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Fernuni in finanziellen Nöten

Vor 40 Jahren wurde im nordrhein-westfälischen Hagen die erste und bislang einzige deutsche Fernuniversität gegründet. Mit rund 78.000 Studenten ist sie die größte Hochschule Deutschlands. Obwohl die meisten Fern-Hochschüler nicht in Nordrhein-Westfalen leben, stemmt das Land den überwiegenden Teil des Haushalts der Fernuni.

Kernaussagen in Kürze:
  • Vor 40 Jahren wurde im nordrhein-westfälischen Hagen die erste und bislang einzige deutsche Fernuniversität gegründet und ist mit rund 78.000 Studenten die größte Hochschule Deutschlands.
  • Nur ein knappes Drittel der Studenten der Fernuni Hagen wohnt in Nordrhein-Westfalen.
  • Somit entlastet das Land NRW über die Fernuni Hagen viele andere Bundesländer massiv bei ihren Ausbildungskosten für Hochqualifizierte, da das Land den überwiegenden Teil des Haushalts der Fernuni stemmt.
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„Wer wird schon freiwillig zu Hause im Wohnzimmer studieren?“, fragte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1974 anlässlich der Gründung der ersten deutschen Fernuniversität in Hagen. „Leute, die weiter arbeiten wollen“, konterte der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau – und traf mit seiner Einschätzung voll ins Schwarze. Selbst heute noch, 40 Jahre später, sind 80 Prozent der Studenten, die an der Fernuni Hagen immatrikuliert sind, berufstätig.

Lebenslang lernen, dieses Motto hat dem Fernstudium in den vergangenen Jahren eine ungeheure Popularität verschafft: Seit dem Wintersemester 2005/06 hat sich die Zahl der Hagener Studenten auf aktuell rund 78.000 verdoppelt. Zum Vergleich: An allen deutschen Hochschulen ist die Zahl der Hochschüler im selben Zeitraum nur um rund ein Viertel gestiegen.

Das Hagener Angebot wird auch deshalb so stark nachgefragt, weil berufsbegleitende Studienmöglichkeiten in Deutschland dünn gesät sind: Nur 13 Prozent der Bachelorstudiengänge und 18 Prozent der Masterstudiengänge sind derzeit als Teilzeit- oder Fernstudiengänge konzipiert.

Hinzu kommt, dass die Hagener Fernuni mit den sogenannten Akademiestudien einen besonders flexiblen Einstieg ins Studium anbietet. Unabhängig von Schulabschuss oder Berufserfahrung kann jeder Interessent ausgewählte Kurse in Hagen belegen. Erfolgreiche Prüfungsleis­tungen können auf ein späteres Studium angerechnet werden. So ermöglicht das Akademiestudium nicht nur angehenden Abiturienten, sondern auch Absolventen einer Berufsausbildung, herauszufinden, ob sie sich für ein bestimmtes Studienfach wirklich interessieren und auch eignen.

Überdies können sich Absolventen mit Berufsausbildung und mindestens drei Jahren Berufserfahrung auch direkt in ein fachlich verwandtes Studium einschreiben – und das ganz ohne Numerus clausus. Dank dieser flexiblen Zugangswege beträgt der Anteil der Studenten ohne Abitur in Hagen 12 Prozent, das sind fünfmal mehr als im bundesweiten Durchschnitt.

Die Hagener Studenten erhalten ihr Lernmaterial als Studienbrief per Post, wahlweise auch online. Klausuren werden in einem der 13 Regionalzentren der Fernuni geschrieben, mündliche Prüfungen können – falls sich der Student im Ausland befindet – sogar per Videokonferenzschaltung in einer deutschen Botschaft absolviert werden.

Gebüffelt wird überdies längst nicht nur am Wohnzimmertisch, sondern auch per Webcam im virtuellen Classroom oder übers Internet, wo Lehrveranstaltungen, die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses), mit Twitter oder Moodle verknüpft werden.

So viel Flexibilität lockt nicht nur Zöglinge aus NRW an (Grafik):

Nur ein knappes Drittel der Studenten der Fernuni Hagen wohnt in Nordrhein-Westfalen.

An den meisten anderen Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland ist das Verhältnis genau umgekehrt: Im Bundesdurchschnitt bildet ein Bundesland etwa ein Drittel Nicht-Landeskinder an seinen Hochschulen aus.

Da die finanzielle Hauptlast der Hochschulen von den jeweiligen Bundesländern getragen wird, ist die Frage der Herkunft der Hochschüler nicht ganz unerheblich. Die Hagener Fernuniversität hatte im Jahr 2013 Einnahmen von rund 98 Millionen Euro (Grafik).

Den größten Teil davon, mehr als 59 Millionen Euro, steuerte das Land NRW bei. Zweitgrößte Einnahmequelle waren mit annähernd 17 Millionen Euro die Gebühren der Studenten. Für die mehr als 50.000 Nicht-Landeskinder, die in Hagen im Jahr 2013 in regulären Studiengängen eingeschrieben waren, erhielt die Hochschule von Bund und Ländern knapp 9 Millionen Euro. Das ist deutlich weniger als das, was das Land NRW für die Fernstudenten ausgibt, die nicht ihren Wohnsitz in diesem Bundesland haben: nämlich 41 Millionen Euro.

Somit entlastet das Land NRW über die Fernuni Hagen viele andere Bundesländer massiv bei ihren Ausbildungskosten für Hochqualifizierte.

Weil diese grenzüberschreitende Ausbildungsleistung für die Fernuni nicht länger tragbar war, hat sie Anfang dieses Jahres die Einschreibe- und Rückmeldefristen verkürzt, um die Bewerberzahlen zu senken. Auch einzelne Studiengänge werden aus finanziellen Erwägungen dichtgemacht – so etwa der Masterstudiengang Elektro- und Informationstechnik, ein Fachgebiet, in dem qualifizierter Nachwuchs dringend gesucht wird.

Das Beispiel der Fernuniversität Hagen zeigt deutlich, dass die Hochschulfinanzierung in Deutschland neu geregelt werden muss. Auch die Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ betont, dass ein virtuelles Studienangebot mit Servern und ergänzenden Präsenzveranstaltungen an unterschiedlichen Orten nicht mehr durch das herkömmliche Sitzland-Prinzip zu regeln ist.

Die Fernuni Hagen selbst plädiert für einen Fernuni-Pakt, an dem sich der Bund sowie die Länder finanziell stärker beteiligen sollen als bisher. Die Zeichen dafür stehen gar nicht so schlecht: Schließlich hat das Bundeskabinett im Juli 2014 eine Verfassungsänderung beschlossen, wonach Bund und Länder sich in Bildungsangelegenheiten künftig nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft finanziell gemeinsam engagieren dürfen. Eine Hürde gibt es allerdings noch: Damit dieser Beschluss Bestand hat, muss er mit einer Zweidrittelmehrheit vom Bundesrat abgesegnet werden.

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