem breiten gesellschaftlichen Wandel, der die gesamte vergangene Dekade geprägt hat: So sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften schrittweise legitimiert worden, es gibt mehr Kitaplätze und Ganztagsschulen, qualifizierte Zuwanderer erhielten Greencards und das ehrenamtliche Engagement ist explizit gefördert worden.

All dies und noch vieles mehr hat zu einer modernisierten und entkrampften Gesellschaft in Deutschland beigetragen. Ob diese offene und positive Grundstimmung Bestand hat, wird sich nach den Kölner Vorkommnissen der Silvesternacht allerdings noch zeigen müssen.

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