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Flickenteppich Familie

In Deutschland wachsen immer mehr Kinder und Jugendliche in Patchwork-Familien auf – also in einem Haushalt, in dem ein leiblicher Elternteil, der neue Lebenspartner sowie eventuell weitere Kinder leben. Solche Konstellationen stellen nicht nur die Beteiligten vor besondere Herausforderungen, auch die Politik und die Unternehmen sind gefordert.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland wachsen immer mehr Kinder und Jugendliche in Patchwork-Familien auf – also in einem Haushalt, in dem ein leiblicher Elternteil, der neue Lebenspartner sowie eventuell weitere Kinder leben.
  • In der Hälfte aller Trennungsfamilien mit minderjährigen Kindern gibt es anschließend einen neuen Partner beziehungsweise eine neue Partnerin.
  • Da in Deutschland immer mehr Kinder außerhalb der Ehe geboren werden und die Zahl der Scheidungen nach wie vor hoch ist, gewinnen alternative Lebensformen an Bedeutung.
Zur detaillierten Fassung

Vater, Mutter, Kind. In der „Normalfamilie“ mit verheirateten Eltern und leiblichen Kindern sind die Rollen meist klar definiert. Anders sieht das bei alternativen Lebensformen aus. So übernehmen Alleinerziehende einen Großteil der familiären Aufgaben des anderen Elternteils, auch wenn dieser im Rahmen des gemeinsamen Sorgerechts nach wie vor Verantwortung für das Kind trägt und seinen Beitrag zum Unterhalt des Kindes leistet.

So richtig kompliziert wird es aber erst, wenn neue Partner ins Spiel kommen – und das ist gar nicht so selten (Grafik):

In der Hälfte aller Trennungsfamilien mit minderjährigen Kindern gibt es anschließend einen neuen Partner beziehungsweise eine neue Partnerin.

Bringt mindestens einer der Erwachsenen ein Kind oder mehrere aus einer früheren Partnerschaft mit und ziehen die beiden in einen gemeinsamen Haushalt, spricht man von einer Patchwork-Familie.

In der Regel schlüpfen die neuen Partner im Alltag mehr oder weniger automatisch in eine Art Vater- bzw. Mutterrolle für jene Kinder, die nicht die eigenen sind, sodass man sie auch als „soziale Mütter“ oder „soziale Väter“ bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber nicht nur genetisch, sondern auch rechtlich von den biologischen Eltern des Kindes.

Außerdem gibt es noch eine dritte Kategorie der Elternschaft: Die zwar nicht biologischen, aber rechtlichen Väter – das sind jene Männer, die zum Zeitpunkt der Geburt eines Kindes mit der Mutter verheiratet sind, die die Vaterschaft anerkannt haben oder deren Vaterschaft von Amtswegen festgestellt wurde. Rechtliche Elternteile sind dem Nachwuchs gegenüber unterhaltspflichtig und sorgeberechtigt. Biologische Väter wiederum haben seit 2013 auch dann ein Umgangsrecht mit ihrem Kind, wenn sie nicht der rechtliche Vater sind.

Die Zahl der Scheidungskinder ist in den vergangenen Jahren zwar leicht gesunken, gleichwohl ist der Trend, sich zu trennen, ungebrochen: In den 1960er Jahren ließen sich in Deutschland durchschnittlich 84.000 Paare pro Jahr scheiden, mittlerweile sind es 180.000. Gleichzeitig hat der Wille zum Ja-Sagen dramatisch nachgelassen – von mehr als 630.000 geschlossenen Ehen pro Jahr in den 1960ern auf nunmehr 390.000.

Da in Deutschland immer mehr Kinder außerhalb der Ehe geboren werden und die Zahl der Scheidungen nach wie vor hoch ist, gewinnen alternative Lebensformen an Bedeutung. Zwar leben die meisten minderjährigen Kinder – gut 70 Prozent – in Familien, in denen Vater und Mutter miteinander verheiratet sind (Grafik); eine Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels zeigt jedoch, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die zumindest zweitweise in einer Patchwork-Familie aufwachsen, leicht zugenommen hat (Grafik):

Fast 13 Prozent der 19- bis 21-jährigen Jugendlichen lebten bis zu ihrem 16. Geburtstag mindestens ein Jahr lang bei einem leiblichen Elternteil und dessen neuem Partner. Bei den heute 29- bis 31-Jährigen lag dieser Anteil nur bei 11 Prozent.

Patchwork-Familien stellen die Beteiligten fast immer vor besondere Herausforderungen: Zum einen können die neuen Partner nicht ohne weiteres die volle Verantwortung für die Erziehung des Nachwuchses übernehmen, da sie oft nicht von den Kindern akzeptiert werden und meist auch kein Sorgerecht haben. Zum anderen findet das Patchwork-Familienleben häufig an mehreren Orten statt, da die meisten Kinder regelmäßig Zeit beim anderen leiblichen Elternteil oder bei weiteren Bezugspersonen von früher (wie den Großeltern) verbringen und dafür auch weite Reisen auf sich nehmen.

Patchwork-Familien werden aller Voraussicht nach künftig noch stärker verbreitet sein als heute schon. Um ihnen den Alltag zu erleichtern, sind auch die Politik und die Unternehmen gefordert. Es geht um Maßnahmen, die nicht nur für Patchworker wichtig sind, sondern für alle Familienmodelle jenseits der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation:

  1. Jugendsozialarbeit. Wenn Eltern sich trennen oder neue Partnerschaften eingehen, ist das für die betroffenen Kinder meistens belastend. Da sie innerhalb des Familienkreises häufig keinen unabhängigen Ansprechpartner haben, sollten sie auf angemessene Angebote der Jugendsozialarbeit zurückgreifen können.
  1. Betreuungsmöglichkeiten. Alleinerziehende und Patchwork-Familien sind besonders stark auf eine gut ausgebaute Betreuungsinfrastruktur angewiesen, die auch den Nachmittag einschließt, da sie die Kinderbetreuung nicht in gleichem Maß wie „Normalfamilien“ aufteilen können oder wollen.

In Deutschland fehlen derzeit aber 120.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige.

Noch gravierender ist der Mangel bei den Schulkindern: Rund 70 Prozent der Eltern von Kindern im schulpflichtigen Alter wünschen sich eine Ganztagsbetreuung für ihren Nachwuchs, doch nur knapp die Hälfte von ihnen findet einen Platz. Unterm Strich fehlen damit zurzeit bundesweit mehr als 2,8 Millionen Ganztagsplätze für Schüler.

  1. Mobilität. Da Trennungskinder oft zwischen den Wohnorten der leiblichen Eltern pendeln, braucht es ein gut ausgebautes und getaktetes Angebot im öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Damit die Kinder den Weg ohne Begleitung eines Elternteils oder einer anderen Bezugsperson zurücklegen können, sind Begleitangebote für allein reisende Kinder wichtig, wie sie von der Deutschen Bahn und einigen Fluggesellschaften angeboten werden.
  1. Personalpolitik in den Unternehmen. Familienfreundliche Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten sind in fast allen Betrieben in Deutschland (96 Prozent) längst Standard. Allerdings berücksichtigen die gängigen Arbeitszeitmodelle meist nicht die besonderen zeitlichen Bedürfnisse von getrennt lebenden Vätern und Müttern, die ihr Kind oft nur an einzelnen Wochentagen, am Wochenende oder in den Schulferien sehen können. In vielen Fällen hapert es auch am nötigen Verständnis im Kollegenkreis, wenn ein Patchworker oder eine Alleinerziehende auf diese Problematik hinweist oder gar Rücksichtnahme einfordert.

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