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Gefährdete Spezies

Deutschlands Techniktüftler halten die Wirtschaft auf Trab: Die fünf Branchen mit der höchsten Dichte an Ingenieuren leisten das Gros aller Innovationsausgaben und erwirtschaften fast die Hälfte der Einnahmen aus dem Außenhandel. Der demografische Wandel könnte diese Erfolgsgeschichte allerdings bremsen, wenn nicht verstärkt in die Ausbildung der klugen Köpfe investiert wird.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschlands Techniktüftler halten die Wirtschaft auf Trab.
  • Allein rund 79.000 Ingenieure sind als Manager in der Industrie tätig.
  • Hierzulande ist mehr als jeder fünfte erwerbstätige Ingenieur mindestens 55 Jahre alt.
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In Deutschland arbeiten 1,6 Millionen Ingenieure. Konservativ gerechnet, sorgen sie über alle Branchen hinweg für eine Wertschöpfung von fast 180 Milliarden Euro im Jahr.

Etwa die Hälfte der Ingenieure ist in einem traditionellen Ingenieurberuf beschäftigt. Die andere Hälfte verdient ihr Geld zum Beispiel als Hochschulprofessor oder als Geschäftsführer eines Hightechunternehmens.

Allein rund 79.000 Ingenieure sind als Manager in der Industrie tätig.

Damit haben die meisten Geschäftsführer und Manager im Produzierenden Gewerbe ihren Studienabschluss in den Ingenieurwissenschaften abgelegt – und nicht etwa in Betriebswirtschaftslehre.

Auch im Controlling und im Vertrieb von Hightechunternehmen fühlen sich Ingenieure zu Hause. Denn in diesen Bereichen ist es wichtig, dem Kunden eine passende technische Lösung anzubieten. Zudem werden Ingenieure in der öffentlichen Verwaltung benötigt, etwa in Bauämtern und Prüfbehörden, wo sie als Berater Lösungen für technische Fragen entwickeln.

Wer also nach dem Bedarf an Ingenieuren in Deutschland fragt, darf nicht nur deren klassische Einsatzfelder auf dem Arbeitsmarkt sehen. Diese könnten zwar mit der heutigen Zahl an Ingenieurabsolventen gedeckt werden. Wer aber würde dann zum Beispiel die Maschinenbauprofessur übernehmen? Sollen auch künftig alle Berufe, für die Ingenieur-Know-how notwendig ist, wie bisher mit Ingenieuren versorgt werden, müssen jährlich 36.000 bis 41.000 Nachwuchskräfte bereitstehen, um freie Stellen zu besetzen. Hinzu kommen noch einmal rund 40.000 Ingenieursjobs, die durch den technologischen Fortschritt entstehen – unterm Strich sind also jährlich bis zu gut 80.000 Absolventen gefragt. Davon ist Deutschland noch weit entfernt, doch immerhin:

Die Zahl der Studenten, die ihren ersten Abschluss in den Ingenieurwissenschaften abgelegt haben, ist von 34.000 im Jahr 2005 auf rund 50.000 im Jahr 2010 gestiegen.

Auch in den nächsten fünf Jahren dürften die Absolventenzahlen weiter steigen. Denn dank der doppelten Abiturjahrgänge und der Abschaffung der Wehrpflicht haben zuletzt mehr junge Leute ein Ingenieurstudium aufgenommen als je zuvor. Doch das sind Einmaleffekte – gegen Ende des Jahrzehnts dürften die Absolventenzahlen wieder sinken und die Fachkräfteengpässe erneut zunehmen.

Dabei sind die Aussichten für den Nachwuchs glänzend: So gehörten die Ingenieure in den vergangenen Jahren neben den Ärzten zu den größten Gehaltsgewinnern (vgl. iwd 15/2012).

Ein Grund für die gute Entlohnung ist, dass das Geschäftsmodell Deutschland ohne die technischen Tüftler kaum funktionieren würde. Warum nicht, macht ein Blick auf die fünf Branchen mit den höchsten Ingenieuranteilen an den Erwerbstätigen deutlich: Sie investieren zusammen jedes Jahr rund 73 Milliarden Euro, um Innovationen hervorzubringen (Grafik). Das sind mehr als 60 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Aufwendungen für Neuerungen – obwohl nur 12 Prozent der Beschäftigten in Deutschland in diesen Branchen tätig sind. Der Erfolg der fünf Ingenieurhochburgen – das sind der technische Service sowie Dienstleistungen in der Forschung und Entwicklung, die Elektroindustrie, der Maschinenbau, der Fahrzeugbau und die EDV/Telekommunikation – zeigt sich auch bei den Exporten.

Im Jahr 2011 erwirtschafteten die „Big Five“ mit 562 Milliarden Euro rund 45 Prozent aller Exporteinnahmen aus Waren- und Dienstleistungshandel.

Noch ein bisschen höher ist das Gewicht der Ingenieurbranchen, wenn man sich die gesamte Bilanz aus dem Auslandsgeschäft anschaut: Die fünf Wirtschaftszweige erreichten im Jahr 2011 zusammen einen Überschuss von 223 Milliarden Euro. Das waren 47 Prozent mehr als die gesamte Volkswirtschaft zusammen, denn einige andere Branchen weisen ein Defizit auf.

Damit die Bilanz weiter so gut bleibt, muss mehr Nachwuchs her. Denn nirgends in Europa sind so viele ältere Ingenieure am Arbeitsmarkt aktiv wie in Deutschland und müssen bald durch Jüngere ersetzt werden (Grafik).

Hierzulande ist mehr als jeder fünfte erwerbstätige Ingenieur mindestens 55 Jahre alt.

Das Alter allein ist nicht schlimm, schließlich bringt es auch eine Menge an Erfahrung mit sich. Doch wenn die alten Hasen in den Ruhestand gehen, wird es eng: Auf 100 erwerbstätige Ingenieure im Alter von mindestens 55 Jahren kommen momentan lediglich 87 jüngere im Alter bis 34 Jahren. Ganz anders ist das Verhältnis im Rest Europas: In der Schweiz kommen auf 100 ältere 138 junge Ingenieure, in Frankreich 348, in Schweden 397 und in Irland sogar 547.

Die Bemühungen der Politik, die Bildungschancen in Deutschland zu erhöhen, könnten die Nachwuchsprobleme zumindest etwas mindern. Denn Ingenieure sind die Bildungsaufsteiger par excellence (vgl. iwd 14/2011): In keinem anderen Fach kommen so viele Hochschulabsolventen aus Elternhäusern ohne akademischen Abschluss.

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