Gerechtigkeit Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Gefühlt oder gemessen

Als geringfügig Beschäftigter bis zu 450 Euro monatlich in der Tasche haben oder als Arbeitsloser 382 Euro? Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach finden es mehr als drei Viertel der Deutschen ungerecht, wenn ein Arbeitsloser fast das Gleiche bekommt wie ein Geringverdiener.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut einer Umfrage finden es mehr als drei Viertel der Deutschen ungerecht, wenn ein Arbeitsloser fast das Gleiche bekommt wie ein Geringverdiener.
  • Für 90 Prozent der Befragten ist die Chancengerechtigkeit die zentrale Gerechtigkeitsdimension, gefolgt von der Bedarfsgerechtigkeit und der Leistungsgerechtigkeit.
  • Im vergangenen Jahr belegte die Bundesrepublik mit 65 Punkten beim internationalen Gerechtigkeitsindex Rang 7 und damit einen guten Platz im oberen Drittel.
Zur detaillierten Fassung

Sollen die Hartz IV-Sätze erhöht werden oder wäre dann der Lohnabstand zu arbeitenden Menschen nicht mehr „gerecht“? Müssen Manager wirklich so hohe Bonuszahlungen für ihre Leistungen bekommen? Wird die Lücke zwischen Arm und Reich immer größer? Bei der Beantwortung dieser Fragen gibt es sehr verschiedene Vorstellungen davon, was gerecht ist. Generell lassen sich sechs Arten von Gerechtigkeit unterscheiden (Kasten).

Gefühlte Gerechtigkeit

Sowohl in Bevölkerungsumfragen als auch in Umfragen unter Politikern wird – national wie international – die Chancengerechtigkeit als besonders wichtig genannt. Die neueste Bevölkerungsbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zum Thema bestätigt, als wie wichtig die Deutschen gleich gute Chancen betrachten (Grafik 1).

Für 90 Prozent der Befragten ist die Chancengerechtigkeit die zentrale Gerechtigkeitsdimension, gefolgt von der Bedarfsgerechtigkeit (77 Prozent) und der Leistungsgerechtigkeit (70 Prozent).

Die gleichmäßige Verteilung der Einkommen steht dagegen an letzter Stelle (53 Prozent). Gut 46 Prozent der deutschen Bevölkerung sind dabei der Ansicht, dass auch Arbeiterkinder gute oder sogar sehr gute Aufstiegschancen haben. Die Chancengerechtigkeit wird allerdings im Bildungsbereich (40 Prozent) als besser wahrgenommen als auf dem Arbeitsmarkt (23 Prozent). Mehr als 35 Prozent beklagen, die Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt habe abgenommen, in Bezug auf das Bildungssystem meinen dies nur 27 Prozent.

Dieses Ergebnis ist erstaunlich, da die generelle Arbeitslosigkeit und vor allem die Jugendarbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren drastisch gesunken sind und sich die Jobchancen von geringer Qualifizierten deutlich verbessert haben.

Der Gerechtigkeitsindex

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat, um der gefühlten Gerechtigkeit eine möglichst objektive Gerechtigkeitsmessung gegenüber zu stellen, einen Gerechtigkeitsindex erstellt, mit dem das Niveau verschiedener Länder gemessen und verglichen werden kann (Kasten).

Deutschland auf Platz 7

Im vergangenen Jahr belegte die Bundesrepublik mit 65 Punkten gemeinsam mit den Niederlanden Rang 7 und damit einen guten Platz im oberen Drittel (Grafik 2). An der Spitze des Ranking liegen die skandinavischen Länder, dagegen sind Südeuropa und die USA eher auf den unteren Plätzen zu finden. In den einzelnen Ländern hat sich das Gesamtniveau der Gerechtigkeit seit dem Jahr 2000 meist nur wenig geändert.

Chancen woanders (noch) besser

In Sachen Chancengerechtigkeit hat sich Deutschland zwar deutlich verbessert, nämlich von Platz 24 im Jahr 2004 auf Platz 14 im Jahr 2012. Doch mit diesem Mittelfeldplatz kann Deutschland in dieser als sehr wichtig empfundenen Gerechtigkeitsdimension nicht zufrieden sein. In der Hälfte der anderen Länder sind die Startchancen besser – gemessen unter anderem an den Indikatoren frühkindliche Bildung, Bildungsinvestitionen und Arbeitsmarktlage. Auch wenn der Teilindex zur Chancengerechtigkeit durch die aktuell niedrige Arbeitslosigkeit in Deutschland einen positiven Trend zeigt, bleiben Reformen des Bildungssystems und weitere Maßnahmen zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit wichtige Aufgaben für die Politik.

Die deutsche Bevölkerung fordert dabei keine radikalen staatlichen Eingriffe, auch wenn 70 Prozent der befragten Menschen der Ansicht sind, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland nicht gerecht sind. Laut der Allensbach-Umfrage wünschen sich die Menschen von der Politik vielmehr vor allem Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Qualität der Schulausbildung (jeweils 70 Prozent). Den Ausbau der frühkindlichen Bildung und mehr Studienplätze fordert gut die Hälfte der Befragten. Eine Frauenquote für Spitzenpositionen halten dagegen weniger als 20 Prozent für wichtig.

Dominik H. Enste / Heide Haas / Jana Wies: Internationaler Gerechtigkeitsindex – Analysen und Ergebnisse für 28 IndustriestaatenIW-Analysen Nr. 91, Köln 2013, 70 Seiten, 18,90 EuroVersandkostenfreie Bestellung unter www.iwmedien.de/bookshop

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