Verkürzte Gymnasialzeit Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

G – was denn nun?

Vor 17 Jahren haben die Kultusminister beschlossen, dass Gymnasiasten in Deutschland das Abitur nach acht statt neun Jahren erreichen sollen. Doch kaum war das sogenannte G8 bundesweit Standard, kehrten die ersten Bundesländer wieder zum neunjährigen System zurück. Damit droht eine notwendige schulpolitische Strukturreform zu scheitern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Vor 17 Jahren haben die Kultusminister beschlossen, dass Gymnasiasten in Deutschland das Abitur nach acht statt neun Jahren erreichen sollen.
  • Im Schuljahr 2012/2013 besuchten in Deutschland mehr als 890.000 Jugendliche die gymnasiale Oberstufe, drei Viertel von ihnen waren auf einem G8-Gymnasium.
  • Die Umstellung auf G8 ging mit der Expansion der gymnasialen Oberstufe her.
Zur detaillierten Fassung

Stresst das Turbo-Abitur Schüler und Lehrer? Sind die Leistungen der G8-Absolventen schlechter als die derjenigen Schüler, die ein Jahr länger zur Schule gehen?

Solche Fragen treiben Schüler, Lehrer und Eltern nunmehr rund zehn Jahre um. Seit 2001 haben die Bundesländer nach und nach das G8 eingeführt, nur Thüringen und Sachsen hatten das achtjährige Gymnasium direkt aus DDR-Zeiten übernommen. Noch 2009 zählte die G9-Oberstufe bundesweit rund 620.000 Schüler, die G8-Oberstufe nur 230.000. Fünf Jahre später hat sich das Verhältnis gedreht:

Im Schuljahr 2012/2013 besuchten in Deutschland mehr als 890.000 Jugendliche die gymnasiale Oberstufe, drei Viertel von ihnen waren auf einem G8-Gymnasium.

Die Umstellung auf G8 ging mit der Expansion der gymnasialen Oberstufe her. Doch hielten die Länder mit der Bereitstellung von Unterricht dieser Entwicklung weitgehend Schritt (Grafik).

Dennoch haben die Länder auf die Erfordernisse, die das G8 mit sich brachte, unterschiedlich reagiert. Manche stellten mehr Lehrer ein, manche erhöhten das wöchentliche Stundensoll der Lehrkräfte, manche taten beides oder gar das Gegenteil.

In Baden-Württemberg und Bayern etwa hat sich das Lehrerdeputat – also die Unterrichtsverpflichtung – seit 2004 nicht verändert. In Bay­ern muss eine Vollzeitlehrkraft in der gymnasialen Oberstufe in der Regel 21 Stunden in der Woche unterrichten, in Baden-Württemberg sind es 22,2 Stunden (Grafik). In Schleswig-Holstein dagegen stehen Kollegen, die Schüler der Sekundarstufe II unterrichten, 30,5 Stunden pro Woche in der Klasse – das ist nicht nur bundesweit Spitze, sondern es sind auch 4,4 Stunden mehr als vor der Einführung von G8.

Obwohl es keine Belege dafür gibt, dass eine kürzere Gymnasialzeit stressiger ist und die Kompetenzen der Schulabsolventen mindert, sind angesichts der hitzigen Debatten inzwischen einige westdeutsche Bundesländer vom G8 als dem alleinigen Standard abgerückt – in Ostdeutschland ist die Rückabwicklung dagegen offensichtlich kein Thema. Beispiele:

  1. In Baden-Württemberg erlaubt das Kultusministerium seit dem Start des Schuljahres 2013/14 insgesamt 44 von 455 Gymnasien, parallel acht- und neunjährige Züge bis zum Abitur anzubieten.
  1. In Hessen sind 39 von 107 Gymnasien zum Abitur nach 13 Jahren (vier Grundschuljahre, neun Jahre Gymnasium) zurückgekehrt. Zudem bieten elf hessische Gymnasien pa­rallel G8- und G9-Jahrgänge an.
  1. In Nordrhein-Westfalen nehmen aktuell 13 Gymnasien an dem Schulversuch „Abi nach 12 oder 13 Jahren“ teil, der erproben will, ob eine längere Schulzeit zu größeren Lern­erfolgen führt. Im bevölkerungsreichsten Bundesland gibt es insgesamt 626 Gymnasien.

Dieses Zurückrudern auf halber Strecke hilft jedoch bei der Lösung des eigentlichen G8-Problems keineswegs weiter. Vielmehr sollte die Politik den Gymnasien angemessene Rahmenbedingungen und Freiräume zur Verfügung stellen, um den G8-Vorgaben gerecht zu werden. Zum einen sollten den Lehrern klare Vorgaben für ihre Tätigkeiten gemacht werden. Zum anderen sollte der Schulalltag besser auf den Ganztagsbetrieb ausgerichtet werden (sogenannte Rhythmisierung).

Wollten die Länder mit G8 einst Personalkosten von etwa 1 Milliarde Euro je Jahrgangsstufe an Gymnasien einsparen, so erfordert der G8-Alltag zusätzliche Ausgaben.

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