Arbeitskosten. Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Firmen unter Druck

Der Anstieg der Löhne hat sich seit der Wirtschafts- und Finanzkrise beschleunigt. Das hat zu kräftigen Reallohngewinnen geführt. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft eintrübt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Anstieg der Löhne hat sich seit der Wirtschafts- und Finanzkrise beschleunigt.
  • Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft hat sich verringert.
  • Die Lohnentwicklung hat sich von der Produktivitätsentwicklung abgekoppelt.
Zur detaillierten Fassung

In den Aufschwungsjahren 2005 bis 2008 liefen Produktivitäts- und Lohnentwicklung noch Hand in Hand. Die Effektivlöhne – also die Tariflöhne plus Extras – legten im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt um 3,3 Prozent je Stunde zu, die Produktivität um 3,7 Prozent. Für die Arbeitnehmer zahlte sich das Lohnplus damals allerdings nicht richtig aus, denn die Inflation von insgesamt 6,5 Prozent in diesem Zeitraum fraß einen Teil der Zuwächse weg.

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 hat sich aber die Lohn- von der Produktivitätsentwicklung abgekoppelt (Grafik):

Während von 2008 bis zum ersten Halbjahr 2015 die Tarifverdienste je Stunde um fast 17 Prozent und die Effektivlöhne um nahezu 21 Prozent gestiegen sind, beträgt das Produktivitätsplus gerade einmal etwas mehr als 4 Prozent.

Weil die Verbraucherpreise im selben Zeitraum lediglich um 8,4 Prozent nach oben geklettert sind, ist den Arbeitnehmern in der Regel ein sattes Reallohnplus geblieben.

Das im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2015 sehr geringe Produktivitätswachstum hatte verschiedene Ursachen. Im Jahr 2009 ging die Produktivität deutlich zurück, weil die Produktion stärker als die Beschäftigung einbrach.

Neuerdings könnte für das geringere Produktivitätswachstum ein anderer Trend mitverantwortlich sein – viele Unternehmen stellen wegen des abzusehenden Fachkräftemangels Mitarbeiter auf Vorrat ein (Hortungseffekt). Hinzu kommt nach Einschätzung des Sachverständigenrats, dass die Unternehmen weniger betriebliche Bereiche oder Funktionen auslagern.

Die Arbeitnehmer haben damit vom jüngsten Aufschwung doppelt profitiert: Die Zahl der Jobs hat zugelegt und die Beschäftigten werden besser bezahlt. Beides hat die Kaufkraft erhöht. Dementsprechend ist der private Konsum inzwischen eine wichtige Stütze der konjunkturellen Dynamik.

So erfreulich diese Entwicklung für Arbeitnehmer zunächst ist – langfristig birgt sie Risiken. Wenn die Löhne schneller zulegen als die Produktivität, steigen die Lohnstückkosten. Dadurch hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft in den vergangenen Jahren zweifellos verschlechtert. Werden deutsche Produkte zu teuer, werden sie im In- und Ausland auch weniger nachgefragt.

Durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zu Beginn des laufenden Jahres könnte sich die Lohndynamik sogar noch beschleunigen. Allerdings nicht nur aus dem Grund, dass eine Arbeitsstunde jetzt mindes­tens 8,50 Euro kostet – auch Löhne oberhalb dieser Marke könnten betroffen sein. Denn die Gewerkschaften verweisen darauf, dass die untersten Tariflöhne einen gewissen Abstand zur gesetzlichen Lohnuntergrenze haben müssten und deshalb hier ebenfalls nachgelegt werden sollte.

Einfache Arbeit muss aber auch in Deutschland bezahlbar bleiben. Denn wenn die erste Stufe der Produktion abgebaut wird, folgt rasch die nächste. Es kann der deutschen Wirtschaft also nicht egal sein, dass einfache Arbeit zu teuer wird. So wird nach Erhebungen des IW- Zukunftspanels vor allem bei einfachen Dienstleistungen die Zahl der Beschäftigten im Inland in den kommenden fünf Jahren unter dem Strich abnehmen, im Ausland dagegen deutlich zulegen. Einfache Arbeit wandert also ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de